18. November 2010

Rund 20 Millionen Kinder sind weltweit vor Krieg und Gewalt auf der Flucht. In den modernen Kriegen sind vor allem Zivilisten die Opfer – unter ihnen viele Kinder und Frauen. Kinder werden von skrupellosen Militärführern zu Tätern gemacht. 250.000 Kinder werden weltweit als Soldaten missbraucht. “Millionen Kinder leiden entsetzlich unter den Kriegen der Erwachsenen. Gezielter Terror gegen Frauen und Kinder gehört immer öfter zur Taktik der Kriegsherren. Kindersoldaten werden unter Drogen gesetzt und müssen manchmal sogar die eigenen Eltern töten“, sagte Sabine Christiansen beim Start der traditionellen UNICEF-Weihnachtsaktion am Donnerstag in Berlin. „Auch wenn wir nicht in der Lage sind, Kriege zu beenden – wir alle können etwas tun, damit Kinder in Krisengebieten Hilfe erhalten und besser vor Gewalt geschützt werden.“ Die Botschafterin von UNICEF Deutschland rief die Bundesbürger auf, die Aktion zu unterstützen und für Hilfsprogramme zum Schutz von Kriegskindern zu spenden.
„Kinder sind im Krieg den schlimmsten Formen von Gewalt ausgesetzt. Sie werden gequält, grausam verstümmelt und sexuell missbraucht. Vergewaltigungen werden systematisch als Kriegswaffe eingesetzt“, sagte Schauspielerin Katja Riemann, die im Osten der Demokratischen Republik Kongo UNICEF-Projekte für die Opfer sexueller Gewalt besucht hat. „Wir müssen den Kindern in solchen Kriegsgebieten eine Chance geben. Nur wenn sie lernen, Konflikte friedlich zu lösen, kann der Teufelskreis aus Gewalt und Gegengewalt durchbrochen werden.“ UNICEF unterstützt in der Region Schutzzentren und Gesundheitsstationen, in denen die Opfer von Vergewaltigungen medizinische und psychologische Hilfe erhalten. In Übergangszentren werden ehemalige Kindersoldaten betreut. Sie erhalten Unterstützung für einen neuen Anfang im zivilen Leben. Viele gehen dann zum ersten Mal im Leben in eine Schule und erhalten die Chance auf eine Berufsausbildung.
Weltweit werden heute immer noch schätzungsweise 250.000 Kinder als Soldaten missbraucht. Ein aktueller Bericht der Vereinten Nationen nennt für das Jahr 2009 noch 60 Gruppen in 13 Ländern, die Kinder einsetzen. Für die Kommandeure sind diese Kinder eine ideale Verstärkung, manchmal auch die letzte Reserve. Sie bekommen kaum Sold, sind gehorsam und begreifen oft die Gefahr, in die sie sich begeben, noch nicht. Deshalb werden sie auch an vorderster Front eingesetzt: Die Kinder werden gezwungen, Dörfer zu überfallen, um Lebensmittel zu beschaffen. Sie müssen sich an Straßensperren als erste verdächtigen Autos nähern oder werden als Vorhut über vermintes Gelände geschickt. Mädchen in den Truppen müssen ständig sexuelle Übergriffe fürchten. Vergewaltigungen oder Zwangsehen mit einem der Anführer sind in den Truppen die Regel.
Viele Kindersoldaten werden zwangsrekrutiert und oft mit brutaler Gewalt zum Kämpfen gebracht. Rekrutierungstrupps kommen in die Dörfer und nehmen Kinder mit in ihre Camps – oder sie greifen Straßenkinder auf. Um sie gefügig zu machen, werden die Kinder vielfach systematisch unter Drogen gesetzt. Manche Milizenchefs zwingen sie sogar dazu, Angehörige und Nachbarn umzubringen, um ihre Hemmschwelle zu zerstören und die Kinder an die Truppe zu fesseln. Doch nicht immer ist Zwang nötig: Für manche Kinder aus armen Familien oder Kriegswaisen reicht schon die Aussicht auf regelmäßiges Essen und einen gewissen Schutz, um sich Soldaten anzuschließen. Die wenigsten haben die Chance auf eine Schulbildung, auf Arbeit und ein gesichertes Auskommen. Für diese Heranwachsenden ist die Kalaschnikow eine Überlebensgarantie und ein Werkzeug, um Macht auszuüben.
97 Kinder leben derzeit im von UNICEF unterstützten Transitcenter Cajed in Goma, Ostkongo. Die Jüngsten sind erst acht Jahre alt. Die Aktivitäten im Zentrum helfen den Kindern, sich zu öffnen. Sie zeichnen z.B. das Dorf, aus dem sie stammen. Oder sie basteln und machen Handarbeiten. Sie erfahren, dass viele Kinder in der gleichen Situation sind wie sie. Erst nach und nach erzählen die Mädchen und Jungen den Betreuern, wie sie den Krieg erlebt haben, welche Ängste sie hatten und was sie tun mussten. Sie leiden unter ihren seelischen Wunden – und unter denen, die sie anderen zugefügt haben. Die Betreuer wissen meist sehr schnell, welche Kinder andere Menschen getötet haben. In der Nacht wachen einige auf und irren orientierungslos auf dem Gelände herum. Andere schrecken schreiend aus ihren Albträumen. Oft haben die Mädchen und Jungen jede Bindung an ihre Familien verloren. Es fällt ihnen schwer, die relative Sicherheit der Truppe gegen eine ungewisse Zukunft und ohne Hoffnung auf ein regelmäßiges Einkommen zu tauschen. Denn die meisten haben viele Jahre des Schulbesuchs verpasst und besitzen keinerlei Berufsausbildung außerhalb des Militärs.
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