Im April 2006 wagten 17 Kinder und Jugendliche aus Nordrhein-Westfalen mit Unterstützung von UNICEF ihre ersten Schritte als Film-Regisseure. Ihr Ziel war es, ihre persönlichen Erfahrungen und Sichtweisen zum Thema Kinderarmut sichtbar zu machen. Unter der Anleitung von erfahrenen Videokünstlern entstanden einminütige „Spielfilme“, die so genannten OneMinutes. Die Kinder und Jugendlichen schrieben dazu selbständig Drehbücher und drehten und schnitten insgesamt 17 ebenso persön-liche wie professionelle Video-Botschaften über die wachsende soziale Ungleichheit in Deutschland: Armut mit den Augen der Kinder. Der künstlerischen Gestaltung waren keine Grenzen gesetzt – außer durch die Zeit, denn jedes Video musste genau 60 Sekunden lang sein.
Organisiert wurde das Filmprojekt von UNICEF in Zusammenarbeit mit der Europäischen Kulturstiftung und dem Sandberg Institut Amsterdam. Der Kinderkanal von ARD und ZDF (KI.KA) begleitete den Workshop, der im April in Bochum stattfand, als Medienpartner. Die 17 Kinder und Jugendlichen im Alter von 13 bis 17 Jahren aus dem Ruhrgebiet, die teilweise selbst in schwierigen Lebenssituationen aufwachsen, waren gemeinsam von UNICEF und den Ortsverbänden des Deutschen Kinderschutzbundes ausgewählt worden. Die Teilnehmer sollten ein möglichst authentisches Bild über die Gedanken und Erfahrungen von Kindern zum Thema Kinderarmut wiedergeben.
Die OneMinutes-Filme über Kinderarmut in Deutschland erzählen in äußerst verdichteter Form vom Alltag im sozialen Brennpunkt. Sie fangen die Verlorenheit, aber auch die Widerstandskraft von Kindern in einer harten und unwirtlichen Umgebung ein. Sie erzählen von der Sehnsucht dazu zu gehören, den Träumen von Markenklamotten und unbezahlbaren Spielsachen. Die jungen Regisseure schildern die Tristesse des Mangels, dokumentieren Frust, Wut und Aggression. Aber sie zeigen auch Gesten der Verständigung, der Solidarität und des Miteinanders. So beobachtet ein Film zum Beispiel zwei Mädchen beim morgendlichen Aufwachen, Anziehen, beim Frühstück und auf dem Weg zur Schule. Eines lebt in wohlhabenden Verhältnissen und das andere in Armut. Schließlich treffen sich die beiden vor der Schule, fassen sich an den Händen und gehen zusammen hinein.
Im Jahr 2003 hatte UNICEF zum ersten Mal im Europäischen Jugendzentrum des Europarates in Budapest einen OneMinutes-Workshop mit 30 Jugendlichen aus zehn Ländern Osteuropas und des Balkans organisiert. Damit wurde eine filmische Kunstform, die das Sandberg Institut, eine Kunsthochschule in Amsterdam entwickelt hatte, weiter-entwickelt. Es ging darum, benachteiligten Kindern und Jugendlichen in Osteuropa die Möglichkeit zu geben, sich selbst über die Medien aktiv in die Gesellschaft einzubringen. Die Direktheit, mit der die Jugendlichen ihre Ideen, Wünsche, Träume und Probleme in den Filmen umsetzten, übertraf alle Erwartungen. Heute sind die OneMinutesJr-Filme ein fester Bestandteil der Arbeit von UNICEF und der Europäischen Kulturstiftung (ECF). In den vergangenen drei Jahren fanden Workshops unter anderem in Island, England, Nordirland, Deutschland, den Niederlanden, Ungarn, Moldawien, Mazedonien, Serbien, Rumänien, Bulgarien, Georgien und der Türkei statt. Außerdem entwickelt UNICEF in Lateinamerika das Projekt „Un Minutos“ zusammen mit MTV weiter. Zahlreiche Fernsehsender von Schweden bis Portugal haben inzwischen das Potenzial der Filme erkannt und strahlen diese aus. Sie erhalten die Filme kostenlos, denn die Gedanken der OneMinutesJr-Filmer sollen so vielen Menschen wie möglich zugänglich gemacht werden. Insgesamt 700 OneMinutes-Filme wurden seit 2003 produziert.
