

60 Jahre UNICEF – ein Gespräch mit der UNICEF-Vorsitzenden Heide Simonis, ihrem Vorgänger Reinhard Schlagintweit und UNICEF-Geschäftsführer Dietrich Garlichs
Seit sechs Jahrzehnten ruft UNICEF zur Hilfe für Kinder auf. Hat sich so wenig verbessert, dass man immer noch um Spenden bitten muss?
Heide Simonis: Als ich im vergangenen Jahr Schulprojekte in Angola besuchte, schien vieles wie 1967, als ich in Sambia lebte: kein öffentliches Verkehrswesen, die Mütter mit den Kindern auf dem Rücken und Gefäßen auf dem Kopf, lange Wege laufend, die nächste Krankenstation unerreichbar. Sicher haben die Regierungen in den ärmsten Ländern viel falsch gemacht. Es gab und gibt leider immer noch zu viele Politiker, denen die Menschen gleichgültig sind, die lieber an sich und ihre Familie denken als das Gemeinwesen zu stärken. Aber es gibt eben auch die unfaire Situation auf dem Weltmarkt, das Abschotten unserer Märkte gegen die Agrarprodukte aus dem Süden – wir tragen also alle Mitverantwortung.
Dietrich Garlichs: Auch wenn es manchmal anders aussieht, in den letzten 60 Jahren hat sich viel Positives getan. Die Kindersterblichkeit war 1946 sehr viel höher, wesentlich weniger Kinder gingen zur Schule. Der Gedanke, dass jedes Kind ein Recht auf Überleben, Schutz und Entwicklung hat, war in weiter Ferne. Und die Meinung der Kinder interessierte die Erwachsenen kaum.
Wie lassen sich die Rechte der Kinder in Entwicklungsländern besser durchsetzen?
Reinhard Schlagintweit: UNICEF arbeitet auf zwei Ebenen. Da ist zum einen die unmittelbare Hilfe, damit Kinder gesund aufwachsen, zu essen haben und zur Schule gehen. Dann geht es darum, einen Beitrag zur Entwicklung der Gesellschaften zu leisten, indem man die Regierungen auffordert, ihre Verpflichtung aus der Kinderrechtskonvention ernst zu nehmen und sie in konkrete Politik zu übersetzen.
Dietrich Garlichs: Am meisten bewirken könnten natürlich die Regierungen selbst, wenn sie die politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen für Kinder nachhaltig verbessern und zum Beispiel allen Kindern den Schulbesuch ermöglichen würden. Geld ist dabei sehr wichtig, aber der politische Wille ist noch wichtiger.
Hat UNICEF Macht - oder wenigstens Einfluss?
Heide Simonis: UNICEF kann in den Ländern nicht einfach mit dem Finger auf andere zeigen oder laut schimpfend den Saal verlassen und die Kinder ihrem Schicksal überlassen. Das bedeutet aber nicht, dass man alles hinnimmt.
Dietrich Garlichs: UNICEF kann zwar keine Regierung absetzen und auch keine Sanktionen verhängen, aber es gibt Instrumente. Das Bewusstmachen des Phänomens Kinderarbeit war zum Beispiel ein großer Erfolg. Es ist noch nicht lange her, dass Länder in Südasien das völlig ignorierten. Heute versuchen sie zumindest, die gefährlichsten Formen der Kinderarbeit zurückzudrängen. Dazu hat auch der Druck von Konsumenten beigetragen. Denn internationale Handelshäuser können es sich nicht länger erlauben, dass ihre Zulieferfirmen Kinder ausbeuten.
Sind Spenden mehr als ein Trostpflaster für die Armen?
Heide Simonis: Ich glaube, Spender haben ein feines Gespür dafür, was in der Welt passiert, wie schlimm es ist, schon als Kind keine Chance zu haben. Man sieht es auch an den vielen UNICEF-Gruppen, die sich bemühen, das anderen nahe zu bringen.
Reinhard Schlagintweit: Für mich ist meine Spende ein Weg, etwas gegen die Ungerechtigkeit in der Welt zu tun. Nach vielen Projektbesuchen in Osteuropa, Asien und Afrika bin ich fest überzeugt, dass UNICEF die denkbar beste Organisation dafür ist.
Dietrich Garlichs: Wenn man mit Spenden Kindern in Pakistan hilft, heil durch den Winter zu kommen, ist das sicherlich mehr als ein Trostpflaster. Und wenn man Kindern ermöglicht, zur Schule zu gehen, hat das auch langfristige Effekte.
Warum unterstützen so viele Menschen UNICEF?
Heide Simonis: Die Menschen haben Vertrauen in das, was UNICEF sagt und tut. Das ist eine ganz kostbare Sache. Natürlich ist die Arbeit auch ein Kampf gegen Windmühlen, aber die meisten UNICEF-Mitarbeiter und -Ehrenamtlichen, die ich getroffen habe, würden es immer wieder machen.
