
Journalist und UNICEF-Pate Steffen Seibert besuchte
in Nepal UNICEF-Programme, mit denen Familien im Kampf gegen die extreme Armut und insbesondere
die Mangelernährung der Kinder unterstützt werden.
Die durch hohe Nahrungsmittelpreise, Missernten und Natur-
katastrophen extrem angespannte Lage vieler Familien in den
Entwicklungsländern wird durch die Folgen der Finanzkrise
noch verschärft. Viele sind auf Auslandsüberweisungen der Wanderarbeiter angewiesen und haben kaum genug zum Überleben, wenn diese arbeitslos oder schlechter bezahlt werden.
Nepal ist eines der ärmsten Länder der Welt. Und wir sind
auf dem Weg in eine der ärmsten Gegenden im Westen des Himalaja-Staates. So abgelegen diese Region ist, so eng verknüpft mit den großen globalen Entwicklungen ist sie:
mit der weltweiten Finanzkrise, dem Klimawandel, den schwankenden Preisen für Treibstoff und Nahrungsmittel.
Im Distrikt Dadeldhura werden wir Familien treffen, die
das tagtäglich bitter zu spüren bekommen.
Immer länger bleiben die Männer fern von ihren Familien in Indien, um als Wächter oder billige Arbeiter ein paar Rupies zu verdienen. In manchen Regionen Nepals haben 40 Prozent aller Männer die Dörfer Richtung Indien verlassen. Doch angesichts der hohen Preise für die wichtigsten Dinge zum Überleben ist der Lohn ihrer Arbeit immer weniger wert. Die Schulden der Familien wachsen, viele müssen an den Mahlzeiten sparen.
Hier in Nepalgunj ziehen jeden Tag Tausende Nepalis Richtung Delhi oder in andere indische Städte, weil sie nur dort Arbeit finden. Und häufig sind es auch Kinder, Zehn-, Zwölfjährige,
die diesen Weg gehen müssen. Zurück in den Dörfern bleiben die Alten, die Frauen und die kleinen Kinder. Nur das, was ihre Männer zurückschicken, hält sie am Leben, denn ihre kleinen Landflächen ernähren die Familien nicht.
Unser Tag begann an der nepalesisch-indischen Grenze. Nepalis überqueren sie jeden Tag, viele als Arbeitsmigranten, die keine andere Wahl haben, als in den Haushalten von Delhi oder als Wachleute zu arbeiten. An der Grenze trafen wir zwei Mit-
arbeiterinnen einer Menschenrechtsorganisation, die selbst
als Kinder von Menschenhändlern nach Indien verkauft wurden.
Sie kennen die Tricks und sollen an der Grenze diejenigen Fahrzeuge erkennen, in denen junge Opfer wie sie es waren, versteckt werden.
Aus dem Terai, dem Tiefland an der indischen Grenze, geht es nun Richtung Dadeldhura nach Norden, mit dem Auto, dort werden wir ein Stück zu Fuss bis in das Dorf Shiradi mit seinen gut
40 Familien zurücklegen
Am Rande dieses Dorfes inmitten von gelben Senfpflanzen und Reisfeldern unterstützt UNICEF die staatliche Gesunheitsstation. Ein einfaches Gebäude mit drei Behandlungsräumen, einer kleinen Medikamentenausgabe und sogar einem kleinen Kreiß-
saal. UNICEF bekämpft hier zwei der besonders drängenden Probleme: die Mangelernährung der Kinder und, eng damit verbunden, die Sterblichkeit bei Neugeborenen aufgrund von Krankheiten wie Durchfall oder Lungenentzündung. Fast jedes zweite Kind hier ist chronisch mangelernährt.
Wenn man die Kinder rechtzeitig erreicht, ist das leicht zu beheben. Geschieht nichts, bleiben sie in ihrer körperlichen und geistigen Entwicklung für immer zurück. Die Mittel sind denkbar einfach: wiegen, messen, eine Zusatznahrung aus Erdnusspaste - und vor allem die ständige Überprüfung der Entwicklung des Kindes. Aber so wie hier in Deudakala sind bei weitem nicht alle Dörfer ausgestattet. Vor allem in den höher gelegenen Regionen Westnepals ist die Versorgung dramatisch schlechter.
Am Nachmittag fahren wir aus dem Tiefland des Terai
in die rund 1.600 Meter hohen Churia-Berge. Es geht
vorbei an Spuren der wieder aufgeflammten Gewalt
zwischen maoistischen selbst ernannten Befreiungs-
kämpfern und den staatlichen Kräften: ausgebrannte
Busse, erst letzte Woche gab es ander Strecke bei
Auseinandersetzungen sechs Tote.