OneMinutes-Filme eignen sich perfekt als Ausdrucksform für Kinder und Jugendliche. Eine Minute ist lang genug, um eine Menge zu sagen – aber gleichzeitig auch kurz genug, um für jeden Medienkonsumenten zugänglich zu sein. Im Medienzeitalter muss Wichtiges auf ein „konsumierbares Maß“ verdichtet werden. Genau darin liegen für die jungen Medienmacherinnen und -macher auch der Reiz und die Herausforderung. Einen komplizierten Gedankengang, eine fixe Idee, das gesamte Gefühlsleben eines Teenagers – und das in einer Minute. Immer wieder verblüfft dabei die Vielschichtigkeit der Ideen, die Klarheit der Aussagen und die Unverblümtheit, mit der die Dinge des täglichen Lebens angegangen werden. Die Authentizität der OneMinutes ist das Wertvollste am ganzen Projekt. Echte Filme, produziert von echten jungen Menschen mit echten Gefühlen und keine kühl produzierten Werbe- oder Imagefilme für eine bessere Welt.
Annie Tarrach (13) aus Essen besucht die 8. Klasse der Gesamtschule Holsterhausen in Essen. Nach dem Abitur will die Halb-Jamaikanerin Pferdewirtin werden. Annies Film „Way to school” schildert die verschiedenen Wege zweier Mädchen – arm und reich – zu ein und derselben Schule. Annie: „Sowas kann man hier in Essen ganz gut beobachten. Aber trotzdem, wenn man in der Schule ankommt, sind alle dann doch irgendwie gleich.“
Annie Tarrach: "way to school" Zum Video
Sascha Karbacher (14) aus Essen geht in dieselbe Klasse wie Annie. Saschas Film handelt von einem Jugendlichen, der sich selbst sieht, wie er in einem Geschäft teure Sachen anprobiert, jedoch gleichzeitig nur „zerlumpt“ von draußen am Schaufenster steht. Auch wenn Kleider keine Leute machen, ist der Druck auf Kinder in der Schule enorm, wenn die Klassenkameraden Markensachen tragen und sie selbst nicht. „Das ist ein Beispiel dafür, wie Armut aussehen kann und woran man sie festmachen kann“, sagt Sascha.
Sascha Karbacher: "Kleider machen Leute!?" Zum Video
Christin-Janine Embert (14) geht in die 9. Klasse der Katholischen Hauptschule „Am Lenneplatz“ in Bochum. Die 14jährige will nach der 10. Klasse ihr Abitur an der Gesamtschule machen und „vielleicht Kinderpflegerin“ werden. Ihr Film, „Der Traum vom Fußball“, ist eine wahre Geschichte, die so in Christins Fußball-Mannschaft passiert ist. Christin sagt: „Arme Kinder leben anders. Die haben abgetragene Schule, wenig Essen, keine Schulausbildung. Die Eltern sind oft alkoholabhängig und vernachlässigen ihre Kinder.“
Christin-Janine Embert: "Der Traum
vom Fußball" Video
Cem Ünlübayir ist 15 Jahre alt und als Sohn kurdischer Eltern in Bochum geboren. Er geht in die 10. Klasse des Albert-Einstein-Gymnasiums in Bochum. „Besonders für Kinder aus Migrantenfamilien ist Bildung der beste Weg für eine erfolgreiche Karriere, aber viele ausländische Kinder bekommen von ihren Eltern keine schulische Unterstützung, weil viele Eltern selbst nicht richtig Deutsch können. So landen die Kinder auf einer Hauptschule und geraten dann auf eine schiefe Bahn.“
Cem Ünlübayir: "Bildung für eine bessere Zukunft" Zum Video
Weitere Informationen sowie die OneMinutes-Filme zum Ansehen finden Sie hier und auf www.theoneminutesjr.org
Rückfragen an UNICEF-Pressestelle, Rudi Tarneden 0221/93650-235 oder 315
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