Als ich gestern gegen 10 Uhr vormittags in die Innenstadt von Kigali will, traue ich meinen Augen nicht: Alle Straßen sind leer. Kaum ein Mensch ist auf der Straße, es fahren keine öffentlichen Verkehrsmittel – nicht mal ein Moto-Taxi! Kein Geschäft ist geöffnet. Die Polizei lässt einige der wenigen Autos anhalten. In meiner Nachbarschaft schließlich sehe ich ca. 50 Menschen zusammensitzen, eine weitere Gruppe von Männern und Frau treffe ich eine Straße weiter mit Schaufeln und Besen an. Hab ich was verpasst? Ist heute Feiertag? Nein.
Meine Mitbewohner klärt mich schließlich auf: Am letzten Samstag im Monat ist von 7 Uhr morgens bis zum Mittag „Umuganda“. „Umuganda“ ist ein Kinyarwanda-Wort und bedeutet „Beitrag, Mitwirkung, Beteiligung“. Es ist ein für die ganze Bevölkerung „obligatorisches Arbeitsfest“. Dies ist wohl eine ruandische Tradition, die ihren Ursprung noch in präkolonialer Zeit hat. An Umuganda soll jeder zum Aufbau und zur Instandhaltung des Landes beitragen (auf Kinyarwanda: “Umuganda wubaka igihugu”).
Jede Person über 18, die dazu körperlich in der Lage ist, ist verpflichtet, sich an dieser unbezahlten kommunalen Arbeit zu beteiligen - vom Präsidenten bis hin zu den Bewohnern der kleinsten Dörfer in den Nationalparks. Tut man dies nicht und hat keine Ausnahmegenehmigung (die man aus triftigem Grund gegen Bares erwerben kann), kann man sogar kurzzeitig inhaftiert werden, wenn man bei anderen Tätigkeiten (wie Auto- oder Taxifahren…) erwischt wird. Sinn der Sache ist, einen Gemeinschaftssinn unter den Nachbarn und Dorfbewohnern zu entwickeln, fördern und pflegen, Diskussionen anzuregen, Informationen auszutauschen und direkte Arbeitseinsätze dort zu starten, wo sie dringend benötigt werden. Außerdem soll so jeder an der Verantwortung für das Dorf/die Kommune beteiligt werden. Eine „Umuganda“-Gruppe, der meist zwischen 50 und 150 Haushalte angehören, werden von einem „Umudugudu“ Manager geleitet und gilt als die kleinste lokale Verwaltungseinheit innerhalb Ruandas.
Das sieht dann so aus: Alle Erwachsenen treffen sich zu einem Arbeitseinsatz oder zu Sitzungen: Straßen putzen, Bäume und Büsche schneiden, den Rasen der Stadt mähen, öffentliche Gebäude instandhalten, Beratungen über die Entwicklung der Kommune abhalten usw. Außerdem können hier die Bürger den lokalen Autoritäten direkt Fragen stellen oder Probleme diskutieren.Ein weiterer Vorteil ist, dass sich durch Umuganda wirklich alle Menschen eines Dorfes oder eines Stadtteils direkt kennen und gemeinsam Probleme diskutieren können, die alle betreffen – das kann zum Beispiel die Sicherheit eines Dorfes sein, aber auch die Auswirkung eines Regierungsprogrammes auf den Ort. Außerdem können hier post-genozide Herausforderungen auf lokaler Ebene angesprochen werden, ganz pragmatisch z.B. wenn ein Dorfbewohner nach jahrelanger Haft seine Strafe abgesessen hat und ins Dorf zurückkehrt.
Ein Redakteur der Zeitung „The New Times“, die hier in Ruanda erscheint, hat 2008 eine interessante Rechnung aufgestellt: an Umuganda arbeiten ca. 5 Millionen Menschen ungefähr 4 Stunden lang unbezahlt, das sind 20 Millionen Stunden menschlicher Arbeit. Das heißt umgerechnet, dass an jedem letzten Samstag im Monat soviel Menschen arbeiten wie sonst 10000 Menschen ein ganzes Jahr lang!!! Und das unbezahlt.