
Von Anne-Kristin Henker
„Es gab für mich keine Alternative weiterzuleben. Ich musste zurück gehen. Wenn sie mich getötet hätten, hätten sie mich getötet, aber ich musste zurück.“ Zurück – das heißt für Bonaventure zurück nach Ruanda. Der 16-jährige hat dem Tod schon mehrere Male in die Augen geschaut. Hätte ihn sogar in Kauf genommen, als er verwundet nach einem Kampf im Wald liegen blieb und von der Mission der Vereinten Nationen in der Demokratischen Republik Kongo schließlich über die ruandisch-kongolesische Grenze gebracht wurde. „Der Kommandant hatte uns gesagt, wir werden getötet, wenn wir zurück in unser Land kommen.“ Seine Rückkehr nach Ruanda 2007 war das Ende einer mehrere Jahre andauernden Zeit als Kindersoldat bei der FDLR, der Force démocratique de la Libération du Rwanda. Bonaventures abgeknickte rechte Hand, die er seit der Explosion im Wald nicht mehr richtig bewegen kann, ist eine stete und schmerzliche Erinnerung daran. Auch sein glasiger und gebrochen wirkender Blick verrät, dass er schon einiges gesehen und mitgemacht haben muss.
Bonaventure ist einer von 24 ehemaligen Kindersoldaten, die derzeit im Rehabilitationszentrum für ehemalige Kindersoldaten in Muhazi leben. „Leider haben sie alle an Kämpfen teilgenommen, einige mussten sogar töten. Für einen Jungen, der noch nicht einmal 18 Jahre alt ist, ist das sehr sehr schlimm,“ stellt Raphaël Rucyahana, der Manager des Zentrums, fest. Die Flucht ist sehr hart, erzählt Rucyahana weiter, deshalb schaffen es kaum Mädchen bin nach Muhazi.
Das Zentrum wird von der ruandischen Kommission für Demobilisation und Reintegration betrieben. UNICEF unterstützt die Kommission seit 1998. Der Schwerpunkt der Unterstützung lag bis 2003 auf der Aus- und Weiterbildung der Mitarbeiter, der technischen Hilfe sowie der Suche nach den Familien. Bis heute besteht die Partnerschaft sowie Unterstützung vor allem organisatorischer Art.
„Seit der Gründung der Kommission im Jahr 1997 sind in Muhazi bisher 730 ehemalige Kindersoldaten rehabilitiert worden“, berichtet Jean Sayinzoga, der Direktor der Kommission. „Das jüngste Kind war gerade einmal 8 Jahre alt.“
Die Wege aus der Kindheit hinein in das gefährliche Waldleben eines bewaffneten Soldaten sind vielfältig, erklärt Sayinzoga. „In einigen Fällen holen die Rebellen die Kinder mit Gewalt in ihren Dienst, entführen sie und trainieren sie für ihre Zwecke. In anderen Fällen geben die Eltern ihre Kinder freiwillig in die Hand des Militärs, weil auch sie ihnen angehören. Viele der Kinder schließen sich ihnen auch selbst an, weil es ihnen in ihrer Familie entweder so schlecht geht oder sie gar keine mehr haben.“ Die meisten Geschichten der Jugendlichen in Muhazi nehmen in einer dieser Möglichkeiten ihren Anfang.
Bonaventures Eltern waren während des Genozids in die Demokratische Republik Kongo geflüchtet und wurden dort getrennt. Bonaventure blieb bei seinem Vater. Nachdem dieser gestorben war, sah er für sich keine Alternative, alleine zu leben und schloss sich den bewaffneten Truppen an. Diese bildeten ihn nicht nur im Umgang mit Waffen aus, sondern ließen ihn diese auch benutzen. „Ich musste meinen Kommandanten eskortieren und beschützen. Wenn er in einen Kampf ging, musste ich zu Hause seine Frau beschützen. Außerdem musste ich für die Soldaten immer Wasser und Holz holen und für sie Essen machen.“ Das Schlimmste war für ihn jedoch: „Ich musste immer daran denken, dass ich keine Eltern mehr habe, nur das Militär – also nichts.“
Bonaventure hatte Glück im Unglück. Bei einem Kampf zwischen den Rebellen und der Armee der Demokratischen Republik Kongo wurde er angeschossen. Er blieb im Wald zurück und gelangte mithilfe der Mission der Vereinten Nationen in der Demokratischen Republik Kongo (MONUC) über die kongolesisch-ruandische Grenze.
„In den meisten Fällen gelangen die Flüchtenden mithilfe der MONUC über die Grenze. Dann bringen wir sie zunächst in unser Rehabilitationszentrum nach Mutobo“, schildert Sayinzoga. Hier werden ihr Alter und ihre Herkunft überprüft. Die unter 18-jährigen werden ins Zentrum nach Muhazi gebracht. Kinder kongolesischer Herkunft werden der kongolesischen Regierung gemeldet, die dann nach deren Familien sucht. Werden diese nicht schnell gefunden, kommen auch diese Kinder ins Zentrum für Rehabilitation und Demobilisation nach Muhazi.
