Wir waren heute in Mitrovica, im Norden des Kosovo, wo der Fluss Ibar die Siedlungen der Albaner von denen der Serben trennt. Und wie immer zwischen den Fronten, versteckt am Rande der Stadt, in einem Lager, das UNICEF und andere humanitäre Organisationen unterstützen - die Roma. Eine frühere Kaserne, die heute auf engstem Raum etwa 350 Menschen beherbergt.
Sie alle haben im Krieg und durch die Gewaltausbrüche danach ihr eigentliches Zuhause verloren. Das Lager, unerklärlicherweise Osterode genannt, soll für diese Menschen nur eine Zwischenstation auf dem Weg zurück in ein geordnetes Leben sein. Zunächst waren sie in Flüchtlingslagern untergebracht, die direkt neben schwer bleiverseuchten Abraumhalden der Bergwerke von Mitrovica lagen. Viele Romakinder hier leiden unter einem gefährlich hohen Bleigehalt in Blut und Knochen, der Nerven- und Hirnschädigungen und Entwicklungsstörungen nach sich zieht. Das Lager Osterode ist auch deshalb eingerichtet worden, um diese Kinder in eine wenigstens ansatzweise gesündere Umgebung zu bringen und ihnen medizinische Hilfe zukommen zu lassen.
Es ist meine allererste Begegnung mit Roma, das muss ich zugeben. Und die Eindrücke sind so unterschiedlich: Familien, die vor den Baracken ihre Teppiche waschen, Frauen in bunten Röcken, umgeben von unzähligen Kindern. Viel Fröhlichkeit, trotz allem, wir spüren nirgends Ablehnung oder Misstrauen. Manche sprechen uns auf deutsch an, dazu später mehr.
Die meisten scheinen 5 bis 6 Kinder zu haben, geheiratet und geboren wird offensichtlich ab etwa 15 Jahren. Seltsam, hier an meine 15-jährige Tochter zu denken, für die ich mich schon längst nach einem Ehemann umschauen müsste. Einige Familien lassen uns zu sich in die Wohnungen hinein, wobei Wohnung ein zu großes Wort ist für die 1-Zimmer-Behausung, in der Eltern und Kinder leben. Was wir sehen, ist sehr sauber und aufgeräumt. Der typische Haushalt scheint zu bestehen aus Teppichen, einem Bett, Wandteppichen von Mekka, direkt daneben Jesus, Fernsehapparate und Familienfotos. Im Zimmer einer Frau allerdings, die 6 eigene und 4 Kinder aus ihrer Sippe um sich hat, schlägt uns ein übler Geruch entgegen und Fliegen krabbeln über ein schlafendes Baby.
UNICEF setzt auch hier an der Schulbildung an. Die hat bei den hiesigen Roma traditionell keinen sehr hohen Stellenwert, erklären uns die UNICEF-Experten: Praktisch hieß das früher, dass viele Kinder gar keine Schule besuchten und wenn dann nur die ersten Klassen, aber beinahe nie eine weiterführende Schule. Da hat sich immerhin einiges verändert: eine Vorschule im Lager gewöhnt die Kinder ans Lernen und hilft ihnen, wo ihre Eltern nicht helfen können. So steigt die Zahl der Roma-Kinder im Bildungssystem hier an. Nur: Das alles gilt nur für die ersten 8 Klassen, danach macht fast niemand weiter, schon gar keine Mädchen. Die Lehrerin und die UNICEF-Mitarbeiterinnen berichten uns, dass kein Überreden gegen die Tradition ankommt, und die heißt nun einmal: frühe Verheiratung und viele Kinder. Ein einziger Fall eines Jungen, den die Roma-Eltern nun aufs Gymnasium schicken wollen und dem UNICEF die notwenigen Bücher kauft, ist bekannt – und macht die UNICEF-Kollegen schon froh.
Wir sprechen auch mit dem medizinischen Team, das das Lager betreut. Den bleivergifteten Kindern werden Medikamente und bis vor kurzem, als das Geld ausging, auch Nahrungsergänzungsmittel gegeben. Außerdem musste man den Kindern und ihren Eltern erst einmal klarmachen, wie gefährlich die Bleiabfälle sind. Viele Roma bestreiten hier ihren Lebensunterhalt damit, Metallreste und Autobatterien zu Hause zu schmelzen, um die Rohstoffe zu verkaufen. Unwissend haben sie ihre Kinder damit in noch größere Gefahr gebracht. Das medizinische Therapieprogramm scheint Fortschritte bei vielen gebracht zu haben, es muss aber Ende Oktober auslaufen. Die Ärzte eröffnen uns, dass man ihnen gekündigt hat. Wie es weitergehen soll und wer sich jetzt um diese schwerkranken Kinder kümmert, hängt völlig in der Schwebe.
Am Nachmittag wird für uns eine große Show in Szene gesetzt, offenbar haben alle wochenlang dafür geübt: Albanische Volkstänze in irgendwie türkisch anmutender Tracht, serbische Kinderlieder, Breakdancer – das ganze Programm. Wenn die 14-jährigen Mädchen für uns tanzen, klatschen wir brav, haben aber doch ein komisches Gefühl, weil sie eben nach Romabegriffen Frauen sind kurz vor der Verheiratung.
Den traurigsten Eindruck des Tages macht die Begegnung mit der Familie Jahirovic. 16 Jahre haben sie in Emsdetten bei Münster gelebt, ihre sieben Kinder sind entweder dort geboren oder kennen kaum etwas anderes, haben das deutsche Schulsystem durchlaufen. Vor eineinhalb Jahren hat die Bundesrepublik die Jahirovics in einer Nacht- und Nebelaktion abgeschoben. Ihr Pech: die Mutter hat einen mazedonischen Pass und dorthin darf, anders als in den Kosovo, abgeschoben werden. Nun sitzen die Jahirovics im Lager Osterode in Mitrovica in der Falle. Ihre Kinder sind voller Sehnsucht nach Deutschland, ihren Freunden, ihren Schulen, ihrem ganzen Leben. Hier schlagen sie sich als Müllsammler und Bonbonverkäufer durch.
Eine fürchterliche Geschichte, die wir da hören, verbunden mit der dringlichen Bitte, ob wir nicht irgendwie helfen könnten, irgendjemanden mit ihrem Fall befassen können. Wir versprechen darüber nachzudenken und fühlen uns doch eher hilflos. Mich macht das wütend: eine völlig sinnlose Maßnahme, diese Kinder aus dem einzigen Leben, das sie kannten, herauszureißen. Ich verstehe nicht, wie Deutschland damit geholfen sein soll.
Bevor es dunkel wird, sehen wir uns ein Fußballspiel in der örtlichen Sporthalle an: erst die Jungs, dann die Mädchen. UNICEF mietet die Halle einmal pro Woche an, damit sich die Roma-Kinder in dem Lager nicht so eingesperrt fühlen. Hier können sie einmal vergessen, wie hart die Umstände sind unter denen sie leben.
Datenschutz | Seite weiterempfehlen | Druckversion
© Copyright 2010 UNICEF Deutschland