
Der Tag beginnt mit 20 Frauen auf engstem Raum – wir sind in dem ärmlichen Dorf Preliushe im Wohnzimmer einer Roma-Familie. Das Rote Kreuz - unterstützt von UNICEF - lädt sie dreimal im Monat ein, um mit ihnen über Gesundheit, Kindererziehung und Familienplanung zu reden. Das klingt so selbstverständlich, ist es aber nicht: Die meisten dieser Frauen haben nie laut über Verhütung oder andere Tabuthemen gesprochen. Dabei ist das hier so notwendig: Die Kindersterblichkeit ist nirgends in Europa höher als im Kosovo.
Heute sprechen die Frauen in Preliushe über Gewalt in der Ehe - leider ein häufiges Vorkommnis, was auch auf die hohe Arbeitslosigkeit und die damit zusammenhängende Frustration zurückgeführt wird. Das Gespräch läuft abwechselnd auf albanisch und auf serbisch, denn das Besondere hier ist, dass in diesem überfüllten Wohnzimmer Frauen aus den verschiedenen Bevölkerungsgruppen zusammenkommen. Andere Gelegenheiten dafür gibt es nicht, dieser regelmäßige Treffpunkt ist also schon mal ein Anfang. Für die Männer gibt es übrigens einen ähnlichen Gesprächskreis - und dass der funktioniert, ist vielleicht noch ermutigender.
Zu unserem nächsten Termin fahren wir erstmal zwei Stunden über Land – westwärts Richtung albanische Grenze, Richtung Gjakova/Djakovica. Uns allen fällt auf, dass wir noch nie so viele Tankstellen gesehen haben. An die meisten ist ein Motel angeschlossen mit klangvollen Namen wie "Amsterdam" oder "Anna", und man braucht nicht viel Verstand, um zu begreifen, dass hier Geld gewaschen und Prostitution betrieben wird. Überhaupt wird sehr viel gebaut, an den Straßenrändern stehen unzählige Neubauten, halbfertig oder bezugsreif, aber meist leer. Hier im Westkosovo waren die Jahre 1998/1999 besonders gewalttätig. Immer wieder fahren wir an kleinen Ehrentafeln für gefallene albanische Kämpfer oder für ermordete albanische Familien vorbei. Auch die Ruine eines Kontrollzentrums der jugoslawischen Luftwaffe steht noch so da, wie eine NATO-Bombe sie zerstört hat. Allein in Gjakova, der serbische Name ist Djakovica, werden heute noch 1.500 Bewohner vermisst.
Wir kommen zu einer Elendssiedlung der Ashkali am Rande von Gjakova. Die Ashkali, manchmal auch Ägypter genannt, sind mit den Roma verwandt. Hier leben sie in schlimmsten Verhältnissen am Rand einer Müllkippe. Schon aus der Ferne können wir sehen, dass sich dort Menschen zu schaffen machen, und nähern uns. Was wir sehen, habe ich so in Europa noch nie gesehen, es sind Bilder, wie man sie höchstens aus der Dritten Welt kennt: alle Arten von Abfall aufgetürmt, an mehreren Stellen brennt es, es stinkt fürchterlich und giftig. Und mittendrin, in und auf diesem Müll herumkletternd: Männer, Frauen und vor allem viele Kinder. Ein Junge sagt uns, dass er hier nach Essbarem sucht und nach Material, das er verkaufen kann: Metall und Papier, ein Kilo Aluminium zum Beispiel bringt ihm einen Euro ein. Das Geld teilen die Kinder mit ihren Eltern, ihr Verdienst ist fest eingerechnet bei diesen bettelarmen Familien. Viele Kinder hier gehen nicht in die Schule, andere kommen vor oder nach dem Unterricht. Was diese täglichen Stunden auf dem Müll für ein Gesundheitsrisiko bedeuten, können wir nur vermuten – ein Kind erzählt, dass auch das Krankenhaus hier regelmäßig seinen Abfall ablädt. Auf diese entsetzliche Situation hat auch UNICEF kurzfristig keine Antwort, natürlich spüren wir in diesem Moment auch eine große Hilflosigkeit. Trotzdem bin ich überzeugt, dass langfristig eben nur Bildung diesen Kindern eine Chance eröffnen kann, und deshalb ist alles richtig und wichtig, was ihnen hilft zu lernen. Und deshalb ist eine kleine von UNICEF unterstützte Vorschule mitten in diesem Elendsviertel ein Anfang.
Ein paar Kilometer weiter in Skivjan treffen wir eine Ashkali-Familie. Der Vater Hussein ist selber in die Oberschule gegangen - ein seltener Fall in dieser Bevölkerungsgruppe. Heute verdient er seinen kargen Lebensunterhalt als Zigarettenverkäufer. Aber den Ehrgeiz, dass seine Kinder so lange wie möglich zur Schule gehen sollen, den hat er behalten. Ein paar Jahre waren sie in Heilbronn, sind dann freiwillig in den Kosovo zurückgekehrt. Das Geld ist extrem knapp, trotzdem gehen alle vier Kinder in die Schule. Der Vater sagt ausdrücklich, dass er zwischen Söhnen und Töchtern da keinen Unterschied macht, und tatsächlich, die Älteste hat große Pläne: Sie will auf die weiterführende Schule und dann Ärztin werden. Die Hürden bis dahin sind hoch: Allein die Kosten für die Busfahrt in die Schule in der nächsten Stadt sind unbezahlbar, an Bücher gar nicht zu denken. Ob es also gelingen wird, ist mindestens unsicher, trotzdem sind wir beeindruckt von der stillen Beharrlichkeit dieser Menschen.