Dort erhalten sie zunächst Kleidung, werden registriert und medizinisch versorgt. „Viele von ihnen haben körperliche Schäden, zum Beispiel im Bereich des Oberkörpers, einfach weil sie Arbeiten ausführen oder Lasten tragen mussten, denen ihr junger Körper noch nicht gewachsen war. Bleibende psychische Traumata sind eher selten“, schildert Rucyahana. In den anschließenden Wochen erhalten sie psychologische Hilfe und „civil eduction“, Unterricht im Zusammenleben mit anderen Jugendlichen. Außerdem nehmen sie an einem Kurs in ruandischer Kultur teil – dabei erlernen sie unter anderem traditionelle Tänze, Gedichte, Sprichworte und Theaterstücke. Von Anfang an haben sie einen klar strukturierten Tagesablauf, der ihnen hilft, sich an die Regeln zu halten und sich einzuleben. Schließlich muss auch das friedliche Zusammenleben wieder erlernt werden. Diese drei Monate der Rehabilitation sind für alle ehemaligen Kindersoldaten verpflichtend. Wie lange sie dann noch im Zentrum bleiben, ist unterschiedlich. Denn von Beginn an sucht die Kommission gemeinsam mit lokalen und regionalen Behörden sowie dem Roten Kreuz – oft monate- oder jahrelang und sogar über Radio - die Familien der Kinder. Sind diese gefunden, wird versucht, die Jungen zu reintegrieren. Oft wird dabei die Familie weiterhin unterstützt, mit finanziellen Mitteln oder durch einkommensgenerierende Projekte.
Die Suche nach der Familie ist jedoch in den meisten Fällen sehr schwierig und langwierig. Durch die Flucht sind die Wurzeln oft verwischt und keine Verwandten mehr auffindbar.
Das ist besonders für den 16-jährigen Espoir-Niyindengera schwer. Er ist erst seit 3 Wochen in Muhazi und somit einer der Neulinge. Espoir hat ruandische Wurzeln, ist selbst aber in der Demokratischen Republik Kongo aufgewachsen. Gemeinsam mit seiner Mutter lebte er in einem kleinen Haus. Als sie gestorben ist, trat er freiwillig den bewaffneten Truppen der FDLR bei, denn „es gab sonst keine Alternative für mich, um zu überleben“, sagt er. Dort gab ihm sein Kommandant das Kapital für ein kleines Geschäft: Espoir backte Kekse und verkaufte sie an die Soldaten. 50 Prozent seiner Einnahmen gingen an den Kommandanten. Das Geschäft lief sehr gut, bis eines Tages sein Laden ausgeraubt wurde und er alles verlor und wieder von vorne beginnen musste. Das schlimmste für ihn war jedoch, „dass ich immer überlegt habe, wie könnte meine Zukunft aussehen? Ich habe keine Schule besucht, wie sollte da meine Zukunft werden?“ Espoir entkam den Rebellen, weil er ab und an im Dorf Zutaten für sein Keksgeschäft kaufen musste. Als im Dorf bekannt war, dass er „aus dem Wald“ kommt, wurde er von Soldaten der Republik Kongo gefangen und zu MONUC gebracht. Nun lebt er im Zentrum in Muhazi. Espoir weiß nicht, wo seine Familie in Ruanda gelebt hat oder er dort vielleicht noch Verwandte hat. „Ich habe keine Familie mehr, zu der ich gehen kann. Ich werde wohl erst einmal hier bleiben.“
Sein Schicksal teilt er mit vielen anderen Jungen in Muhazi. Die Kommission bietet ihnen jedoch nicht nur eine sichere Unterkunft, sondern auch eine Ausbildung. „Viele ehemalige Kindersoldaten haben jahrelang keine oder sogar noch nie eine Schulbank gedrückt“, erklärt Raphaël Rucyahana,. „Viele können nur sehr schlecht oder gar nicht lesen und schreiben.“ Je nachdem, wie alt die Kinder sind, können sie in die Schule gehen oder eine Berufsausbildung machen. Die jüngeren Kinder gehen in die Primary und später in die Secondary School des Nachbarorts. Die älteren Jugendlichen können selbst entscheiden, wo sie starten wollen. Nicht alle gehen wieder in die Schule zurück. „Manche Jungen meinen, sie haben zu viel Zeit im Wald verloren. Sie wollen einfach mit 17 nicht noch einmal in die Grundschule gehen“, begründet Rucyahana. Das 2006 von der RCDR mit Unterstützung der Kommission der Afrikanischen Union gegründete Projekt zur „Sozial-ökonomischen Reintegration von ehemaligen Kindersoldaten in Ruanda“ bietet ihnen die