Wir haben eineinhalb Tage in Shiradi verbracht. Das Dorf ist
so abgelegen, dass man von der holprigen Straße aus noch eine halbe Stunde über schmale Pfade den Hügel hinauf laufen muss.
Den Großteil des Jahres ist Shiradi buchstäblich das Dorf der Frauen (und der wenigen Alten und Kinder). Alle Männer und viele Jugendliche sind zur Arbeit in Indien und kommen nur einmal im Jahr für ein paar Tage zurück. Sie verdienen in
New Delhi zwar nur umgerechnet zehn Euro pro Woche, meist als Nachtwächter oder Hilfskraft in Restaurants, Hotels oder Büros. Aber von dem, was sie zurückschicken, leben zu Hause ihre sechs- bis achtköpfigen Familien.
Eine Familie, die uns besonders gastfreundlich empfangen hat, obwohl sie in großer Armut lebt, ist die Familie von Sharmati BK. Wie alle hier im Dorf gehört sie zur niedrigen Kaste der Dalits, BK steht für die Gruppe der Schmiede. Sharmati hat sechs Kinder, rings um das einfache Haus ein paar Felder für Reis
und Senfsaat, die hier etwa wie Spinat als Gemüse gegessen wird. Ihr Mann Pradeep war gerade für ein paar Tage aus Indien zurück.
Ein Teil ihrer Felder war erst vor ein paar Wochen von einem Erdrutsch zerstört worden – immer wieder berichten uns die Leute, dass dies in den letzten Jahren enorm zugenommen hat. Für Sharmati und ihre Kinder reicht das wenige, was sie selbst produzieren, vorne und hinten nicht mehr. Sie müssen Reis zukaufen. Und dessen Preis ist in den letzten zwei Jahren fast auf das Doppelte gestiegen. Das heißt: Es gibt oft nur noch eine Mahlzeit am Tag. An manchen Tagen gibt sie den Kindern nur etwas Mais – und vertröstet sie auf Morgen.
Wie viele andere Familien im Dorf ist auch diese inzwischen doppelt verschuldet. Hier in
Nepal muss Sharmati Geld leihen, um über die Runden zu kommen. Und ihr Mann Pradeep steht bei Geldverleihern in Delhi in der Kreide, weil er sonst oft nicht genug für das Überleben seiner Familie nach Hause schicken könnte. Es ist unwahrscheinlich, dass seine Frau und er je aus dieser Falle herauskommen werden. Ein Stück Land und auch den wenigen Schmuck der Frau haben sie schon verkaufen müssen, damit es überhaupt noch irgendwie weitergeht. Sharmati fürchtet, dass sie ihren Sohn aus der achten Klasse nehmen und bald ebenso wie ihren Mann zur Arbeit nach Indien ziehen lassen muss.
Einige vorsichtige Zeichen des Fortschritts gibt es in Shiradi. So ist eines der großen Ziele in nur wenigen Monaten erreicht worden: Jedes Haus ist nun wenigstens mit einer einfachen Latrine ausgestattet. Die Zeiten, in denen menschliche Fäkalien ein immenses Gesundheitsrisiko darstellten und für den Durchfalltod vieler Kinder verantwortlich waren, sind vorbei. Frauen wie Surza Devi BK sind es, die solche wichtigen Entwicklungen in so benachteiligte Dörfer wie Shiradi tragen.
UNICEF bildet Frauen wie Surza zur Gesundheitshelferin aus. In einem Ort, in dem mindestens die Hälfte der Kinder chronisch mangelernährt ist, geht sie von Haus zu Haus, untersucht die Kinder, wiegt sie, berät die Eltern, wie sie Krankheiten erkennen und auch mit einfachen Mitteln die Gesundheit der Kinder verbessern können. Auch für die Frauen von Shiradi ist sie die erste Anlaufstation. Viele von ihnen leiden hier unter einem so genannten Pro-
laps: Muss die Frau sofort nach der Geburt eines Kindes wieder schwer körperlich arbeiten - und so geht es jeder Frau in Shiradi - stülpt sich die noch durch die Geburt beanspruchte Gebärmutter nach außen. Viele Frauen im Dorf haben diese und andere gesundheitliche Probleme - viele bleiben über Monate ohne ärztliche Behandlung, weil das Geld fehlt oder der Mut.
