25. November 2008
Zum heutigen Auftakt des Weltkongresses gegen sexuelle Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen im brasilianischen Rio de Janeiro ruft UNICEF Regierungen, Medien, Unternehmen und Öffentlichkeit dazu auf, entschiedener gegen den sexuellen Missbrauch von Kindern vorzugehen. Weltweit werden nach Schätzungen von UNICEF jedes Jahr etwa 1,8 Millionen Mädchen und Jungen zur Prostitution und zur Pornografie gezwungen. Allein in Deutschland gib es nach Schätzung der Organisation Innocence in Danger etwa 50.000 regelmäßige Konsumenten von Kinderpornografie. Bis heute ist das tatsächliche Ausmaß der weltweiten Ausbeutung unbekannt, weil die Täter im Verborgenen handeln und kriminelle Netzwerke nutzen.
„Skrupellose Erwachsene nutzen die Schutzlosigkeit von Kindern aus - für sich selbst und weil sie Profit machen wollen. Wer hierzu schweigt, macht sich mit schuldig an der Zerstörung der Kinder“, sagte Ekin Deligöz (MdB), Vorstandsmitglied von UNICEF Deutschland, die am Weltkongress in Rio teilnimmt.
Nach Einschätzung von UNICEF hat in den vergangenen Jahren - nicht zuletzt nach bekannt werden spektakulärer Missbrauchsfälle - das Bewusstsein für das Leid der betroffenen Kinder zugenommen. Doch die massenweise Nutzung des Internet und neuer Kommunikationstechniken wie Chatrooms, die nur schwer zu überwachen sind, haben neue Möglichkeiten der Ausbeutung geschaffen. Immer öfter werden über kommerzielle Websites Geschäfte abgewickelt, die Passwort geschützt sind oder einen Zugang über eine Kreditkarte haben. Solche Internetseiten bringen dem Betreiber bis zu 30.000 Dollar Gewinn im Jahr.
In manchen Ländern wurden zwar schärfere Gesetze verabschiedet, zum Beispiel das Verbot des Besitzes von Kinderpornografie. Doch trotzdem gibt es weltweit immer noch ein Defizit bei der Verfolgung der Täter.
UNICEF versucht beim Weltkongress gegen sexuelle Ausbeutung von Kindern fünf große Schwerpunktthemen auf die Agenda zu setzen:
Kinderschutz-Systeme verbessern: Sexuelle Ausbeutung von Kindern kann nur dann wirksam bekämpft und eingedämmt werden, wenn Polizei, Strafverfolgungsbehörden, Gemeinden, Unternehmen und Nichtregierungsorganisationen eng zusammen arbeiten. Bedrohte Kinder müssen frühzeitig identifiziert und geschützt werden. Minderjährige Prostituierte, die zum Beispiel zur Ausbeutung in ein anderes Land gebracht wurden, dürfen nicht als Täter abgeschoben werden, sondern müssen als Opfer Schutz und Hilfe erhalten.
Einstellungen verändern: Prostitution von Kindern und Jugendlichen ist kein Kavaliersdelikt, sondern ein Verbrechen, das nicht toleriert werden darf. Hierüber muss in allen Bereichen der Gesellschaft Konsens herrschen. Tiefer liegende Faktoren wie diskriminierende Einstellungen gegenüber Mädchen, Männlichkeitskult sowie die verharmlosende Sexualisierung des Alltags von Kindern und Jugendlichen in den Medien müssen öffentlich diskutiert werden.
Kinder und Jugendliche beteiligen: In Rio diskutieren über 300 Kinder und Jugendliche mit über Wege, ihre Altersgenossen vor sexueller Ausbeutung zu schützen. In Jugendgruppen und Schulen müssen diese Themen aktiv behandelt werden. Die Heranwachsenden müssen lernen sich gegenseitig zu helfen, wenn sie Missbrauch und Gewalt ausgesetzt sind.
Strafverfolgung stärken: Alle Staaten müssen die relevanten internationalen Abkommen zum Kinderschutz unterzeichnen und umsetzen. Dabei gilt es besonders, die grenzübergreifende Strafverfolgung zu verbessern - zum Beispiel durch mehr Kontaktbeamte. Auch für die Beobachtung des Internet müssen genügend Spezialisten vorhanden sein.
Soziale Verantwortung von Unternehmen einfordern: Wirtschaftszweige wie die Tourismusindustrie, die Reiseindustrie, Kreditartenunternehmen, Internetprovider, Internetcafés, Arbeitsvermittlungen, Modellagenturen, Austauschprogramme, Sportindustrie und Clubs müssen in die Verantwortung genommen werden und sicherstellen, dass in ihrem Umfeld keine Kinder ausgebeutet werden.
UNICEF-Vorstandsmitglied Ekin Deligöz steht in Rio für Interviews zur Verfügung und wird regelmäßig per Weblog auf www.unicef.de über den Weltkongress berichten.
Für Interviewabsprachen mit Ekin Deligöz wenden Sie sich bitte an die UNICEF-Pressestelle, Tel. 0221-93650-315, Email presse(at)unicef.de.
Ausführliche Informationen zum Thema auf www.unicef.de/weltkongress.html
Sendefähiges TV-Bildmaterial ist vorhanden.
