Führende deutsche Kindheitsforscher haben in Zusammenarbeit mit UNICEF geprüft, ob der in Politik und Gesellschaft formulierte Anspruch, allen Kindern in Deutschland ein verlässliches und förderndes Lebensumfeld zu schaffen, eingelöst wird. Sie vertiefen damit die Ergebnisse der internationalen UNICEF-Vergleichsstudie zum Wohlbefinden von Kindern in den OECD-Ländern von 2007. Diese hatte auf der Basis der UN-Konvention über die Rechte des Kindes erstmals umfassend die Situation von Kindern in reichen Ländern verglichen: die materielle Situation, Bildung, Gesundheit, persönliche Sicherheit, Beziehungen zu den Eltern und Freunden und das persönliche Wohlbefinden.
Das ernüchternde Ergebnis: Deutschland mag zwar eine der wichtigsten Exportnationen dieser Erde sein, in Bezug auf das Wohlbefinden der hier lebenden Kinder kann es jedoch in allen untersuchten Dimensionen allenfalls als Mittelmaß gelten – und dies, obwohl Deutschland erhebliche Mittel für die Förderung von Kindern und Familien aufbringt.
Der neue UNICEF-Bericht „Zur Lage von Kindern in Deutschland“ kommt zu dem Ergebnis, dass sich das Wohlbefinden von Kindern durch Einzelmaßnahmen nicht nachhaltig verbessern lässt. Vielmehr müssen Bund, Länder und Gemeinden ihren zersplitterten, an einzelnen Ressorts orientierten Ansatz aufgeben und das Wohlergehen von Kindern in den Mittelpunkt ihrer Politik stellen.
Für die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft ist nach Einschätzung von UNICEF von entscheidender Bedeutung, dass die Lern- und Entwicklungschancen von benachteiligten Kindern verbessert und der Ausschluss von immer mehr Kindern verhindert wird. Politik für Kinder ist damit mehr als Familien- oder Bildungspolitik. Sie muss das Lebensumfeld der Kinder umfassend fördern und schützen. Kinder müssen von früh auf lernen, sich gegenseitig Vertrauen entgegen zu bringen und sich für andere einzusetzen.
Einige Schlaglichter verdeutlichen die besonderen Probleme von Kindern in Deutschland:
Mittelmaß für Kinder. Der UNICEF-Bericht zur Lage der Kinder in Deutschland.
Herausgegeben von Prof. Dr. Hans Bertram. Verlag C.H. Beck, München 2008.
ISBN: 978 3 406 548 280
Einleitung: Was wir von Oliver Twist lernen können
(Hans Bertram)
Die Zukunft der Kinder als Zukunft der Gesellschaft
(Hans Bertram)
Deutsches Mittelmaß: Der schwierige Weg in die Moderne
(Hans Bertram)
Bildung und Bildungschancen: Wo bleibt die Zukunft unserer Kinder?
(Rainer Lehmann)
Wie geht es unseren Kindern? Ergebnisse aus dem bundesweit repräsentativen Kinder- und Jugendsurvey (KIGGS)
(Bärbel-Maria Kurth, Heike Hölling und Robert Schlack)
Zur Lebenssituation von Kindern mit Migrationshintergrund in Deutschland
(Bernhard Nauck, Susanne Clauß und Elisabeth Richter)
Die Verweildauer von Kindern in prekären Lebenslagen
(Michael Fertig und Marcus Tamm)
Kinder, ihre Freunde, ihre Väter: Beziehungen zu anderen als Aspekt kindlichen Wohlbefindens
(Christian Alt, Andreas Lange und Johannes Huber)
Öffentlich finanzierte Betreuungs- und Bildungsinfrastruktur für Kinder
(C. Katharina Spieß)
Kinder als Zukunft: Warum die Lebenssituation von Kindern durch internationale Vergleiche verbessert werden kann
(Marta Santos Pais)
Daten und Indikatoren zur Lebenssituation von Kindern. Ergebnisse des internationalen Vergleichs
(Zusammengestellt von Steffen Kohl)
Die PISA-Studien haben gezeigt, dass deutsche Schüler im Alter von 15 Jahren bei den Schulleistungen in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften nur auf einem mittleren Platz im Vergleich zu den anderen OECD-Staaten liegen.
