
Berlin, 14. Dezember 2005
Moderation:
2005 war das Jahr der großen Katastrophen. Der Tsunami, Erdbeben in Pakistan, die Hungersnot in Niger - die Bilder gingen um die Welt. Mit seinem Jahresbericht "Zur Situation der Kinder in der Welt 2006" lenkt UNICEF jetzt den Blick auf die vergessene Not von Kindern, die nicht in den Schlagzeilen vorkommen.Die Journalistin und TV-Moderatorin Monica Lierhaus war mit UNICEF im Norden von Uganda, wo kaum beachtet von der Weltöffentlichkeit eine der größten humanitären Krisen stattfindet
„Es haben uns Jugendliche berichtet, dass sie als erstes, als sie entführt worden sind, in einem Kreis aufgestellt wurden. Und eines dieser neu entführten Kinder musste ein anderes töten. Und zwar mit einem Knüppel tot schlagen. Und wenn sich dieses Kind geweigert hat, dann wurde es erschlagen. Das sind so grauenvolle Rituale, so barbarische Rituale, mit denen die Kinder so verängstigt werden, dass sie sich kaum trauen, zu fliehen. Töten zu müssen um selbst nicht getötet zu werden – das hat mich schon sehr stark betroffen gemacht.“
Moderation: In Uganda werden Tausende Jungen und Mädchen von der Lord's Resistance Army als Soldaten missbraucht. In vielen anderen Ländern benutzt man die Kinder einfach nur als billige Arbeitskraft. 171 Millionen Kinder, so schätzt UNICEF, müssen unter Bedingungen arbeiten, die ihrer Gesundheit schaden. Davon über acht Millionen in Verhältnissen, die man als Sklaverei bezeichnen kann. Sie müssen in Minen und Steinbrüchen schuften oder verschwinden als Dienstmädchen hinter fremden Mauern. Die extreme Armut und wachsende soziale Gegensätze, Versagen von Regierungen und AIDS sind die Hauptursachen, dass Kinder ausgegrenzt werden.
O-Ton: „Wir haben erlebt, wie die Krankenhäuser voll sind von Menschen, die dringend Medikamente brauchen. Es sind nicht ansatzweise so viele Medikamente da. Eine Zahl hat mich sehr erschüttert: Nämlich, dass man für gerade mal fünf Euro eine schwangere Frau mit einem Medikament versorgen kann, dass die Übertragung, dass das Risiko der Übertragung von AIDS auf das ungeborene Kind um mehr als 50 Prozent sinkt. Für fünf Euro könnte UNICEF eine schwangere Frau mit so einem Medikament versorgen. Und das klingt für uns so lächerlich – fünf Euro - kann aber Menschenleben retten.“
Moderation:
Uganda ist nur ein Beispiel. In vielen Ländern Afrikas, Asiens und Südamerikas wachsen Kinder ohne richtige Kindheit auf - quasi in einer Dauer-Krisensituation, die allerdings immer weniger wahrgenommen wird. Darauf weist eindringlich der UNICEF-Jahresbericht "Zur Situation der Kinder in der Welt 2006" hin, der heute in Berlin vorgestellt wurde. 267 Seiten Daten und Fakten über Kinder am Rande der Gesellschaft. Und die werden von der traditioneller Entwicklungshilfe oft nicht erreicht, erklärt UNICEF-Deutschland-Vorsitzender Reinhard Schlagintweit:
„Entweder sie sind in tiefer Armut, wachsen in Armutsfamilien auf. Es sind Kinder aus kaputten Familien, die dann Opfer von Kinderhandel werden oder von sexueller Ausbeutung. Das AIDS-Problem ist eben so groß, dass viele, viele Waisen-Kinder nicht mehr von der Großfamilie versorgt werden können, wie es früher einmal war. Und wo es einen Konflikt gibt, sind die Kinder die, die am ehesten unter den Rost fallen. Die gezwungen werden, Kriegsdienst zu leisten. Oder die in Lagern aufwachsen, die zu wenig zu essen bekommen, die krank werden.“
Moderation: Die großen Naturkatastrophen wie der Tsunami in Südostasien oder das verheerende Erdbeben in Pakistan haben eine enorme Hilfsbereitschaft ausgelöst. So wichtig diese Nothilfe ist: Darüber darf die alltägliche Not der Kinder nicht in Vergessenheit geraten, meint UNICEF Europadirektor Philip O’Brien:
„We are strongly committed to make shure that every birth is a registered birth. We wanna make shure that every child is in school. Secondly: Child survival: a child born in a low income country is much less likely to live till it is five years old than a child born in a rich country. And it’s not just poverty. It’s services: Basic health immunisation services, more water, more clean water, more portable water, better nutrition for the mother. And we are working very hard with governments trying to make shure that every woman who thinks, she is HIV/AIDS-positive, has the opportunity for testing and treatment. So that we stop the transmission from mother to child which I think we can do.”
Übersetzung: “Wir kämpfen dafür dass jedes Kind bei der Geburt registriert wird. Wir wollen sicherstellen, dass jedes Kind zur Schule geht. Außerdem Überleben: In armen Ländern ist die Chance, dass ein Kind fünf Jahre alt wird, viel geringer als in reichen Ländern. Das ist nicht nur ein Frage von Armut sondern auch von Gesundheitsversorgung und mehr Wasser, mehr sauberes Wasser, mehr Trinkwasser und bessere Nahrung für die Mütter. Und wir arbeiten ganz hart mit den Regierungen daran, dass jede Frau, die glaubt HIV/AIDS-positiv zu sein, sich auch testen und behandeln lassen kann. Damit wir endlich die Mutter-Kind-Übertragung stoppen, was wir auch schaffen können.“
Moderation: Doch die Arbeit von UNICEF beschränkt sich nicht nur auf die praktische Arbeit in den vielen Projekten. Sie umfasst auch die politische Lobbyarbeit für Kinder ohne Kindheit. So versucht das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen immer wieder, auch bei den Regierungen vor Ort die Verantwortung für Kinder ins Bewusstsein zu rufen. UNICEF-Vorsitzender Reinhard Schlagintweit:
„Zunächst einmal ist es wichtig, die Aufmerksamkeit auf diese Gruppen zu lenken. UNICEF spricht mit den Regierungen und macht sie auf solche Probleme aufmerksam. Sie sagt ihnen zum Beispiel, du musst alle Kinder gleich behandeln, die in deinem Land leben. Du musst dafür sorgen, dass sie ordentlich registriert werden, dass sie Personalpapiere bekommen, damit die Aufmerksamkeit auf ihnen liegt. Und wir hoffen, dass auch unsere amtliche Entwicklungshilfe, dass sie gerade auf diese Randgruppen, diese unteren Randgruppen vielleicht noch ein bisschen gezielter zugeht.“