Berlin, 26.5.2008 - UNICEF fordert Bund, Länder und Gemeinden auf, die Lebenschancen von benachteiligten Kindern in Deutschland zu verbessern. Hierbei geht es nicht nur um eine bessere materielle Versorgung von Kindern. Die Qualität und Zielgenauigkeit bestehender Förder- und Bildungsangebote entscheidet maßgeblich über die Zukunftschancen. Zu diesem Ergebnis kommt der „UNICEF-Bericht zur Lage der Kinder in Deutschland“, der heute gemeinsam mit Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen in Berlin vorgestellt wurde. Führende deutsche Kindheitsforscher kritisieren darin, dass Politik und Gesellschaft das Wohlergehen von Kindern bis heute nicht als den zentralen Maßstab für die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft ansehen. Im internationalen Vergleich der Industrienationen ist Deutschland trotz erheblicher Aufwendungen nur Mittelmaß, wenn es um darum geht, eine verlässliche Lebensumwelt für Kinder zu schaffen und den Ausschluss von benachteiligten Kindern zu verhindern.
In Deutschland wächst die Kluft zwischen den Kindern, die gesund, abgesichert und gefördert aufwachsen, und solchen, deren Alltag durch Hoffnungslosigkeit, Mangel und Ausgrenzung geprägt ist – mit weit reichenden Folgen für ihr ganzes Leben:
„Es geht nicht nur um eine bessere materielle Versorgung von Kindern. Genauso wichtig ist es, Eigenaktivität, Verantwortungsgefühl und Konfliktfähigkeit von klein auf zu fördern, um Kinder für die Herausforderungen einer globalisierten Arbeitswelt stark zu machen“, sagte Dr. Jürgen Heraeus, Vorsitzender von UNICEF-Deutschland.
„Die Politik muss ihren in Ressorts zersplitterten Ansatz überwinden und das Wohlergehen von Kindern in ihren vielfältigen Lebenswelten in den Mittelpunkt stellen“, sagte der Herausgeber des UNICEF-Berichts, Professor Dr. Hans Bertram.
Unter der Federführung von Hans Bertram untersuchten Forscher des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung, des Robert-Koch-Instituts, der Berliner Humboldt Universität, der TU Chemnitz und des Deutschen Jugendinstituts verschiedene Dimensionen des Aufwachsens: materielle Risiken, Bildungschancen in Kindergarten und Schule, Gesundheit und Fragen der Migration. Sie vertieften damit die Ergebnisse der internationalen Vergleichsstudie von UNICEF zur Situation von Kindern in den OECD-Ländern vom vergangenen Jahr. Damals lag Deutschland in keiner Dimension des kindlichen Wohlbefindens auf einem der vorderen Ränge, sondern im Durchschnitt beim Vergleich von 21 Ländern auf Platz 11. Der jetzt vorgelegte Bericht überträgt das UNICEF-Konzept des kindlichen Wohlbefindens auf Deutschland und soll regelmäßig fortgesetzt werden.
Armutsrisiken: Untersuchungen des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung zeigen, dass Kinder von allein erziehenden Eltern stark von dauerhafter Armut bedroht sind. Selbst wenn der Vater oder die Mutter voll berufstätig ist, leben mehr als zwei Drittel dieser Kinder im Laufe ihrer Kindheit und Jugend mindestens ein Jahr lang in Armut – zehn Prozent sogar dauerhaft.
Gesundheit: Bei 15 Prozent der Kinder im Alter von drei bis 17 Jahren gibt es Hinweise auf Verhaltensauffälligkeiten und emotionale Probleme. Bis zu 17 Prozent der Jugendlichen sind übergewichtig. Und in keinem anderen Industrieland rauchen so viele Kinder und Jugendliche wie in Deutschland. 20,5 Prozent der elf- bis 17-jährigen Jungen und 20,3 Prozent der Mädchen rauchen.
Bildung: Das hoch selektive deutsche Bildungssystem grenzt nicht nur die schwächeren Schüler aus. Offensichtlich fördert es auch die besseren Schüler nicht so, dass sie im internationalen Vergleich mithalten könnten. In zwölf Prozent der Schulen in Deutschland haben mehr als die Hälfte der Kinder einen Migrationshintergrund.
Frühkindliche Förderung: Jüngere Kinder aus benachteiligten Familien profitieren besonders davon, wenn sie eine Tageseinrichtung besuchen. Zum einen ermöglicht dies den Eltern berufstätig zu sein. Zum anderen bekommen sie dort wertvolle Anregungen und Unterstützung beim Spracherwerb. In Westdeutschland besuchen jedoch trotz verstärkter Anstrengungen nur 6,2 Prozent der Kinder unter drei Jahren eine Betreuungseinrichtung – in Ostdeutschland sind es 36,6 Prozent.
Kinder mit Migrationshintergrund: Etwa 17 Prozent der Heranwachsenden mit Migrationshintergrund verlassen die Schule ohne Abschluss – in Baden-Württemberg sind es sogar 30 Prozent, in Hamburg und Berlin 25 Prozent.
UNICEF fordert einen Perspektivwechsel für Kinder in Deutschland – weg von einem funktionalistischen Blick auf den Nutzwert von Kindern und hin zur Umsetzung der Rechte der Kinder und der Verbesserung ihrer individuellen Zukunftschancen.
„Mittelmaß für Kinder. Der UNICEF-Bericht zur Lage der Kinder in Deutschland“
Herausgegeben von Prof. Dr. Hans Bertram. Verlag C.H. Beck,
München 2008. ISBN 978 3 406 548 280
Eine Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse finden Sie hier.
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