Vertiefende Untersuchungen zeigen allerdings, dass sich die deutschen Kinder im Alter von 10 Jahren bei den Schulleistungen noch auf einem guten europäischen Niveau bewegen. Dies bedeutet, dass die weiterführenden Schulen offensichtlich die guten Potenziale der Grundschüler nicht so nutzen, dass die Kinder mit ihren Altersgenossen in anderen Industrieländern mithalten.
Offensichtlich werden im hoch selektiven deutschen Schulsystem nicht nur die schwächeren Schüler ausgegrenzt. Gleichzeitig scheint es so, dass auch die Besseren nicht so gefördert werden, dass sie im internationalen Bereich mithalten können.
Die unbefriedigenden Ergebnisse deutscher Schülerinnen und Schüler können jedoch nicht ausschließlich auf die Qualität des Schulsystems zurückgeführt werden. Neuere Untersuchungen unterstreichen die große Bedeutung außerschulischer Faktoren.
Diese Probleme lassen sich nach Ansicht des Bildungsforschers Rainer Lehmann nicht ohne weiteres durch Veränderungen der Schulstruktur überwinden. Wichtig sind vor allem Verbesserungen bei der Qualität der Förderung, bei Klassengrößen und deren Zusammensetzung sowie bei der Zusammenarbeit von Kindergärten und Schulen mit den Elternhäusern.
Grundsätzlich besteht ein breiter Konsens darüber, dass eine frühzeitige, qualitativ gute Sprachförderung vor allem für Kinder aus anderen Kulturkreisen ihre Lebenschancen nachhaltig verbessert. Trotzdem lässt sich kaum feststellen, dass die Bundesländer und die Kommunen entsprechend investieren und Angebote schaffen.
Im Jahr 2005 gab der Bund insgesamt 184 Milliarden Euro für familien- und ehebezogene Maßnahmen aus. Davon entfielen lediglich sechs Prozent auf den Bereich der Förderung von Kindertageseinrichtungen. Seither zeichnet sich allerdings ein Paradigmenwechsel ab: So ist es ausdrücklicher Wille der Politik, künftig mehr in die Betreuungs- und Bildungsinfrastruktur von Kindern zu investieren. Gleichwohl ist man von dem Ziel, bis zum Jahr 2013 flächendeckend für mindestens ein Drittel aller Kinder unter drei Jahren Betreuungsplätze anzubieten, noch weit entfernt.
Insbesondere bei jüngeren Kindern beeinflusst die Herkunft die Nutzung von Betreuungsangeboten. Jüngere Kinder aus einkommensschwächeren Familien und auch Kinder, deren Mütter einen geringen Bildungsabschluss haben, nutzen mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit Kindertageseinrichtungen als weniger benachteiligte Altersgenossen.
Dabei belegen verschiedene Untersuchungen, dass gerade benachteiligte Kinder und Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund besonders stark von einer frühen Betreuung in Kindertageseinrichtungen profitieren.
Um den Nachholbedarf bei der vorschulischen Bildung und Betreuung zu verbessern, sollten nach Einschätzung von C. Katharina Spieß aus dem wissenschaftlichen Beirat des Bundesfamilienministeriums die öffentlichen Ressourcen erhöht und die Finanzierungs- und Organisationsformen überprüft werden. Dabei sollte der Bund sich an der öffentlichen Finanzierung beteiligen, um zu verhindern, dass allein kommunale und landesspezifische Finanzierungsspielräume über entsprechende Angebote entscheiden. Zwingend notwendig sind Maßnahmen, um eine gute pädagogische Qualität der Angebote zu gewährleisten.
Der im Frühsommer 2007 diskutierte Vorschlag, dass der Bund über Gutscheine, die für den Besuch einer Kindertageseinrichtung oder Kindertagespflegestelle in die Finanzierung einsteigt, wird von C. Katharina Spieß weiterhin als sehr sinnvoll bewertet. Eine Gutscheinlösung würde eine nachhaltige und zweckgebundene Finanzierung gewährleisten. Sie würde sicherstellen, dass unabhängig von den politischen Prioritäten der Länder und Kommunen den Familien die Mittel tatsächlich zukommen. Auch würden vermehrt Kinder aus benachteiligten Familien frühzeitig entsprechende Angebote wahrnehmen. Dieses Instrument sollte weiter diskutiert werden, auch wenn es politisch zunächst keine Mehrheit erhielt.
