7. Januar 2011
Die Zeichen der Verwüstung sind in Leogane noch deutlich zu sehen. Die einst so lebendige Provinzstadt westlich der Hauptstadt Port-au-Prince liegt dicht am Epizentrum des Erdbebens vom 12. Januar 2010. Mehr als 300.000 Menschen wurden durch die Katastrophe vor einem Jahr getötet. Die Überlebenden standen vor den Trümmern ihres Lebens.
Joseph Charles (Name geändert) ist Vater von drei Mädchen. Die zwölfjährigen Zwillinge Latima und Karline und die kleine Jocelyne. Früher hatte der Reisbauer ein bescheidenes Einkommen - bis das Erdbeben sein Haus dem Erdboden gleich machte und seine Familie ohne Schutz, Nahrung und Wasser zurückließ. Josephs Frau verkaufte damals noch Obst und Gemüse. Doch die Katastrophe hat ihnen jede Existenzgrundlage genommen.
Nachdem sie ihr Zuhause und ihre ganze Habe verloren hatten, stand die Familie vor dem Nichts - ohne Geld, ohne ein Dach über dem Kopf. Aus Verzweiflung gaben sie Latima und Karline in ein lokales Kinderheim - in der Hoffnung, dass ihre Töchter hier zumindest versorgt waren. „Ich war völlig durcheinander und schämte mich“, sagte Marie, die Mutter. „Es war die schwerste Entscheidung, die ich jemals treffen musste“. Charles und seine Frau besuchten ihre Kinder alle zwei Wochen. Es fiel ihnen schwer, sie wieder zurückzulassen. „Wir dachten, wir hätten als Eltern versagt.“
Armut und Chancenlosigkeit zwangen viele Eltern in Haiti schon vor dem Erdbeben, ihre Kinder in fremde Hände zu geben. Zwei Drittel der haitianischen Familien lebten von weniger als zwei Dollar am Tag. „Die Situation von Kindern und ihren Familien war immer schon sehr schwierig“, erklärt UNICEF-Kinderschutzexperte Jean Lieby. „40 Prozent der Kinder, die wir nach der Katastrophe als unbegleitet registriert haben, lebten bereits vor dem Beben von ihren Eltern getrennt.“
Nach dem Erdbeben hat UNICEF alles daran gesetzt, die betroffenen Kinder und ihre Familien mit dem Nötigsten zu versorgen. UNICEF-Mitarbeiter fuhren Kinderheime ab, um die Versorgung mit Nahrung und Wasser sicherzustellen und stellten Pakete mit Kinderkleidung, Unterwäsche, Sandalen und Decken für 50.000 Kinder bereit. Fast 5.000 unbegleitete Kinder wurden registriert, 1.265 konnten bereits wieder mit ihren Eltern oder Angehörigen zusammen gebracht werden.
Um den Familien langfristig zu helfen, arbeitet UNICEF mit Partnerorganisationen wie Terre des Hommes zusammen. Den Eltern ihre Kinder einfach zurückzugeben, war keine Lösung. Denn die Familien hätten schnell wieder vor dem Problem gestanden, ihre Kinder nicht ernähren und zur Schule schicken zu können. Eine kreative Lösung musste gefunden werden, damit sich die Einkommenssituation der Familien auf Dauer verbessert. In einem Pilotprojekt wurden zunächst 24 Familien ausgewählt, die ihre Kinder aus Armut weggegeben hatten. Väter wie Joseph Charles besprachen mit den Sozialarbeitern, wie sie ein Geschäft aufbauen und so ein kleines Einkommen erwirtschaften könnten. Mit Unterstützung von UNICEF und seinen Partnern erhielten sie einen Vorschuss, um die Schulgebühren bezahlen, zu essen zu kaufen und für Notfälle etwas Geld sparen zu können. Joseph Charles erhielt Hilfe, um mit seiner Familie in ein neu gebautes Haus ziehen zu können.
Heute kann sich Joseph Charles wieder um seine Reisfelder kümmern. Er konnte sogar Arbeiter einstellen. Sozialarbeiter besuchen die Familien regelmäßig und schauen, ob die Familien in ihrem Zuhause wirklich wieder verlässlich für ihre Kinder sorgen können. Nach Monaten im Kinderheim konnten Latima und Karline jetzt nach Hause. Ihre Eltern warteten schon sehnsüchtig auf sie. Als ihre Mutter sie an der Türschwelle des kleinen Hauses begrüßte, strahlten die Mädchen vor Glück. UNICEF hatte geholfen, sie nach Hause zu bringen - die Familie war nach all ihren schlimmen Erlebnissen endlich wieder zusammen.
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