Es ist ein Riesenschritt nach
vorn, dass die Frauen von Shiradi
inzwischen überhaupt über ihre
Probleme sprechen. UNICEF bildet Frauen aus, damit sie Dorfkomitees gründen, die sich regelmäßig treffen und gemeinsam Strategien zur Verbesserung der Lebenssituation entwickeln. Zum ersten Mal, sagen uns viele Frauen, haben sie hier außerhalb ihrer Familie eine Stimme. Obwohl wir nicht jedes Detail der heißen Diskussion auf dem Dorfplatz mitbekommen, spüren wir doch: Hier entsteht ein ganz neues Selbstbewusst-
sein. Die Frauen entdecken, dass sie gemeinsam stärker sind und versuchen können, Auswege aus ihrem Elend zu finden. Das ist gerade für die Frauen aus der im traditionellen Gesellschaftssystem so sehr gering geschätzten Kaste der Dalits mehr als eine kleine Revolution.
UNICEF hat der Dorforganisation von Shiradi einen kleinen Fonds zur Verfügung gestellt, aus dem die Familien gemein-
same Projekte, zum Beispiel zur Verbesserung der Ernährung, finanzieren können. Geplant ist ein gemeinsamer Garten für Obst und Gemüse. Die Frauen denken auch darüber nach, Ayurveda-Kräuter anzupflanzen, die etwas Geld einbringen könnten. Oder mit der Bienenzucht zu beginnen, denn die Region um Shiradi ist bekannt für guten Honig.
Als wir aus Shiradi abreisen, winkt uns das ganze Dorf hinterher. Unser UNICEF-Kollege Bishow verspricht uns, uns auf dem Laufenden zu halten. Als nächstes plant er, gemeinsam mit
den Männern und Frauen aus dem Dorf die baufällige Schule herzurichten.
„Our house“, unser Haus, ist das Rehabilitationszentrum von Rugmark, einer Initiative, die mit Unterstützung von UNICEF Deutschland und anderen Organisationen gegen die Kinder-
arbeit in der nepalischen Teppichindustrie ankämpft. Das helle, freundliche Haus ist ein Internat für rund 50 Kinder, es liegt
in Gothatar vor den Toren von Kathmandu.
Vier Kinder sitzen uns gegenüber, mit vier unbeschreiblichen Schicksalen. Kusum, Prashna, Sun Lal und Sani Maya wurde
ihre Kindheit geraubt. Keines dieser Kinder wusste, was auf
es zukommen würde in der Hauptstadt Kathmandu. Ihre Eltern verkauften sie und ihre Arbeitskraft aus schierer Not an Menschenhändler, die im Auftrag der Fabriken durch die armen Distrikte reisen. Den Eltern versprachen sie, die Kinder würden neben der Arbeit zur Schule gehen und dadurch bessere Chancen haben im Leben. Doch dieser Vertrag bedeutete für die Kinder moderne Sklaverei.
Eines der Mädchen erzählt uns, dass es von drei Uhr in der Frühe bis um elf und dann wieder von zwölf bis abends um acht Uhr arbeiten musste – 16 Stunden am Webstuhl. Prashna, der erst zwölf Jahre alt ist und mit zehn in die Fabrik kam, berichtet, dass der Chef ihn angebrüllt hat, manchmal auch geschlagen.
In der Einarbeitungszeit gab es gar kein Geld, später dann umgerechnet 10 bis 15 Euro monatlich. Andere berichten, sie hätten nie Geld bekommen – nur ihre Eltern und auch dann nur kleine Beträge. So wäre es wohl noch lange weitergegangen, wenn nicht Rugmark-Inspektoren – oft gegen den heftigen Widerstand der Arbeitsvermittler – die Kinder befreit hätten.
Was für eine Wende im Leben dieser Kinder, die uns anfangs noch zurückhaltend, aber bald mit mehr Zutrauen von ihrem Schicksal berichten! Zwei von ihnen brechen bei diesen Erinnerungen in Tränen aus.
Weltweit, aber besonders in den wichtigsten Absatzmärkten für Teppiche wie in Deutschland haben Teppichkäufer durch ihre bewusste Entscheidung für ein Rugmark-Produkt mit geholfen, dass inzwischen viele Hundert Kinder aus dieser Form der Ausbeutung befreit werden konnten. Nur der Druck des Marktes hat die Teppichfabrikanten im Laufe der Jahre dazu gebracht, sich der Initiative gegen Kinderarbeit anzuschließen. Eine hundertprozentige Garantie, dass damit
die Ausbeutung von Kindern beendet ist, kann es leider nicht geben. Aber der Kampf gegen die Kinderarbeit in den Teppichfabriken Nepals hat Fortschritte gemacht.
Kusum, Prashna, Sun Lal und Sani Maya können in dem Rehabilitationszentrum verlorene Jahre nachholen, zur Schule gehen, mit Freunden spielen – und haben so endlich die Chance auf eine normale Kindheit.
UNICEF Deutschland
Konto 300 000
BLZ 370 205 00
Bank für Sozialwirtschaft Köln



