Empörung nach dem qualvollen Tod der kleinen Lea-Sophie in Schwerin: Was lehrt dieser schreckliche Fall?
Heide Simonis: Wir müssen die Kinder- und Jugendhilfe verbessern. Es darf nicht sein, dass in Jugendämtern ein Sachbearbeiter bis zu 150 Fälle betreuen muss. Und wenn das Jugendamt in diesem Fall wirklich alle Vorschriften beachtet hat - wie es behauptet wurde -, dann stimmt etwas mit den Vorschriften nicht. Eltern, die mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert sind, brauchen gezielte Unterstützung. Dabei muss immer das Wohl des Kindes im Mittelpunkt stehen - notfalls auch gegen den Widerstand der Eltern.
Wie viele Kinder und Jugendliche werden in Deutschland Opfer von Vernachlässigung und Verwahrlosung? (vgl. UNICEF-Studie von 2005)
Heide Simonis: In den Industrieländern sterben jedes Jahr 3.500 Kinder unter 15 Jahren an den Folgen körperlicher Vernachlässigung. Jede Woche sind dies allein in Deutschland zwei Todesfälle. Die Todesfälle sind die Spitze eines Eisbergs der Gewalt. Nicht-tödliche körperliche und seelische Vernachlässigung und Misshandlungen kommen weit häufiger vor. Sie geschehen aber im Verborgenen, meist in der Familie.
Was sind die Gründe, wenn Eltern ihre eigenen Kinder verwahrlosen oder sogar verhungern lassen?
Heide Simonis: Untersuchungen von UNICEF haben gezeigt, dass eine Reihe von Faktoren das Risiko für die Kinder entscheidend prägen: Alkohol- und Drogenmissbrauch, Gewalt zwischen den Eltern sowie Armut und Stress.
Diese Eltern hassen ihre Kinder nicht unbedingt. Aber sie sind überfordert, haben sich nicht unter Kontrolle, reagieren ihren Frust spontan ab. Oft sind sie psychisch labil. Vernachlässigung ist oft ein langsamer Prozess, der auch von Nachbarn oder bekannten verdrängt wird.
Weitere Faktoren sind Arbeitslosigkeit, beengte Wohnverhältnisse sowie Gefühle von Ohnmacht und Hoffnungslosigkeit. Die meisten Betroffenen werden trotzdem damit fertig. Aber ein kleiner Teil schafft dies nicht und lässt sich gehen.
In der Politik wird erneut der Ruf nach Pflicht-Vorsorgeuntersuchungen für Kinder laut. Der richtige Weg?
Heide Simonis: Ja, allerdings sollte man nicht meinen, dass gesetzlicher Zwang allein das Problem lösen kann. Es geht um ein Bündel von Maßnahmen. Kindergärten, Lehrer, Ärzte, Nachbarn - alle haben ein Stück Verantwortung.
Fehlen in den Jugendämtern Kapazitäten und Knowhow, um die Probleme in den Griff zu bekommen? Wie müsste ein wirksames Frühwarnsystem aussehen?
Heide Simonis: Häufig fehlt es an Kapazitäten und manchmal offenbar auch an dem Bewusstsein, dass Kinderschutz Vorrang haben muss vor Elternrecht. Die Arbeit von Gesundheitssystem, Schule, Kindergarten und Kinder- und Jugendhilfe muss enger vernetzt werden. Bundesfamilienministerin von der Leyen hat dazu gute Vorschläge gemacht und Modellprojekte gestartet. Bund, Länder und Kommunen müssen jetzt gemeinsam für die nötigen Reformen sorgen. Wir brauchen nicht nur ein Frühwarnsystem, das rechtzeitig aufzeigt, wo Hilfe gebraucht wird, sondern auch ein Netz früher Hilfe, das dafür sorgt, dass die Kinder und ihre Familien rechtzeitig erreicht werden.
Das Interview führte Rasmus Buchsteiner.
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