
29. Januar 2010
Nach einer Woche in Haiti war es nun Zeit für mich, nach Hause zurückzufliegen.
In die Stadt hineinzukommen war schon schwierig gewesen, aber die Abreise war genauso anstrengend. Hunderte Haitianer drängten sich am Eingang des Flughafens und versuchten die US-Soldaten, die dort Wache hielten, zu beschwatzen – in der Hoffnung, an Bord eines Flugzeuges Richtung Europa oder Nordamerika zu gelangen. Aber meine Probleme bei der Abreise waren nicht nur logistischer Art. Ich musste das UNICEF-Team vor Ort zurücklassen. Und ich wusste genau, dass noch so viel getan werden muss, um Haiti aus diesem Schutt zu befreien. Und um Kindern wie denen, mit denen ich in den Krankenhäusern und Notunterkünften gesprochen hatte, eine Zukunft zu sichern.
Am ersten Tag zurück in Panama gab ich mein schwerstes Interview – nicht einem Journalisten, sondern meinem fünfjährigen Sohn Jacob. „Ich habe dich im Fernsehen gesehen“, sagte er. „Wo war dieser Ort, von dem du gesprochen hast? Wer waren diese Kinder, über die du gesprochen hast?“ So musste ich ihm von dem Zeltkrankenhaus erzählen und den Kindern, die ich dort gesehen hatte: von Sean, Medoshe, dem kleinen Mädchen ohne Namen und von Sandie. Er wollte Fotos von ihnen sehen (und natürlich von dem Hubschrauber, mit dem ich geflogen war). Er wollte wissen, warum sie im Krankenhaus waren und wo ihre Eltern sind und was mit ihnen passieren würde.
Wie kann man das Grauen in Port-au-Prince einem Fünfjährigen erklären? Wie kann man für ein Kind verständlich von eingestürzten Schulen und Häusern erzählen, von so vielen verletzten und toten Menschen? Wie kann man vom Geruch verwesender Körper erzählen? Von aufgetürmtem Müll, entzündeten Wunden und amputierten Extremitäten? Von Hunderten von Menschen, die auf den Straßen und in den Parks schlafen? Es war schwer, das, was ich gesehen hatte, in eine Sprache zu übersetzen, die er verstehen, aber die ihm keine Albträume bereiten würde. Es war auch schwer, die Realität der Kinder in Haiti mit der meines Sohnes in Übereinstimmung zu bringen. Seine geschützte Welt voller Wärme, Zuwendung und Freunde schien so surreal zu sein, verglichen mit dem, was ich gerade gesehen hatte. Aber vielleicht war es auch genau umgekehrt. Vielleicht war es die Wirklichkeit der Kinder in Haiti, die nicht zusammenpasste mit dem, was Kindheit sein sollte.
„Können wir diese Kinder besuchen?“ fragte mein Sohn, nachdem ich ihm die Fotos gezeigt hatte. Ich sagte, dass ich nicht sicher sei, ob er bald dorthin reisen könne. Er war ein paar Augenblicke ganz still. Dann sagte er mir, wenn er schon nicht dorthin reisen könne, solle ich zurückgehen und den Kindern dort einige seiner Spielsachen mitbringen. Ich sagte ihm, dass ich das tun könne. Und ich dachte, dass die Spielsachen eine perfekte Ergänzung zu den lebensrettenden Hilfsgütern wären, die wir dorthin bringen und zu den Schutzmechanismen, die wir dort mit aufbauen. Jacob würde etwas schicken, was den Kindern in Haiti helfen könnte, ihre Kindheit zurückzuerobern.
Port-au-Prince, 19. Januar 2010
Eine Woche ist vergangen, seit das schwere Erdbeben diesen ohnehin schon verzweifelt armen Teil der Welt in ein Katastrophengebiet verwandelt hat. Der Wettlauf gegen die Zeit, um den Menschen in Haiti zu helfen, geht weiter. Jeden Tag kommen Hilfsgüter an, die Verteilung von sauberem Trinkwasser, Nahrung, Hygieneartikeln und anderen überlebenswichtigen Hilfsgütern hat sich sehr verbessert. Doch jeder Tag bringt neue Herausforderungen. Hunderte oder sogar Tausende verlassen Port-au-Prince, ihre wenigen Habseligkeiten zu Bündeln zusammengeschnürt oder in Koffer gequetscht. Die Menschen tragen sie auf dem Kopf und versuchen, aufs Land zu gelangen.
Tausende drängen sich aber auch noch immer in improvisierten Notlagern, auf Plätzen, vor Schulen, sogar auf einem Golfplatz. Diese Lager sind Mikrokosmen des Überlebens. Ein Mann hat einen Generator herbegracht, mit dem er Hunderte von Mobiltelefonen auflädt. Frauen kochen alles, das sie an Lebensmitteln bekommen könne, über dem offenen Feuer. Einige Lager haben schon Komitees gewählt, die helfen, ihre Bedürfnisse zu koordinieren. Aus einigen Gebieten gibt es Berichte über Gewalt und Plünderungen. Aber was ich vor allem sehe, ist eine enorme Geduld und Belastbarkeit der Menschen hier.
