
Der Einsatz von Kindern als Soldaten ist weltweit geächtet. Ein Zusatzprotokoll zur UN-Kinderrechtskonvention verbietet den Kriegseinsatz von Jugendlichen unter 18 Jahren. In diesem Jahr wird es zehn Jahre alt. Dennoch dienen nach wie vor schätzungsweise 250.000 Kinder in bewaffneten Gruppen und Armeen.


Der Einsatz von Kindern unter 18 Jahren als Soldaten ist zwar weltweit geächtet. So haben bisher 143 Staaten ein entsprechendes Zusatzprotokoll zur UN-Kinderrechtskonvention unterzeichnet. Trotzdem gibt es nach Schätzungen von UNICEF weltweit immer noch 250.000 Kindersoldaten, die meisten von ihnen dienen in bewaffneten Gruppen.
Die Kinder – manche erst sieben oder acht Jahre alt – müssen Wache schieben, Proviant tragen oder Stellungen bewachen. Immer wieder werden sie aber auch zum Foltern und Töten gezwungen. Mädchen werden häufig sexuell ausgebeutet.
Der UN-Sicherheitsrat veröffentlichte im April 2011 eine Liste von 15 Ländern, in denen über 60 bewaffnete Gruppen oder Regierungstruppen Kinder und Jugendliche als Soldaten missbrauchen. Der Bericht des UN-Sicherheitsrates dokumentiert diese Praxis in Afghanistan, die Demokratische Republik Kongo, Irak, Myanmar, Nepal, Somalia, Sudan, Südsudan, Tschad und die Zentralafrikanische Republik. Hinzu kommen Konfliktparteien in Kolumbien, auf den Philippinen, in Sri Lanka, Uganda und im Jemen.
In verschiedenen bewaffneten Konflikten, die 2011 die Welt erschütterten, wie in Libyen, im Jemen oder auch in Somalia, wurden nach Einschätzung von UNICEF erneut viele Kinder und Jugendliche in die Kämpfe hineingezogen. Das Risiko der Rekrutierung von Minderjährigen war sehr hoch.
Laut Bericht des UN-Sicherheitsrates gab es 2010/2011 in vielen Ländern aber auch intensive Verhandlungen zwischen Regierungen, den Vereinten Nationen und Milizen. Dabei geht es im ersten Schritt darum, die Parteien dazu zu bewegen, keine Minderjährigen mehr zu rekrutieren, dieses Problem kontinuierlich zu beobachten und Verletzungen entsprechender Vereinbarungen laufend zu dokumentieren.
Fortschritte werden etwa für Afghanistan und im Sudan genannt. Im Tschad, in der Zentralafrikanischen Republik, in der Demokratischen Republik Kongo und in Myanmar gelang es jeweils, größere Gruppen minderjähriger Soldaten aus ihren Einheiten zu demobilisieren. Allerdings ist davon auszugehen, dass durch diese Maßnahmen bislang nur ein kleiner Teil der betroffenen Minderjährigen erreicht wird.
Das Zusatzprotokoll zur UN-Kinderrechtskonvention verbietet den Kriegseinsatz von Jugendlichen unter 18 Jahren. In diesem Jahr wird es zehn Jahre alt. Das Zusatzprotokoll hat weltweit Diskussionen angestoßen, Gesetzesänderungen nach sich gezogen und entscheidend dazu beigetragen, dass der Missbrauch von Kindern als Soldaten als Kriegsverbrechen geächtet wird.
Allerdings erlaubt das Zusatzprotokoll Streitkräften weiter, Jugendliche für den freiwilligen Militärdienst außerhalb bewaffneter Kämpfe aufzunehmen, wenn sie älter als 15 Jahre sind. Mit der UN-Kampagne „Zero Under 18“ setzt sich UNICEF zusammen mit verschiedenen Partnern dafür ein, alle Staaten zur Unterzeichnung des Zusatzprotokolls zu bewegen und sich dazu zu verpflichten, das Mindestalter für Jugendliche für den Soldatendienst grundsätzlich auf 18 Jahre festzulegen.
Kinder und Jugendliche sind leicht zu manipulieren, gehorsam und vor allem: sie stehen in großer Zahl zur Verfügung. Armut und Arbeitslosigkeit machen sie empfänglich für die Versprechungen von Soldaten und Milizen.
Viele Kindersoldaten sind Waisen, deren Eltern im Krieg getötet wurden. Sie wissen nicht wohin, sie schließen sich den Truppen an, weil sie Schutz suchen und werden dann unter Drogen gezwungen zu kämpfen.