Ein heute geborenes Kind wird mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent 100 Jahre alt werden. Doch nur gesunde Kinder, deren Gesundheit sich lebenslang erhalten und entwickeln lässt, können die Herausforderung einer immer älter werdenden Gesellschaft begegnen. Gesundheitserziehung und Gesundheitsförderung von Kindern sind deshalb von zentraler Bedeutung. Doch die Aufwendungen hierfür werden immer noch eher als Belastung betrachtet, weil Kinder zum Beispiel keinen eigenen Beitrag zur gesetzlichen Krankenversicherung zahlen.
Die erste große, bundesweit angelegte Untersuchung zur Kindergesundheit (KIGGS) des Robert-Koch-Instituts dokumentiert erstmals repräsentativ den Gesundheitszustand der deutschen Kinder und Jugendlichen. Danach steht einem Rückgang von akuten somatischen Krankheiten ein deutlicher Anstieg chronischer Erkrankungen und psychischer Störungen gegenüber.
Die Untersuchung zeigte auch, dass sich soziale Benachteiligung stark auf die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen auswirkt. Die Forscher des Robert-Koch-Instituts unterstreichen die große Bedeutung von Selbstwertgefühl, Eigenaktivität, Verantwortungsgefühl, Konflikt- und Genussfähigkeit für ein gesundes Aufwachsen. Diese Fähigkeiten müssen gezielt gefördert werden.
In allen Industrienationen ist der Anteil von Kindern, die in relativer Armut aufwachsen, in den vergangenen zehn Jahren deutlich gestiegen. In Deutschland galten in den 1990-er Jahren zwischen sieben und neun Prozent der Kinder als arm. Im Jahr 2004 waren es bereits 13,3 Prozent – dies waren 1,7 Millionen Kinder und Jugendliche. Bemerkenswert ist, dass dieser Anstieg nicht mit einer allgemeinen Zunahme von Armut begleitet wurde. Mit anderen Worten: Kinder sind stärker von Armut betroffen als Erwachsene.
Vor allem Kinder von allein erziehenden Eltern leben sehr viel häufiger in relativer Armut: So wachsen 35 bis 40 Prozent der Kinder in Ein-Eltern-Familien in Armut auf. Auch die materielle Lage von Zuwandererkindern hat sich seit den 1990-er Jahren deutlich verschlechtert. Kinder von Spätaussiedlern haben ebenfalls ein höheres Risiko, in Armut hineingeboren zu werden oder relativ schnell wieder in Armut einzutreten, wenn es ihnen gelungen war, ihr zu entkommen
Armutsforscher des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) sind der Frage nachgegangen, wie lange Kinder von diesem Zustand betroffen und welche Gruppen besonders gefährdet sind. Hierbei zeigte sich, dass wiederum Kinder von allein erziehenden Eltern stark von dauerhafter Armut bedroht sind. Selbst wenn die Mutter oder der Vater voll berufstätig ist, leben mehr als zwei Drittel dieser Kinder im Laufe ihrer Kindheit und Jugend mindestens ein Jahr lang in Armut; zehn Prozent leben sogar in dauerhafter Armut, d.h. in mindestens fünf von 18 Jahren.
Im Kampf gegen Kinderarmut haben also die Familienkonstellation und die Chance zur Berufstätigkeit der Eltern gleichermaßen herausragende Bedeutung. Kinder profitieren besonders davon, wenn die Beschäftigungschancen ihrer Eltern verbessert werden. Bei allein Erziehenden ist es entscheidend, dass sie die Möglichkeit bekommen, Vollzeit zu arbeiten. Zwingende Voraussetzung hierfür sind verbesserte Betreuungsmöglichkeiten für ihre Kinder.
Zwar ist Kinderarmut in Deutschland nicht mit dem Kinderelend in Entwicklungsländern vergleichbar. Auch sind Phasen materieller Unsicherheit häufig zeitlich befristet und der Zusammenhalt von Familien und Nachbarschaft hilft darüber hinweg. Trotzdem hat Geldmangel auch in Deutschland für einen Teil der Kinder erhebliche negative Konsequenzen.
