
Heraeus: Das Weltfinanzsystem ist in einer großen Krise. Wie beurteilen Sie die Situation?
Yunus: Das ganze System ist zusammengebrochen. Niemand weiß, wie lange es dauern wird, bis es sich erholt haben wird. Es ist wie ein großer Tsunami. Man sieht die Katastrophe kommen. Alles scheint normal zu sein, solange bis man getroffen wird.
Es sind die armen Menschen, die besonders leiden werden. Es ist eine simple Logik: Wer eine Million Dollar hat und eine halbe Million verliert, der hat immer noch eine halbe Million. Wer aber in einer Fabrik arbeitet und seinen Job verliert, dem bleiben nur noch wenig Möglichkeiten, seine Familie zu ernähren. Hier in Bangladesch arbeiten zwei Millionen junge Frauen in der Textilindustrie. Wenn der Tsunami uns treffen sollte, sind sie die ersten, die ihre Jobs verlieren werden. Wir müssen uns darauf vorbereiten.
Nun sind die Regierungen damit beschäftigt, die Krise mit Bürgschaften zu bekämpfen. Da ist nichts gegen einzuwenden. Aber gleichzeitig sollten sich andere Akteure wie der Internationale Währungsfond zusammensetzen und darüber nachdenken, wie die Folgen für die Ärmsten gelindert werden können.
Wenn es zum Beispiel um Entwicklungshilfe geht, dann werden die Regierungen an dieser Stelle ansetzen und ihre Budgets kürzen. Sie werden sagen, wie schieben das jetzt auf, weil wir etwas anders Wichtiges zu tun haben.
Humanitäre Organisationen werden weniger zur Verfügung haben, Stiftungen werden um Geld streiten. Vereinbarungen werden aufgeschoben. Ich befürchte ein Austrocknen der Mittel. Die armen Leute sind von zwei Seiten getroffen - von der wirtschaftlichen Seite und von sinkenden Hilfeleistungen. Niemand weiß, wie sich die Nahrungsmittelpreise entwickeln werden und wenn es keine Kredite mehr gibt, wird möglicherweise auch noch der Agrarsektor getroffen. Ich hoffe, dass dies alles nicht eintritt, aber die Aussichten sind düster.
Heraeus: Was wird passieren, wenn die Krise überwunden sein wird?
Yunus: Dann wird man von vorn beginnen müssen. Ich bin der Überzeugung, dass Garantien und Bürgschaften keine Lösung für die Zukunft sind. Das System muss sich selbst korrigieren. Es darf nicht wieder passieren, dass erst Fehler gemacht werden und dann der Staat um Hilfe gerufen wird, mit der Begründung, sonst bricht alles zusammen. Wie oft kann man das machen? Das ist doch die die falsche Botschaft. Wir müssen jetzt Mechanismen aufbauen, die so etwas zukünftig verhindern. Wenn wir dies jetzt nicht tun, wird es niemand mehr wollen, wenn die Krise vorbei ist. Wir müssen die klügsten Köpfe zusammen bringen, die darüber nachdenken, was im System falsch gelaufen ist, was fehlt.
Warum haben wir es zugelassen, dass sich diese giftigen Spekulationsblasen mit Milliarden Dollar bilden durften? Jeden Tag wenn die Börsen schließen, sollte wie in einem ordentlichen Unternehmen ein Abschluss gemacht werden, um festzustellen, wo sich diese Blasen bilden. Blasen sind wie Krebs. Wenn man sie frühzeitig identifiziert, kann man ihn heilen. Es muss ein Radarsystem geben wir bei der Vorhersage von Cyklonen.
Heraeus: Wer muss dies machen?
Yunus: Es ist der Markt, der diese Mechanismen hervorbringen muss. Ich schlage vor, dass diejenigen, die im Markt spekulieren jeweils einen Teil ihrer Gewinne in einen Fonds einzahlen sollen. Dieser Fonds muss dann im Notfall einspringen.
Man braucht kreative internationale Ideen, wie man das machen kann, Die Technik erlaubt uns die Beobachtung der Märkte rund um die Erde, so dass man dramatische Veränderungen schnell erkennen kann.