Möglichkeit eines gesonderten Trainings und anschließender Ausbildung in Kigali. Hier können sie zwischen drei Ausbildungszweigen wählen, die zwischen sechs und 12 Monaten dauern: Tierhaltung und –zucht (farming), Landwirtschaft (agriculture) und kommerzielle Wirtschaft (commerce). Nach erfolgreich beendeter Ausbildung erhalten die Jugendlichen ein Start-up Kapital, mit dem sie sich selbständig machen können. Das kann sowohl eine finanzielle Unterstützung sein, als auch Hilfe bei der Suche nach einem Grundstück für den Ackerbau oder für die Einrichtung eines kleines Ladens, oder ganz praktisch auch eine Kuh, eine Ziege, Schafe. Beispiele aus den letzten Jahren beweisen, dass dieses Konzept erfolgreich ist: Eric machte eine Ausbildung zum Friseur, erhielt 200 000 Rwf (umgerechnet ca. 250 Euro), richtete sich damit einen Salon ein und beschäftigt heute drei weitere ehemalige Kindersoldaten. Ein anderer Eric, heute 23 Jahre alt, konnte vom Startkapital von 200 000 Rwf ein Feld kaufen, baut heute erfolgreich Tomaten an und konnte sich und seiner Frau von dem Ertrag ein Haus, Ziegen und Hühner kaufen. Jean Marie richtete sich seinen eigenen Laden zur Reparatur von Mobiltelefonen ein und hat heute einen festen Kundenstamm aufgebaut.
Auf diese Hilfe bis hin zur Selbständigkeit hofft auch der 17-jährige Vincent-Fidèle. Auch seine Eltern waren mit ihm aus Ruanda in den Kongo geflüchtet. Bei einem Kampf kam seine Mutter ums Leben, was mit seinem Vater passiert ist, weiß er nicht. So ist er in die FDLR eingetreten – „um beschützt und sicher zu sein, um mich selbst zu schützen“, sagt er. Er blieb 4 Jahre lang dort. Seine Aufgabe war es, die Solarzellen zu bewachen, die die Rebellen zur Energiegewinnung für ihre Kommunikationstechnik nutzten. Auch an Kämpfen war Vincent beteiligt „comme d’habitude“, sagt er – gewöhnlich. Im Juli 2009 schließlich fiel seine Entscheidung: Ich muss flüchten. Bei einem Kampf gegen die kongolesischen Truppen konnten er und ein paar seiner Kameraden schließlich entkommen. Mitten in der Nacht schlichen sie sich zu einem Bauern des Dorfes. Dieser half ihnen, zu flüchten und den richtigen Weg in die nächstgrößere Stadt zu finden. Mithilfe der MONUC kam er über die Grenze und im September 2009 schließlich ins Zentrum Muhazi. Vincent hofft noch darauf, dass sein Vater gefunden wird. Er besucht heute die Schule und möchte danach studieren. „Ich bin Ruander“, sagt Vincent. Sein größter Wunsch ist es, in seinem eigenen Haus hier in Ruanda zu leben und nicht arm zu sein. Und jemanden zu haben, der ihm hilft, das alles zu schaffen.
Vincent beschreibt, was wohl alle Jungen hier im Rehabilitationszentrum Muhazi fühlen: „Der größte Unterschied zwischen meinem Leben hier und dem im Wald in Kongo ist: Wir sind hier in Sicherheit!“ Beim gemeinsamen Singen oder Fußballspielen können sie ihre Sorgen vergessen. Und auch die Chance, eine Ausbildung zu machen, nehmen Vincent, Bonaventure und Espoir gerne wahr. „Ich bin glücklich, wenn ich daran denke, dass ich jetzt Hoffnung habe. Hoffnung auf eine Zukunft,“ sagt Espoir, der seit Anfang Februar die Schule besucht. Und auch Bonaventure, der nun schon fast vier Jahr hier am Muhazisee lebt, hat im Zentrum so etwas wie eine neue Familie gefunden. „Es macht mich glücklich, hier mit anderen Jungs zu leben, die das gleiche Schicksal wie ich teilen und auch im Wald gelebt haben. Wir bekommen oft Bücher hier, ich lese sehr gerne Geschichten.“ Nach dem Studium möchte er gerne in der Kommission für Demobilisation mitarbeiten, wenn es sie dann noch gibt. Er scheint einer derjenigen zu sein, dem das Schicksal seiner Kameraden, die noch im Kongo kämpfen, nicht aus dem Kopf geht. „Was ich anderen Kindersoldaten sagen will, die noch im Wald sind: Geht zurück in euer Land! Was sie euch sagen – nämlich dass ihr getötet werdet, wenn ihr in euer Land zurückgeht – das ist eine Lüge! Kommt zurück nach Ruanda!“
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