29.12.05 - Um die Vernachlässigung von Kindern und Fälle von Missbrauch und Gewalt früher aufzudecken, denken Politiker in mehreren Bundesländern über regelmäßige Pflichtuntersuchungen nach. So gibt es im Saarland Pläne, die so genannten "U"-Termine für Vorsorgeuntersuchungen per Gesetz verpflichtend zu machen. Nach einer UNICEF-Studie zur Gewalt gegen Kinder in Industrieländern sterben in Deutschland jede Woche etwa zwei Kinder an den Folgen von Misshandlungen oder Vernachlässigung. Das ist die Spitze eines Eisberges von vielen weniger spektakulären und damit unsichtbaren Fällen. Ein Interview mit UNICEF-Sprecher Rudi Tarneden:
Welche Dimension hat das Problem in Ländern wie Deutschland?
In den Industrieländern sterben jedes Jahr 3.500 Kinder unter 15 Jahren an den Folgen körperlicher Vernachlässigung. Jede Woche sind dies allein in Deutschland zwei Todesfälle.
Todesfälle sind dramatische und zum Glück selten vorkommende Ereignisse. Sie sind allerdings die Spitze eines Eisbergs der Gewalt. Nicht-tödliche körperliche und seelische Vernachlässigung und Misshandlungen kommen weit häufiger vor. Sie geschehen aber im Verborgenen, meist in der Familie.
Weil Gewalt und Vernachlässigung von den Menschen ausgehen, denen die Kinder vertrauen, versuchen sie oft aus Selbstschutz, dies als „normal“ oder „gerechtfertigt“ anzusehen und sprechen nicht mit anderen darüber. Und es ist schwierig, Risikofamilien zu identifizieren. Denn die Zeichen für Vernachlässigung und Gewalt in einer Familie sind nicht einfach zu erkennen.
Kommt das blaue Auge von einem Sturz oder einem Schlag? Ist das Kind verschüchtert, weil es immer angebrüllt wird oder ist es einfach nur ein stilles Kind?
Welche Auswirkungen haben Gewalt und Vernachlässigung auf Kinder?
Die gesamt körperliche und geistige Entwicklung der Kinder wird dadurch massiv beeinträchtigt. Diese Kinder haben Probleme in der Schule, entwickeln kein Vertrauen zu anderen, können oft ihr Leben lang keine stabilen sozialen Beziehungen eingehen. Sie leiden unter Ängsten, Depressionen, haben ein vermindertes Selbstwertgefühl. Oft flüchten sie sich später in Alkohol und Drogen.
Übrigens muss man davon ausgehen, dass ein Teil der Erwachsenen, die ihre Kinder vernachlässigen, selbst solche Erfahrungen gemacht hat.
Warum vernachlässigen Eltern ihre Kinder?
Untersuchungen von UNICEF haben gezeigt, dass eine Reihe von Faktoren das Risiko für die Kinder entscheidend prägen: Alkohol- und Drogenmissbrauch, Gewalt zwischen den Eltern sowie Armut und Stress.
Diese Eltern hassen ihre Kinder nicht. Aber sie sind überfordert, haben sich nicht unter Kontrolle, reagieren ihren Frust spontan ab. Oft sind sie psychisch labil. Schwere Misshandlungen kommen auch da besonders oft vor, wo auch leichtere körperliche Gewalt zum Alltag gehört. Die Eltern, die oft schlagen, schlagen am härtesten.
Weitere Faktoren sind Armut, Arbeitslosigkeit, beengte Wohnverhältnisse sowie Gefühle von Ohnmacht und Hoffnungslosigkeit. Die meisten Betroffenen werden trotzdem damit fertig. Aber ein kleiner Teil schafft dies nicht und lässt sich gehen.
Die größte Schwierigkeit besteht darin, diese Risikofamilien frühzeitig ausfindig zu machen und ihnen Hilfsangebote zu machen. Hilfe heißt zum Beispiel Beratung bei Eheproblemen, Erziehungsberatung, Unterstützung bei der Arbeits- und Wohnungssuche. Man kann den Kindern nur helfen, wenn die Eltern zur Zusammenarbeit bewegt werden.
Das Saarland hat eine Bundesratsinitiative gestartet, um die U-Untersuchungen beim Kinderarzt zur Pflicht zu machen. Ist dies ein Weg, die Risikokinder zu erreichen?
Dies ist eine wichtige Initiative. Trotzdem darf nicht der Eindruck entstehen, dass gesetzlicher Zwang allein das Problem lösen kann. Es geht um ein Bündel von Maßnahmen, ein ganzes Netz zum Schutz der Kinder.
So müssen eigentlich alle, die mit Kindern berufsmäßig zu tun haben, geschult sein, Probleme in Familien zu erkennen und die Eltern darauf anzusprechen. Das sind zum Beispiel Kindergärtnerinnen, Lehrer, Sozialarbeiter. Aber auch Nachbarn oder andere Eltern auf dem Spielplatz sollten hinschauen und Hilfe anbieten.
Wenn sie sich nicht sicher sind oder sich nicht trauen, einzugreifen, sollten sie das Jugendamt oder Kinderschutzzentren aufmerksam machen, die dann dem Verdacht nachgehen. Dies bedeutet aber, dass diese Einrichtungen vernünftig ausgestattet sein müssen und genügend Personal da ist.
Kinder und Frauenärzte haben aufgrund ihrer Fachkenntnisse eine besondere Bedeutung. So sollten Hebammen und Frauenärzte zum Beispiel drogenabhängige Mütter zur Beratung schicken. Und auch Kinderärzte und Jugendämter müssen enger zusammen arbeiten.
Je früher Probleme erkannt werden, um so größer die Chance, dass Familien geholfen werden kann. Aber die Kapazitäten für diese weitere Hilfe müssen da sein.
Wenn man die U-Untersuchungen zur Pflicht machen will, muss auch klar sein, wie dies denn tatsächlich durchgesetzt werden soll. Ein Gesetz, dass nur auf dem Papier existiert, würde nur die Nerven der Politik beruhigen, aber für die Kinder wenig bringen.
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