Wir fahren noch einmal in den Norden des Kosovo, nach Mitrovica. Diesmal in den Süddteil der geteilten Stadt. Hier, wo fast nur Albaner leben, steht die Roma Mahalla. Vor dem Militäreinsatz der NATO lebten in dieser Siedlung am Ufer des Ibar mehr als 8.000 Roma. Sie alle wurden 1999 von den Albanern vertrieben und die Häuser wurden vollständig zerstört. Auf dem riesigen Gelände zeugen heute nur noch zwei oder drei Ruinen von dem alten Stadtteil.
Jetzt, acht Jahre später, sollen die Roma ihre Mahalla zurückerobern. Die internationale Gemeinschaft finanziert das Wiederaufbauprojekt. Die ersten 50 Familien sind zurückgekehrt in stabile, neue Häuser. Hier sind wir Lichtjahre entfernt vom Elend der Lager auf der anderen Flussseite. Alle Roma, die wir sprechen, scheinen mit dem Wiederaufbau des Viertels ganz zufrieden. Aber kaum einer hat Arbeit oder eigenes Einkommen. Und, so sagt man uns, wenn keine Albaner zuhören: Die Roma hier fühlen sich noch immer unsicher und bedroht. Sie erzählen, dass sie auf den Straßen angepöbelt, sogar verprügelt werden.
Das sagt auch Sadete. Sie ist 16 Jahre alt. Im Krieg war sie aus Roma Mahalla nach Mazedonien geflohen. Später kehrte sie zurück nach Mitrovica. Dort konnte sie in den Flüchtlingslagern im Nordteil der Stadt die von UNICEF unterstützten Schulprogramme durchlaufen, um nachzuholen, was sie in den Jahren ihrer Flucht verpasst hatte. Anschließend hat sie ein Jahr Berufsvorbereitung und eine Starthilfe bekommen, um einen Kiosk aufzumachen, Und jetzt ist sie, was es bei den Roma kaum gibt: Eine 16-Jährige, die selbständig Geld verdient, ihre Familie damit unterstützt und nicht verheiratet ist.
Zu heiraten, hat Sadete auf absehbare Zeit nicht vor. „Wenn ich so früh geheiratet hätte, wie manche meiner Freundinnen, könnte ich nur mit irgendjemandem zuhause herum sitzen. Das alles hier hätte ich nicht.“ Ihre Freundinnen versucht sie auch davon zu überzeugen, dass früh begonnene Ehen nur Nachteile bringen. Aber oft hat sie keinen Erfolg. Viele Mädchen sind mit 13 verheiratet und gehen von der Schule ab. „Wenn das meine Töchter wären“, sagt Sadete, „würde ich denen was erzählen.“
Mit ihrem kleinen Laden ist Sadete eine Hoffnungsträgerin in Roma Mahalla. Aber auch sie und ihre Familie wohnen hinter einer schweren Metalltür und von drei Hunden bewacht. Und wenn sie unbelästigt ausgehen will, dann tut sie das im serbischen Nordteil Mitrovicas.
Wenn ich jetzt gleich nach Deutschland zurückfliege, dann sind sicher nicht alle Fragen geklärt. Im Gegenteil erscheint mir das Kosovo-Problem noch verwickelter als vorher. Und egal, wie es mit dem Status dieses Landes weitergeht, scheinen mir die Roma auf jeden Fall noch längere Zeit gefährdet zu bleiben. Ich glaube deshalb, dass dies kein Land ist, in das man im Augenblick Roma abschieben kann, und hoffe, dass dies die deutsche Politik bleiben wird.
In der Zwischenzeit kann und muss UNICEF an der Seite der Roma bleiben. Die Hilfsprojekte, die wir hier gesehen haben und die Zusammenarbeit mit den Partnerorganisationen tragen erste Früchte. Es gelingt, mehr Kinder in die Schulen zu bringen. Es gelingt, vor allem die Roma-Frauen zu erreichen und so hoffentlich die entsetzliche Kinder- und Müttersterblichkeit zu senken. Und hoffentlich gelingt es auch, die Verantwortlichen hier noch mehr davon zu überzeugen, dass die Roma wie jede andere Bevölkerungsgruppe auch ihren Platz haben und ihr Recht auf Heimat.
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