Die große Verfügbarkeit von leichten Waffen in den Krisenländern der Erde macht den Missbrauch der Kinder erst möglich. Schon Achtjährige lernen, mit einem deutschen G3 Gewehr von Heckler& Koch oder einer Kalaschnikow umzugehen. Die Waffen verleihen ihnen vordergründig Selbstvertrauen und Macht – gleichzeitig machen sie die Kinder zu Außenseitern.
Nach ihrem Einsatz als Soldaten sind die Kinder vielfach abhängig von Drogen, sie leiden an Alpträumen und psychischen Störungen. Ohne Hilfe finden sie sich in einem normalen Alltag nicht mehr zurecht. In den Augen der Gesellschaft gelten sie als Mörder und werden nicht selten von ihrer eigenen Familie und Dorfgemeinschaft abgewiesen.
Wie belastend die Erfahrungen dieser Heranwachsenden sind zeigen Interviews, die Hamburger Forscher mit Unterstützung von UNICEF im Jahr 2007 mit 169 ehemaligen Kindersoldaten in Goma und Bukavu (Demokratische Republik Kongo) und in Gulu (Nord-Uganda) durchgeführt haben und die im angesehenen Journal der American Medical Association erschienen sind:
Zusätzlich zu diesen traumatischen Erfahrungen erschwert die Ablehnung durch die Bevölkerung die Wiedereingliederung. Nachbarn und sogar Angehörige werfen den Kindern häufig tatsächliche oder vermeintliche Gräueltaten vor. Gleichzeitig taugen ihre Überlebensstrategien im Krieg nicht für den Frieden. Die Mädchen und Jungen sind meist nicht zur Schule gegangen und haben nicht gelernt, wie sie Konflikte friedlich lösen können. Aus Hoffnungslosigkeit schließen sie sich oftmals erneut bewaffneten Gruppen an.
Programme zur Demobilisierung und Wiedereingliederung von Kindersoldaten, die psychosoziale und konkrete praktische Hilfen verbinden, sind ein entscheidender Beitrag zur Friedenssicherung nach Konflikten.
Allein zwischen 2001 und 2007 haben 95.000 Kinder an UNICEF-Rehabilitierungs-programmen in Ländern wie Afghanistan, Sudan und Uganda teilgenommen. 2010 hat UNICEF gemeinsam mit Partnern die Freilassung von mehr als 11.400 Kindern aus verschiedenen Armeen und bewaffneten Gruppen erreicht.
Im Osten der demokratischen Republik Kongo entkamen 2010 nach UNICEF-Angaben 2.375 Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren dem Soldatendienst, darunter 440 Mädchen. Manche Kinder konnten aus eigener Kraft fliehen, viele wurden von den Blauhelmsoldaten der Vereinten Nationen befreit. In der Region gibt es 26 Transitzentren, die von UNICEF unterstützt werden. Dort werden die Kinder registriert, bekommen zivile Kleidung und werden medizinisch versorgt. Ihr körperlicher und psychologischer Zustand hängt vor allem von zwei Faktoren ab – den Aufgaben, die sie als Soldaten übernehmen mussten und der Gruppe, aus der sie kommen. Am schlimmsten steht es um jene Kinder, die in den Reihen der Mai Mai und der Lord Resistance Army getötet haben.
Nach ein bis zwei Tagen im Auffanglager kommen die Kinder in ein Transit- und Orientierungs-Zentrum. Hier erhalten sie drei Monate lang eingehende psychologische Betreuung sowie Zugang zu Schul- oder Berufsausbildung. Betreuer helfen bei der Wiedereingliederung, wenn die Familien der Kinder ausfindig gemacht werden können und sich bereit erklären ihr Kind zurückzunehmen. Letzteres ist nicht die Regel. Viele Eltern haben Angst vor dem, was ihr Kind geworden ist, was es getan hat. Wenn die Jugendlichen keine dauerhaften Alternativen zur Armee erhalten, ist das Risiko hoch, dass sie zu den Truppen zurückkehren.
Mit Unterstützung von UNICEF und seinen Partnern konnten in 2010 in der Region rund 2.150 Kinder wieder mit ihren Familien vereint werden. Diese Zahl ist erfreulich und gleichzeitig deprimierend – denn sie zeigt nur die Spitze eines Eisberges. Viel zu viele Jungen und Mädchen stehen nach wie vor jeden Morgen mit dem Befehl zu töten auf. Ihre Waffe ist ihr nächster Freund.
Stand: Februar 2012
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