
Unsere erste Station ist „Doctors on Call for Service“ (DOCS) in Goma, ein Krankenhaus im Osten des Kongo. Hier werden sexuell missbrauchte Frauen medizinisch, psychologisch und sozial betreut. Hierzulande gibt es 25 000 registrierte Vergewaltigungen pro Jahr. Die Dunkelziffer liegt viel höher. Rebellentruppen fallen ins Dorf ein, töten die Männer, vergewaltigen Frauen, plündern. Der Bürgerkrieg wurde auf dem Rücken der Zivilbevölkerung ausgetragen, Massenvergewaltigungen waren eine Kriegswaffe. Alle vergewaltigten, auch die Armee des Übergangspräsidenten Joseph Kabila.
Der Kongolese Dr. Kasereka Muhindo Lusi leitet das DOCS, zeigt mir einen Jeep mit eingebauter Trage: „Damit können wir die Vergewaltigungsopfer aus den Dörfern zu uns holen“, sagt er und bedankt sich zehnmal, denn der Wagen wurde von UNICEF Deutschland bezahlt. Viele Frauen haben schwerste Genitalverletzungen erlitten. Bei ihnen ist das Hautgewebe zwischen Vagina und Blase respektive Vagina und Darm zerstört. Sie können ihren Urin nicht halten. Sie werden sigmatisiert, aus Dorf und Familie verbannt, vom Ehemann verstoßen. So werden sie doppelt zum Opfer. Einige werden schwanger durch die Vergewaltigung, einige bekommen Aids.
Dr. Lusi operiert auch an diesem Tag. Die Erfolgsrate liegt bei 90 Prozent. Einigen kann er nicht helfen, sie benötigen einen künstlichen Darmausgang. Es gibt kein Geld für diese Beutel, kein Geld für Windeln, um die Inkontinenz erträglich zu machen.
Wir schauen uns das Projekt „Living Stone“ an. Dort lernen die operierten Frauen, wie man Gemüse anpfanzt, sie bekommen Mikrokredite, um sich etwas aufbauen zu können. Man versucht auch, mit dem Ehemann und der Familie zu sprechen, um sie wieder zu integrieren. Die meisten Opfer sind traumatisiert, es kann Wochen dauern, bis sie sprechen oder essen. Ich rede mit Grace (Name geändert), sie ist 14 Jahre. Sie bekam nach der Vergewaltigung Zwillinge. Die kleinsten Wesen, die ich je sah. Ich frage Grace, ob sie täglich zu ihren Kindern geht, die im Brutkasten liegen. Sie schweigt. Sagt dann, sie habe Milch gegeben. Die Milch sei jetzt alle. Sie will zur Schule gehen und einen Beruf ergreifen. Man versucht, die Zwillinge zur Adoption freizugeben.
Später fahren wir zu dem Haus, in dem die Frauen leben, denen per Operation nicht geholfen werden kann. Sie lernen nähen, stricken, weben. Sie begrüßen uns mit Gesang. Es riecht nach Urin. Sie zeigen mir ihre Nähmaschinen. Sie nähen schöne Taschen, ich kaufe eine für zwei Dollar. Wir lachen und reden.
Vor vier Jahren wurde das Krankenhaus von Dr. Lusi fast zur Hälfte durch einen Vulkanausbruch zerstört. Das neue Hospital ist noch nicht fertig, 25 000 Dollar fehlen. Abends liege ich in meinem Bett und habe Alpträume von einem Trupp Männer, die mit Gewehren in mein Zimmer dringen und mich vergewaltigen. Warum, frage ich mich, warum gibt es diesen Zwang, Frauen und Mädchen Gewalt anzutun? Warum das zerstören, woher man doch kommt?