Relative Armut bedeutet häufig beengte Wohnverhältnisse in benachteiligten Quartieren mit schlechter Infrastruktur und unzureichenden Bildungsmöglichkeiten. Die Kinder haben nicht die Möglichkeit, die sozialen und kulturellen Angebote ihrer Umwelt angemessen zu nutzen. Arme Kinder müssen vielfach viel mehr leisten, um ihre Lebenschancen zu nutzen, als ihre wohlhabenderen Altersgenossen. Eltern, die selbst arbeitslos sind und manchmal sogar resigniert haben, vermitteln den Kindern kein positives Rollenmodell. Die Kinder lernen nicht, wie sie ihr Leben in die Hand nehmen können.
Mehr als ein Viertel (27,2 Prozent) der Bevölkerung Deutschlands unter 25 Jahren hat einen Migrationshintergrund. Laut Mikrozensus 2005 waren darunter 3,3 Millionen Kinder im Alter von null bis 15 Jahren. Bei den unter Fünfjährigen liegt der Anteil in sechs Städten bei über 60 Prozent – unter anderem in Nürnberg (67 Prozent), Frankfurt (65 Prozent), Düsseldorf und Stuttgart (64 Prozent).
Laut Datenreport des statistischen Bundesamtes von 2006 lag die relative Einkommensarmut bei diesen Familien mit 23,8 Prozent fast doppelt so hoch wie in der Gesamtbevölkerung. Vergleichsweise viele Eltern haben nur geringere schulische Qualifikationen und sind arbeitslos. Die Armutsquote bei Kindern lag laut dem 12. Familienbericht der Bundesregierung 2005 bei 40 Prozent.
Kinder von Migranten besuchen in den ersten Lebensjahren seltener einen Kindergarten, brechen häufiger die Schule ohne einen Abschluss ab und erreichen seltener höhere Schulabschlüsse. Sie sind in Sonder- und Hauptschulen stark überrepräsentiert. Besorgnis erregend ist, dass Kinder der zweiten Generation im Durchschnitt geringere Bildungserfolge erzielen, als die nicht in Deutschland geborenen.
Etwas mehr als die Hälfte der Eltern von Migranten spricht ausschließlich Italienisch, Griechisch, Türkisch oder Russisch, wenn sie sich mit ihren Kindern unterhalten.
Als Ursache für den seltenen Besuch eines Kindergartens kommen mehrere Gründe in Frage: So werden diese Einrichtungen seltener als pädagogische Institutionen wahrgenommen. Auch halten finanzielle Erwägungen Eltern davon ab, ihre Kinder anzumelden – zumal wenn andere Familienmitglieder als Betreuungspersonen zur Verfügung stehen. Schließlich kann die Befürchtung einer kulturellen Entfremdung eine Rolle spielen.
Gleichwohl sind die Eltern sehr am Eingliederungsprozess und schulischen Erfolg ihrer Kinder interessiert. Eingeschränkt wird diese Haltung jedoch dann, wenn sie befürchten, dass sich ihre Kinder durch die Schule von ihnen und ihrer Kultur entfremden. Dieser Konflikt wird verschärft, wenn die Familien einen unsicheren Aufenthaltsstatus haben oder planen, in absehbarer Zeit in ihre Heimat zurückzukehren.
Das Wohlergehen von Kindern ist ein zentraler Maßstab für die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft. In Deutschland muss es einen Perspektivwechsel geben – weg von einem funktionalistischen Blick auf den Nutzwert von Kindern und hin zur Umsetzung der Rechte der Kinder und der Verbesserung ihrer individuellen Zukunftschancen.
Die erste internationale Vergleichsstudie „Zur Situation von Kindern in den Industrieländern von UNICEF“ von 2007 ergab ein ernüchterndes Bild. Deutschland ist nur Mittelmaß, wenn es darum geht, verlässliche Lebensumwelten für die junge Generation zu schaffen. In keiner Dimension des kindlichen Wohlbefindens liegt Deutschland auf einem der vorderen Ränge, sondern beim Vergleich von 21 Ländern auf Platz 11.
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