“Kennst du jemanden, der gerne Lesen und Schreiben lernen würde? Oder kennst du Kinder, die Hilfe in der Schule brauchen?” steht auf dem Zettel, den mir Roberto Raggio in die Hand drückt. Roberto ist von der Stadt als Sozialarbeiter in dem Elendsviertel 2 de abril (dt. 2. April) angestellt und arbeitet mit vier Kollegen an einem Alphabetisierungsprogramm. Jeden Samstag von 16 bis 18 Uhr können Kinder und Jugendliche, aber auch Erwachsene umsonst Unterricht nehmen.
Als ich morgens in dem Zug zum Stadtteil Adrogue sitze, wo ich mich mit Roberto treffen will, ist mir etwas mulmig zumute. Der Wagen ist schäbig und die Menschen um mich herum schauen finster. Ein alter Mann verkauft Kaffee aus zerbeulten Thermoskannen und ein 12-Jähriger mit schmutzigem Gesicht bietet Tageszeitungen feil. Über meinem Kopf quietscht eine große Deckenlampe an einem letzten Scharnier hin und her und droht jeden Moment abzustürzen. Entlang der Bahngleise wechseln sich Villen und Armenviertel ab.
Von der Bahnstation aus geht es mit einem Taxi weiter, dessen Tür ich während der Fahrt zweimal auf- und zumachen muss, weil sie nicht richtig schließt. Schließlich holpern wir über eine mit Schlaglöchern versehene Schlammstraße und sind da: in 2 de abril, einem der vielen Elendsviertel Buenos Aires’.
Ich treffe Roberto (42), der seit zwei Jahren in dem Viertel arbeitet und dort sehr bekannt ist – Kinder wie Erwachsene schätzen ihn, da er Schulstunden, Ausbildungsprogramme, Diskussionsrunden und Gesundheitsaufklärung organisiert. Doch nicht nur Lernen ist angesagt, auch Filmkurse, bei denen die Kinder lernen, mit Kameras aufzunehmen und etwas über ihre Probleme erzählen können sowie Feste stellt er mit freiwilligen Helfern auf die Beine. “Das ist wichtig”, sagt er, “weil zum Beispiel regelmäßige Treffen zum Tanzen helfen, Vertrauen zu gewinnen. Die Jugendlichen unterhalten sich und tauschen sich aus – es ist ein Forum, auf dessen Boden man dann viel bewegen kann.”
Roberto und sein Team aus etwa 150 Helfern besuchen auch Schulen, um die Lehrer auf mögliche Problemfelder hinzuweisen. “Wenn die Lehrer wüssten, aus was für Verhältnissen ihre Schüler zum Teil kommen
, würden sie ganz andere Maßnahmen ergreifen”, erklärt Roberto kopfschüttelnd. Es ist wichtig, dass Roberto so viele im Viertel integrierte Helfer hat. Nur durch die Freiwilligen lässt sich zum Beispiel das Alphabetisierungsprogramm vorantreiben. Viele der Analphabeten würden nie aus eigenen Stücken eine Schule aufsuchen, weil sie sich schämen. Sie verbergen lieber, dass sie weder lesen, noch schreiben können. Doch je bekannter das Programm und je mehr Leute es propagieren, desto wahrscheinlicher ist ein Erfolg. Das Wichtigste jedoch ist der Wille der Bewohner in 2 de abril – wer keine Veränderung will, dem kann schwerlich geholfen werden. Und von solchen Menschen, die lieber in ihren ärmlichen Behausungen leben, statt regelmäßig arbeiten zu müssen, gibt es scheinbar nicht Wenige.
Über einen Steg gelangen wir an einen kleinen Fluss, der voller Müll steht. Plastiktüten, Schuhsohlen, Dosen und Autoteile säumen die Ufer. Die Einwohner haben kein fließendes Wasser, sondern sind von großen Tanks abhängig, die sich aus Regenwasser speisen.
Wir besuchen Familie Sanchez, die in einem Verschlag aus Brettern, Wellblech und Plastik wohnen. Hinter einem Zaun tollen Hühner und Hunde durch einen Schrotthaufen, am Zaun hängt der Müll. Brenda (13) begrüßt Roberto fröhlich. Sie wohnt mit Mutter, Vater und sechs Geschwistern auf dr
ei Räumen. Die Kinder gehen bis auf den ältesten Sohn alle zur Schule. Nachmittags schauen sie fern oder helfen den Eltern im Haushalt. So arm die Obdächer aussehen mögen – einen Fernseher haben zu meinem Erstaunen alle. Brendas Vater ist Maurer, ihre Mutter führt Buch über die Wasserverteilung im Viertel. Das ist nicht immer leicht. Manchmal, wenn einer der Tanks kaputt ist, müssen ganze Wohnblocks ohne Wasser auskommen, ihren monatlichen Betrag aber trotzdem an Familie Sanchez zahlen, damit sie im nächsten Monat weiterhin versorgt werden. Die Wassertanks wurden für 800.000 Einwohner konzipiert, mittlerweile wohnen in 2 de abril doppelt so viele Leute, doch die Tanks sind die Gleichen geblieben.