Heute hat UNICEF gemeinsam mit Partnern 140 Tanklastwagen mit Trinkwasser auf den Weg gebracht. Trotz Treibstoffproblemen haben sie über 140.000 Menschen mit sauberem Wasser erreicht. UNICEF hat auch ein Waisenhaus versorgt, in dem momentan rund 50 Kinder leben. Weitere 50 sollen noch dazukommen.
Heute haben wir versucht, die Situation unbegleiteter Kinder besser zu erfassen. UNICEF richtet erste Schutzzentren ein. Hier sollen zunächst 900 Kinder unterkommen, die nach dem Erdbeben ganz auf sich gestellt sind. Es braucht Zeit, einen Überblick zu bekommen - allein sich durch die zerstörte Hauptstadt zu bewegen, dauert oft Stunden. Aber allmählich gewinnen wir ein klareres Bild der Lage und arbeiten an Lösungen.
Die ersten Schutzzentren nehmen ihren Betrieb auf. Deshalb fahren wir zurück in die Zeltklinik, in der wir vor zwei Tagen den siebenjährigen Sean und ein kleines Mädchen mit Kinderlähmung kennengelernt hatten (s.u. Bericht vom 17.01.2010). Zusammen mit der Kinderschutzexpertin Nadine Perrault von UNICEF wollen wir die beiden Kinder sowie die neunjährige Sandie und die sechsjährige Medoshe in ein Schutzzentrum bringen. Doch die Ärzte wollen sie noch nicht gehen lassen. Ihre Wunden sind noch nicht gut genug verheilt, Infektionen drohen. Der verwaiste Sean und Sandie haben sich angefreundet. Um das kleine Mädchen, das niemand kennt, kümmert sich eine Frau, die mir ihrem 15jährigen Sohn hier ist. Sie gibt ihr zu essen, schaukelt und kitzelt sie - zum ersten Mal, seit sie herkam, lächelt das kleine Mädchen. Wir merken, dass wir Sean und Sandie jetzt nicht auseinanderreißen dürfen und dass es besser ist, die Kinder später alle gemeinsam abzuholen.
In den nächsten Tagen werden die Kinder in der hinteren Ecke des Zeltes bleiben, direkt neben dem Pausenbereich für die Ärzte und Schwestern. So können die Helfer sie im Auge behalten. Denn es wird versucht, unbegleitete Kinder außer Landes zu bringen.
Illegale Adoptionen gaben bereits vor dem Beben in Haiti Anlass zur Sorge. Nach dem Beben ist die Lage angesichts der chaotischen Zustände noch dringlicher geworden. Die haitianischen Behörden fürchten, dass Kinder außer Landes gebracht werden, ohne dass die erforderlichen Schritte eingehalten werden.
Eine Adoption kann für viele Kinder, die ihre Eltern verloren haben, eine gute Möglichkeit sein. Doch nur sieben Tage nach dem Erdbeben müssen wir daran denken, dass viele Menschen hier noch immer nach ihren eigenen Kindern oder denen von Verwandten suchen. In Absprache mit UNICEF und den Behörden hat die Polizei mobile Teams gebildet. Sie sollen am Flughafen und an der Grenze zur Dominikanischen Republik sicherstellen, dass Kinder, die ausreisen, vollständige Papier haben.
Warum der Einsatz von UNICEF für unbegleitete Kinder so wichtig ist, zeigt das Beispiel der neunjährigen Marie Yolene Milord. Sie kam gestern mit einem gebrochenen Arm ins Krankenhaus. Marie ist ein „restavek“, ein Hausmädchen, das in Port-au-Prince in einer fremden Familie lebte. Fast 200.000 Kindern in Haiti geht es wie ihr. Die meisten kommen aus verarmten Familien vom Land, die ihre Kinder zum Arbeiten zu Verwandten oder ganz Fremden in die Stadt geben - oft in der Hoffnung, dass sie dort etwas lernen und später ein besseres Leben haben können. Die Wahrheit ist, dass diese Kinder häufig ausgebeutet und missbraucht werden. Meist verweigern die Arbeitgeber den Kindern auch den Schulbesuch.
Marie Yolene war gerade beim Wasserholen, als die Erde bebte. Ein herabstürzender Betonblock brach ihr den Arm. Daraufhin brachte ihre Familie sie ins Krankenhaus und überließ sie dort ihrem Schicksal. Marie wünscht sich nichts mehr, als dass wir ihr helfen, in ihr Heimatdorf zurückzukehren. Sie kommt aus Les Cayes im Süden Haitis. „Meine Mutter ist tot, aber ich glaube, dass mein Vater noch lebt“, sagt die Neunjährige. „Wenn ich dort bin, würde ich das Haus wieder erkennen. Ich möchte einfach nur nach Hause.“
Port-au-Prince, 17. Januar 2010
Heute Morgen habe ich auf dem Gelände der MINUSTAH-Friedenstruppen ein Feldlazarett besucht. Zwei riesige Zelte sind bis zum letzten Platz mit Verwundeten belegt. Die Bedingungen sind furchtbar: Patienten und Ärzte haben nicht genug zu essen und zu trinken. Es gibt keine Latrinen so dass die Menschen ihre Notdurft hinter den Zelten verrichten müssen.
