„Wir sitzen auf einem Vulkan“, sagt Gopi Menon, Leiter von UNICEF in Maharashtra. Jede vierte Neuinfektion mit HIV, die in Indien gezählt wird, entfällt auf den riesigen Bundesstaat, zu dem nicht nur die 20-Millionen-Metropole Mumbai gehört, sondern auch Tausende Dörfer bis weit hinein ins Zentrum des indischen Subkontinents. Maharashtra allein ist die Heimat von über 100 Millionen Indern und würde - nur für sich - zu den zwölf bevölkerungsreichsten Ländern der Erde gehören.
UNICEF kämpft in den Dörfern immer noch darum, die grundlegenden Lebensbedingungen für Kinder zu verbessern. Jedes zweite Kind im Hinterland leidet unter chronischer Mangelernährung. Viele Kleinkinder aus den armen Bauern- und Tagelöhnerfamilien sind untergewichtig und bei Malaria, Durchfall und anderen Krankheiten extrem gefährdet. Kaum eine Familie auf dem Land hat eine hygienische Latrine, jede dritte hat nicht einmal sauberes Trinkwasser.
Vor diesem Hintergrund trifft AIDS die Familien mit doppelter Härte. Es gibt zwar – anders als in Afrika - noch keine Dörfer, in denen die ganze Elterngeneration von AIDS hinweggerafft wurde, es gibt keine von Waisen geführten Haushalte, weil sich noch immer jemand findet, der sich nach dem Tod der Eltern um die Kinder kümmert. Aber, so Gopi Menon: „Die Konsequenzen von AIDS werden immer dramatischer.“ Mit mehr als einer Million HIV-infizierten hat Maharashtra mehr betroffene Menschen zu versorgen als Länder wie Uganda oder Malawi. „AIDS hat inzwischen den ganzen Staat infiltriert“, sagt Menon.
Der Vulkan, von dem er spricht, ist weiter aktiv. Die Hälfte aller Neuinfektionen entfällt inzwischen auf junge Menschen zwischen 16 und 29 Jahren. Nach Schätzungen sind 60 Prozent aller Prostituierten in der Metropole Mumbai HIV-positiv. Je mehr Waren mit großen Lastwagen quer durch das Boomland Indien transportiert werden, desto schneller kann sich das Virus ausbreiten. Oft sind ihre Fahrer monatelang oder das ganze Jahr über unterwegs und von ihren Familien getrennt. Sie suchen die Nähe der Prostituierten und tragen die Epidemie schließlich bis in ihre Heimat, in die entlegenen Dörfer des Hinterlandes.
Uns geht das Wort von Mahatma Gandhi, dem Vater der indischen Nation, nicht aus dem Kopf, dass Indien in seinen Dörfern lebt. Vor dem Hintergrund von AIDS müssen wir wohl heute etwas zynisch hinzufügen: Indien stirbt auch in seinen Dörfern.
In dem kleinen Sprengel Ghodpet, der ziemlich genau in der geografischen Mitte Indiens liegt, wird das fast unheimliche, stille Sterben spürbar. Unter einem Baum der kleinen Siedlung sitzt die 63-jährige Großmutter Indutai mit ihren beiden Enkeln Vishal, 5, und Akash, 6. Indutais Tochter, die Mutter der Jungen, ist vor ein paar Monaten gestorben.
Betreten stehen die Onkel der beiden im Abseits. Niemand hier redet gern über die Krankheit. „Nur einige Verwandte wissen Bescheid“, sagt die Großmutter, „der Rest der Gemeinde weiß nicht, dass ihr Tod mit AIDS zusammen hängt.“ Eigenes Land hat die Frau nicht, sie arbeitet als Tagelöhnerin auf den Feldern ringsum, hilft bei der Ernte von Reis, Baumwolle, Soja. „Es reicht gerade, um am Leben zu bleiben“, sagt sie. Für mehr eben nicht: Eine Möglichkeit, ihre Enkel auf eine HIV-Infektion testen zu lassen, gibt es erst in der nächsten Stadt. Doch vor jeder Busfahrt muss sie gut überlegen, ob sie das knappe Geld nicht besser für ein gutes Mittagessen investiert. Und selbst wenn sie wüsste, dass auch die Enkel das Virus schon in sich tragen – wer sollte die Untersuchungen, die Medikamente bezahlen? So geht es vielen in den Dörfern. Die wenigsten wissen überhaupt etwas über AIDS, kaum jemand hatte die Chance oder den Mut, sich testen zu lassen.
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