Ob Brenda schon weiß, was sie später mal machen möchte? Sie schüttelt den Kopf. “Wie viele Jahre muss ich noch zur Schule gehen?”, fragt sie Roberto dann. “Zwei, bis du einen ersten Abschluss hast”, erklärt er. Sie guckt nachdenklich, als wir uns verabschieden.
Auch Patricia Rivero (16) geht noch zur Schule. Ihre Mutter betätigt sich in der Bürgerbewegung “Libres del Sur”, der auch Roberto angehört. Sie hilft den Einwohnern von 2 de abril wichtige Papiere ausgestellt zu bekommen – 45% der Menschen, die in dem Elendsviertel leben, haben keine Möglichkeit, ihren Besitz nachzuweisen und sind Diebstahl schutzlos ausgeliefert. Sie verteilt a
uch Medikamente und macht das Alphabetisierungsprogramm bekannt. Abends näht sie Vorhänge und Decken, die sie verkauft. Den Erlös steckt die Familie in die Organisation von privaten Aufklärungsprogrammen. Sie leben vom Einkommen des Vaters, der in der Innenstadt Buenos Aires’ auf dem Bau arbeitet.
Patricia hat vier Geschwister. Sie steht um sechs Uhr auf, um der Mutter im Haushalt zur Hand zu gehen, bevor sie zur Schule muss. Wenn sie um drei Uhr nachmittags zurückkommt, hilft sie – wie alle ihre Geschwister auch – bei Aktionen der Bürgerbewegung mit. Patricia gibt Malklassen, ihr Bruder Cristian (19), der Klempner ist, koordiniert in seiner Freizeit mit Nelson (13) Sportstunden für Jugendliche. “Die sind wie Honig für die Fliegen mit ihrem Sportangebot”, sagt ihr Vater. “Der Sport soll für alle sein und ein Ort, an dem auch andere Sachen beigebracht werden können.” Maria (17) arbeitet bei der Gemeindeverwaltung und hilft bei größeren Aktionen mit. Auch Nalini (5) schwirrt mit Plakaten um mich herum, während ihr Vater mich durch das Haus führt. Das Schlafzimmer der Eltern ist winzig, hat eine Backsteinwand, die anderen drei Seiten sind holzverschlagen. Es gibt kein Fenster und es ist extrem kalt. Ob sie eine einfache Heizung haben für den Winter? Der Vater schüttelt den Kopf. Dann legt er eine CD-Rom in den DVD-Player ein und zeigt mir Fotos vom letzten Dorffest.
Das größte Problem scheint die fehlende Sicherheit. Auf die Polizei ist kaum Verlass und auch Nachbarn rauben sich gegenseitig aus. Überfälle sind an der Tagesordnung. Was man dagegen tun könne, möchte ich wissen. “Wir bekämpfen die Kriminalität mit unseren Foren und versuchen, das Elektrizitätssystem auszubauen – je mehr Licht es gibt, desto weniger Chance haben die Räuber”, erklärt Ramon Gomez, Vater der 6-köpfigen Familie Rivero und einer 4-köpfigen Familie im Nachbarviertel.![]()
Wir kehren über einen Markt, auf dem Schweineköpfe in der prallen Sonne hängen, zurück zu Robertos Büro. Seine Arbeit ist hart und Wandel ist ein langsamer Prozess. Wieso Roberto sich diese Arbeit ausgesucht hat? “Ich mag diesen Job. Es ist keine Revolution, ich verändere nicht die Welt, aber ich verändere zumindest Etwas”, erzählt der 42-Jährige, der selbst mit 15 die Schule abgebrochen hat, um erst viel später in Abendkursen seinen Abschluss zu machen. “Es ist ein Kampf, aber am Ende kann ich einen Erfolg sehen.”
Dieser Beitrag wurde am Wednesday, den 1. October 2008 um 16:03 Uhr veröffentlicht und unter der Kategorie Argentinien angelegt. Die Kommentare zu diesen Beitrag können durch den RSS 2.0 Feed verfolgt werden.

Am 16. October 2008 um 03:22 Uhr
Hallo Lena,
ich komme seit ein paar Jahren regelmäßig nach Buenos Aires und bin momentan seit zwei Wochen hier und bleibe noch ein paar Wochen. Es würde mich freuen, wenn du mit mir Kontakt aufnimmst!
Am 20. October 2008 um 20:13 Uhr
Liebe Janette,
vielen Dank fuer deinen Kommentar. Ich werde mich per Email mit dir in Verbindung setzen.
Viele Gruesse,
Lena
Am 11. February 2010 um 20:30 Uhr
Liebe Lena,
sehr gern würde ich mit dir über deine Zeit in Buenos Aires sprechen. Ich bin Journalistin und recherchiere für eine Reportage über die Stadt.
Viele Grüße,
Mareike