Neben einem Zelt stapeln sich Leichen. Heute wurde ein improvisierter Operationsraum eingerichtete. Die Mitarbeiter führen vor allem Amputationen durch - die offenen Verletzungen vieler Erdbebenopfer sind entzündet und damit lebensbedrohlich. Andere Operationen können nicht stattfinden. Überall fehlt es an Material.
Von überall höre ich Wimmern und Schmerzensschreie. Fünf Kinder liegen allein in ihren Betten - kein Angehöriger ist da, um ihnen zu essen zu geben, sie zu säubern, ihre Hand zu halten. Ein zweijähriges Mädchen mit Kinderlähmung hat sich hierher gerettet. Sie ist kaum verletzt. Doch niemand weiß, wer sie ist oder wo man anfangen sollte, nach ihrer Familie zu suchen. Auf einem Zettel an ihrem Fuß steht nur „kleines Mädchen“.
Das gleiche gilt für den siebenjährigen Sean. Nach seiner Ankunft schrie er zwölf Stunden lang nach seinen Eltern - zusammengekrümmt wie ein Embryo. Die Krankenschwestern sagen, dass er seine beiden Eltern tot gesehen hat. Sean hat nur kleine Kratzer und läuft zwischen den anderen Patienten herum. Doch die Ärzte zögern, ihn gehen zu lassen - ohne zu wissen, wohin er gehen kann und wer sich um ihn kümmern wird.
Hunderte oder gar Tausende Kinder in Port-au-Prince sind in einer ähnlichen Situation - sie liegen verletzt im Krankenhaus oder streifen auf der Straße umher, ohne Wasser und Nahrung, Gewalt und Missbrauch schutzlos ausgeliefert. Viele von ihnen haben tiefe seelische Wunden davongetragen, die sie ein Leben lang begleiten werden. Sie sind in Gefahr durch Krankheiten und Mangelernährung - und bedroht durch sexuellen Missbrauch oder Menschenhändler.
UNICEF wird zwei Schutzhäuser für 200 Kinder wie Sean und das kleine Mädchen ausstatten - ein sicherer Hafen, in dem die Kinder vorübergehend versorgt werden. Parallel wird UNICEF die Suche nach Angehörigen unterstützen. Für Kinder, die keinerlei überlebenden Verwandten mehr haben, sucht UNICEF nach alternativen Unterbringungsmöglichkeiten - zum Beispiel in Pflegefamilien.
Am Nachmittag begleite ich meinen Kollegen aus dem Wasser- und Sanitärbereich. Er will kontrollieren, ob die gestern begonnen Wasserverteilung die Menschen tatsächlich erreicht. Niemand in Port-au-Prince schläft noch in seinem Haus. Aus Angst vor Nachbeben campieren die Familien auf offener Straße. Einige haben sich aus allen verfügbaren Fetzen Stoff notdürftige Unterkünfte gebaut. Sämtliche Parks in der Stadt sind von obdachlosen Menschen belegt - selbst der Garten des Premierministers ist zu einem improvisierten Flüchtlingslager geworden. Andere schlafen direkt an der Straße auf dem Bürgersteig.
Es gibt keine Latrinen, die Menschen erleichtern sich auf dem Bürgerstieg. Überall stapelt sich der Müll. Auf der Straße sehe ich eine Frau, fast nackt. Sie kniet vor einer Pfütze, um sich notdürftig zu waschen. Wenn die Nacht einbricht, müssen Tausende von Menschen in absoluter Dunkelheit ausharren.
Vor dem Haus des Premierministers hat UNICEF einen von bisher 26 großen Wassertanks aufgestellt. Er fasst 5.000 Liter Wasser - genug, um 1.000 Menschen notdürftig zu versorgen. Alle stellten sich mit ihren Kanistern ordentlich an. Auch nebenan hat sich eine lange Schlange gebildet - hier werden Hygienepakete verteilt.
Es ist gut zu sehen, dass die Hilfe bei den Menschen ankommt - trotz der furchtbaren Bedingungen, in denen sie leben. Zurück in unserem improvisierten UNICEF-Büro muss ich erfahren, dass der Sohn eines der haitianischen Fahrer seinen schweren Verletzungen erlegen ist. Das Beben hat dem Mann bereits das dritte Kind geraubt: Als sein Haus zusammenstürzte, waren seine Tochter und ein weiterer Sohn direkt getötet worden.
Die Tragödie des Erdbebens trifft in Haiti alle. Auch mehrere UNICEF-Mitarbeiter haben alles verloren und besitzen nichts mehr außer den Kleidern, die sie am Körper tragen. Alle sind erschöpft und traumatisiert - und nervös wegen der Nachbeben, die noch immer jeden Tag spürbar sind. Und noch immer liegen Menschen unter den Trümmern, die noch nicht geborgen werden konnte. Niemand weiß, ob sie noch leben.