Wer jetzt das Geld des Staates in Anspruch nimmt, hat die Verantwortung hierfür Lösungen zu finden. Es geht nicht, dass die Profite eingestrichen und Schulden sozialisiert werden. Wenn man Hilfe vom Staat will gilt die Regel: Wer Geld verdient, muss auch Geld geben. Wenn Regierungen jetzt diese großen Summen bereitstellen, wird das Ganze sehr politisch.
Heraeus: Als Sie die Grameen Bank gründeten haben Sie sich nicht ausschließlich an der Maximierung von von Profiten orientiert. Doch die Welt hat sich geändert. Jeder sucht nach der besten Verzinsung seines Kapitals.
Yunus: Der einzelne Investor wird auch verführt. Man verspricht ihm große Zuwächse. So wird seine Gier geweckt. Heute klagt man über alle Leute in den USA, die sich verschuldet haben, dabei verstanden sie nicht, was sie taten. Aber was ist mit all diesen aggressiven Marketingleuten, die ihnen dies alles für nichts verkauft haben? Ihre Ehefrauen, ihre Kinder hätten ihnen gesagt, dass sie dumm sind, wenn sie nicht auf diese Angebote eingegangen wären - für ein Haus, eine Auto und so weiter.
Heraeus: Der nächste Schritt war, dass die Banken diese Schuldscheine an die nächste Bank verkauft haben.
Yunus: Nehmen Sie zum Beispiel eine Autobahn. Da gibt es Geschwindigkeitsbegrenzungen. Wenn jemand zu schnell zu viel Geld macht, muss er gebremst werden. Jemand muss ihn beobachten, ihm sagen, er ist jetzt im grünen, dann im gelben oder roten Bereich und er wird bald seinen Führerschein verlieren. Das alles muss jetzt entwickelt werden. Geschäftsregen, Regeln für Regierungen. Jetzt, wo die Akteure im Markt die Probleme selbst verursacht haben, können sie haftbar gemacht werden.
Heraeus: Was können die Europäer tun?
Yunus: Das größte Problem ist, dass sie Schwierigkeiten haben zusammen zu kommen. Jedes Land hat seine eigenen Probleme. Wenn es aber gelingt, eine gemeinsame Plattform zu schaffen, dann werden die Amerikaner und Japaner auch zuhören.
Heraeus: Bangladesch hat in den vergangenen Jahren ein kontinuierliches Wirtschaftswachstum erlebt. Die Menschen sind voller Energie. Trotzdem geht vieles sehr langsam. Wie sehen Sie Ihr Land?
Yunus: Die Menschen sind hier fest entschlossen, etwas für sich selbst zu tun. Eine der wichtigsten Entwicklungen in unserem Land ist das dramatisch gewachsene Selbstbewusstsein der Frauen - was ihren Status und was ihr Selbstverständnis angeht. Auch den Kindern geht es besser als früher. Das Bevölkerungswachstum hat sich verlangsamt und das alles in kurzer Zeit. Auch die Gesundheitsindikatoren haben sich verbessert. Wir haben viele Länder der Region wie Indien oder Pakistan überholt. Unser größtes Problem ist die Politik in unserem Land. Aber trotzdem haben sich viele Dinge verändert. Die Armut sinkt kontinuierlich, so dass wir das Millenniumsziel Nr. 1.der Halbierung der Armut bis 2015 erreichen können.
Doch jetzt kommt der große „Tsunami“ der Finanzkrise. Können wir da Kurs halten? Wenn es hart wird und die Wirtschaft in die Krise gerät, werden auch alle anderen Bereiche betroffen sein. Das ist unsere größte Sorge heute.
UNICEF Deutschland
Konto 300 000
BLZ 370 205 00
Bank für Sozialwirtschaft Köln

Muhammad Yunus wurde am 28. Juni 1940 in Chittagong geboren. Der Wirtschafts-
wissenschaftler ist der Gründer der Grameen Bank in Bangladesch, die Kleinkredite an die ärmsten Familien verleiht. 2006 wurde er für seine Bahn brechende Arbeit mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.