Dietrich Garlichs: Weil UNICEF sich für die am stärksten benachteiligten Kinder auf der Welt einsetzt. Und weil die Verbindung von praktischer Hilfe und politischer Arbeit in einem globalen Maßstab einmalig ist.
Birgt Hilfe auch das Risiko, die Entwicklungskräfte eines Landes zu schwächen?
Heide Simonis: Ich fürchte, dass dies immer wieder passieren kann. So kann Nahrungsmittelhilfe ganze Länder in Abhängigkeit von außen bringen. Aber es gibt Situationen, wo es keine Alternative dazu gibt – schlicht, damit die Frauen und Kinder zu essen haben.
Reinhard Schlagintweit: Die Bereiche, in denen UNICEF tätig ist, sind nicht diejenigen, mit denen man Länder verwöhnt. Trotzdem – es ist schwer erträglich, dass zum Beispiel in einem Land wie Kenia Kinder verhungern, obwohl es im Land genügend Nahrungsmittel gibt.
Wie hat sich UNICEF verändert?
Dietrich Garlichs: Die Arbeit hat sich enorm erweitert und reicht heute vom Brunnenbau bis zur Beratungs- und Lobbyarbeit bei komplizierten Gesetzesvorhaben.
Reinhard Schlagintweit: UNICEF ist politischer geworden. Wir wollen nicht nur Kindern helfen, sondern auch auf Politik einwirken. Das lässt sich zwar schwerer in den Medien darstellen und spricht das Mitgefühl der Menschen nicht unmittelbar an. Aber es vermittelt den Menschen die Überzeugung, dass sie langfristige Veränderungen unterstützen.
Was kann UNICEF für Kinder in Deutschland tun?
Reinhard Schlagintweit: In Deutschland gehen die meisten Menschen davon aus, dass die Kinderrechte bei uns längst verwirklicht sind. Das trifft nicht zu. UNICEF versucht deshalb, die Diskussion über Fragen wie Kinderarmut oder die Lage von zugewanderten Kindern voranzutreiben und für Verbesserungen einzutreten. Auch viele Kinder und Jugendliche beteiligen sich. Allerdings kann UNICEF in Deutschland nur politisch wirken und Bewusstseinsarbeit leisten, keine Hilfsprojekte durchführen.
Heide Simonis: In den Industrieländern gibt es Gesetze, Institutionen und auch viel mehr Geld, um Kinder in Not schützen zu können. UNICEF macht sich dagegen zum Anwalt und Sprecher von Kindern in den Ländern, in denen es keine ausreichenden gesetzlichen Regelungen und nicht genug finanzielle Mittel gibt.
Reiche Länder sind arm an Kindern. Der Reichtum armer Familien ist oft, dass sie viele Kinder haben. Wo wachsen Kinder besser auf?
Dietrich Garlichs: Kinder in wohlhabenden Ländern haben meist einen enormen Freiraum, den es in armen Ländern nicht geben kann, weil Kinder dort von früh an hart arbeiten müssen. Auf der anderen Seite wissen wir, dass durch Materialismus und Überfluss neue Probleme entstehen wie emotionale Verarmung und psychosomatische Krankheiten.
Reinhard Schlagintweit: Natürlich haben die Kinder bei uns wesentlich bessere Startbedingungen. Aber mich beeindruckt immer wieder die Fröhlichkeit von Kindern in Großfamilien, die aus unserer Sicht bitterarm sind.
Heide Simonis: Kinder bei uns bekommen zwar von den Eltern, denen es gut geht, alles. Sie haben Rechte. Gerichte kümmern sich darum, wenn etwas schief geht. Polizisten werden geschult, damit sie Zeichen für Verwahrlosung erkennen. Aber ob das automatisch zu einer glücklichen Kindheit führt, das wage ich zu bezweifeln.
Herr Schlagintweit, was war für Sie die wichtigste Erfahrung in den zwölf Jahren als UNICEF-Vorsitzender?
Reinhard Schlagintweit: Das war sicher die Begegnung mit den Menschen, die sich ehrenamtlich, in den Arbeitsgruppen von UNICEF und in den Medien engagieren. Zu sehen, was in unserer Gesellschaft an Idealismus, Warmherzigkeit und Tatkraft vorhanden ist. Was gibt es Schöneres, als mit anderen dafür zu kämpfen, dass alle Kinder auf der Welt ein besseres Leben haben?
Frau Simonis, was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Heide Simonis: Ich wünsche mir, dass viele Menschen in Deutschland sagen: Wir sollen es gut haben, die anderen sollen es aber auch gut haben. Deshalb geben wir ein Stückchen von dem ab, was wir besitzen, damit ein Kind zum Beispiel ein Jahr zur Schule gehen kann. Wenn wir auch nicht allen, die in Not sind, helfen können, so ist es doch großartig, wenigstens für einige Kinder einen Beitrag zu leisten.
Helfen Sie mit, dass Kinder gesund und sicher aufwachsen und zur Schule gehen können. Danke!
Online spendenUNICEF Deutschland
Konto 300 000
BLZ 370 205 00
Bank für Sozialwirtschaft Köln