Die sexuelle Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen zählt zu den schwersten Kinderrechtsverletzungen. Weltweit werden jährlich 1,8 Millionen Mädchen und Jungen zur Prostitution und zur Pornographie gezwungen. 1,2 Millionen Kinder werden wie Ware von Menschenhändlern verkauft. So lauten die Schätzungen aus der ersten globalen UN-Studie über Gewalt gegen Kinder. Das ganze Ausmaß der sexuellen Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen ist noch immer nicht bekannt, weil die Täter im Verborgenen handeln und das Thema in den meisten Gesellschaften tabuisiert ist. Mit dem Handel von Menschen werden Profite in Milliardenhöhe erzielt.
Alle Kinder und Jugendlichen haben das Recht, vor gewalttätigen und sexuellen Übergriffen wie vor wirtschaftlicher Ausbeutung wirksam geschützt zu werden. Dieser Anspruch richtet sich nicht nur an den Staat, sondern an die gesamte Gesellschaft. Die Vereinten Nationen, einzelne Staaten, internationale Gremien wie der Europarat und zahlreiche Nichtregierungsorganisationen haben in den vergangenen 15 Jahren wichtige Schritte unternommen, um Kinder zu schützen, effektive Präventionsarbeit zu ermöglichen und die Verbrechen grenzüberschreitend zu verfolgen. Meilensteine im Kampf gegen die sexuelle Ausbeutung waren die Weltkongresse in Stockholm 1996 und in Yokohama 2001. Vom 25. bis 28. November 2008 findet in Rio de Janeiro der dritte Weltkongress statt.
UNICEF und ECPAT haben die deutsche Bundesregierung gemeinsam dazu aufgerufen, in Brasilien eine hochrangige Vertretung und eine aktive Rolle zu sichern. Die Delegation der Bundesregierung wird nun von Staatssekretär Gerd Hoofe aus dem Bundesfamilienministerium geleitet. Organisatoren des dritten Weltkongresses sind ECPAT, UNICEF, die NGO-Gruppe für die Kinderrechtskonvention sowie die brasilianische Regierung. Es werden rund 3.000 Delegierte erwartet, darunter auch 300 Kinder und Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren.
Themen sind:
1. Kommerzielle sexuelle Ausbeutung und ihre neuen Dimensionen, z.B. Internet
2. Rechtssysteme, Strafmündigkeit, Verantwortung und Strafverfolgung
3. Integrierte und Sektor übergreifende Politik
4. Soziale Verantwortung der privaten Wirtschaft
5. Strategien und Ziele der internationalen Zusammenarbeit (Zusatzprotokoll, Europa-ratskonvention)
Relevanz für Deutschland
Das Geschäft der kommerziellen sexuellen Ausbeutung und des Menschenhandels findet nicht nur in armen Ländern Osteuropas, Asiens, Afrikas und Lateinamerikas statt – es reicht bis nach Deutschland. Mädchen und Jungen werden z.B. nach Deutschland verkauft, um in Bars zu arbeiten. Sie werden sexuell missbraucht und zur Prostitution gezwungen. Manche Kinder werden auch zum Stehlen geschickt oder zum Transport von Drogen eingesetzt.
Deutsche sind auch am Geschäft mit der sexuellen Ausbeutung von Kindern beteiligt. Sie sind Vermieter illegaler Unterkünfte, Zuhälter und Mittelsmänner. Männer in Deutschland gehen in Bordellen auch zu Zwangsprostituierten. Deutsche Männer reisen zur sexuellen Ausbeutung von Kindern in Nachbarländer Deutschlands, wie Tschechien und Polen, oder in den Süden, zum Beispiel nach Kambodscha, die Dominikanische Republik oder Kenia.

Das Internet ist ein Treffpunkt für Täter geworden, die Bilder handeln und tauschen. Sie bieten Kinder gegen Geld zum sexuellen Missbrauch an und geben Warnungen vor strafrechtlicher Verfolgung weiter. Die Anonymität im Netz macht es den Tätern leicht. Jeder kann unkontrolliert Bilder und Videos einstellen und Kontakte knüpfen, ohne seine wahre Identität preiszugeben. Lehrer, Eltern und Kinder wissen zu wenig über die Risiken des Internet. Mädchen und Jungen bringen sich ahnungslos in Gefahr, indem sie persönliche Daten und Bilder ins Netz stellen. Deutsche Schüler verbringen im Durchschnitt rund 70 Minuten an einem normalen Werktag im Chatroom, 122 Minuten am Wochenende oder während der Ferien. Viele Pädophile nutzen Chatrooms für ihre Zwecke, indem sie sich als Gleichaltrige ausgeben. In einer Studie der Universität Köln gaben 38 Prozent der befragten Jugendlichen an, gegen ihren Willen nach sexuellen Dingen gefragt worden zu sein. Mehr als jede/r Zehnte bekam unaufgefordert Nacktfotos zugesandt, fünf Prozent erhielten Pornofilme und acht Prozent wurden zu sexuellen Handlungen vor der Webcam aufgefordert.
Fernreisenden – vor allem in ärmere Länder – wird die sexuelle Annäherung an Minderjährige oft leicht gemacht. Allein in Asien werden mindestens eine Million Kinder jedes Jahr für die Prostitution missbraucht. Unter den Kunden sind Einheimische ebenso wie Sex-Touristen, denen es oft an jedem Unrechtsbewusstsein fehlt. Sie rechtfertigen sich damit, den Kindern mit ihrem Geld noch etwas Gutes getan zu haben. Oder sie entschuldigen ihr Verhalten damit, dass Kinder in bestimmten Ländern viel früher bereit zum Sex seien. Zudem machen neben den Kunden noch eine Vielzahl weiterer Menschen mit den Kindern Profit - von den kriminellen Kinderhändlern über Zuhälter bis hin zu Taxifahrern und Reiseleitern, die Tipps geben.