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Kinderschutz als globale Aufgabe

Marta Santos Pais, UN-Sonderbeauftragte zu Gewalt gegen Kinder

Das tatsächliche Ausmaß der Gewalt gegen Kinder ist kaum bekannt. Meist geschieht sie im Verborgenen. Systematische Datenerhebungen fehlen bis heute. Die UN-Sonderbeauftragte zu Gewalt gegen Kinder, Marta Santos Pais, skizziert die globalen Dimensionen des Problems:

  • Forschungen zufolge erleiden jedes Jahr weltweit zwischen 500 Millionen und 1,5 Milliarden Kinder irgendeine Form von Gewalt.
  • Nach neuen Schätzungen des Europarates wird etwa eines von fünf in Europa lebenden Kindern in irgendeiner Form Opfer sexueller Gewalt.
  • Zwangsheiraten, Kinderarbeit, die Beschneidung/Verstümmelung von Mädchen und Zwangsprostitution Minderjähriger sind trotz allgemeiner Ächtung millionenfach verbreitet.
  • Nach einer neuen UNICEF-Studie in 35 Entwicklungs- und Schwellenländern sind drei von vier Kindern unter 14 Jahren in der Familie gewaltsamen Bestrafungen ausgesetzt.
  • Weltweit sind nur knapp fünf Prozent der Kinder durch Gesetze vor allen Formen von Gewalt geschützt. Nur 29 Staaten haben Gewalt in allen Zusammenhängen ausdrücklich verboten. In einigen Ländern werden Kinder ganz legal mit Stock- und Peitschenhieben bestraft und können zu Steinigungen, Amputationen, Todesstrafe oder lebenslanger Haft verurteilt werden.
  • Gewalt an Schulen ist in mehr als 80 Staaten weiterhin zugelassen. In 42 Ländern ist Gewalt als Form der Bestrafung und in 156 als Strafmaßnahme in Betreuungseinrichtungen erlaubt.

 

Gewalt geschieht oft im Verborgenen

Gewalt findet in allen Zusammenhängen statt – auch dort, wo Kinder ein sicheres Umfeld und besonderen Schutz erwarten: in Betreuungseinrichtungen, Schulen oder in Familien. Viele Kinder werden traumatisiert, weil sie Zeuge häuslicher Gewalt werden. Sie sind oft so eingeschüchtert, dass sie es nicht wagen, darüber zu sprechen. Insbesondere jüngere Kinder sind gefährdet, da sie noch nicht in der Lage sind, sich deutlich auszudrücken und Hilfe zu suchen.

In Schulen begegnet Kindern häufig Gewalt – und sie erlernen sie auch dort. Kämpfe auf dem Schulhof, Beschimpfungen und Demütigungen sind weit verbreitet. Mobbing und körperliche Angriffe richten sich oft gegen Schwächere oder Kinder, die als “anders” wahrgenommen werden. In einigen Ländern ist sexueller Missbrauch durch Lehrkräfte und andere Schulangestellte so weit verbreitet, dass dafür der Ausdruck “Sex für Noten” entstanden ist.

Mädchen sind besonderen Gefahren ausgesetzt. Ehrenmorde, Genitalverstümmelungen sowie Zwangs- und Kinderheiraten sind in vielen Entwicklungsländern weiter verbreitet. Jedes Jahr sterben allein 70.000 Teenager an den Folgen einer zu frühen Schwangerschaft.

Wie sehr sich Heranwachsende vor Gewalt fürchten, zeigen Umfragen. Bei einer Umfrage im Auftrag der Europäischen Kommission nannten die 15- bis 18-Jährigen Gewalt gegen Kinder sowie sexuelle Ausbeutung als die schwerwiegendsten Probleme. Kindernotrufe bestätigen dies: Der jüngste Bericht von “Child Helpline International” ergab, dass Mobbing, körperliche Gewalt und sexueller Missbrauch die häufigsten Gründe für die Kontaktaufnahme waren.

Gewalt hat lebenslange Folgen

Gewalt verletzt in dem Moment, in dem sie geschieht, hinterlässt aber auch tiefe Narben und hat lebenslange Folgen. Sie beeinträchtigt die gesamte Entwicklung des Kindes, seine Lernfähigkeit und die schulischen Leistungen. Gewalt behindert positive Beziehungen, führt zu einem geringen Selbstwertgefühl und psychischem Leid wie Depression. Oft entwickeln die Opfer  Verhaltensprobleme wie starkes Risikoverhalten oder Aggressivität.

Gewalt bedeutet auch hohe Kosten für die gesamte Gesellschaft. Nach Angaben der Europäischen Union entstehen innerhalb der Mitgliedsstaaten durch häusliche Gewalt jedes Jahr Ausgaben in Höhe von 16 Milliarden Euro.

Strategie gegen Gewalt

Die UN-Sonderbeauftrage zu Gewalt gegen Kinder setzt sich besonders für drei Ziele ein:

  • Jedes Land muss eine verbindliche, gut abgestimmte und gut finanzierte nationale Strategie entwickeln, um Gewalt gegen Kinder zu begegnen. 
  • Diese muss zu einem Kernelement der Politik gemacht werden. Sie soll von einer hoch angesiedelten zentralen Stelle koordiniert werden, die hauptverantwortlich für Kinderfragen ist, die Befugnis besitzt, abteilungsübergreifende Aktivitäten zusammenzuführen und die zivilgesellschaftliche Akteure zusammenbringen kann.
  • Die nationale Gesetzgebung muss verstärkt werden, um Kinder wirksam vor allen Formen von Gewalt zu schützen. Leistungsfähige Gesetze sind ein Kernelement jeder umfassenden nationalen Strategie. Sie ermutigen zu positiven Formen der Disziplinierung und Konfliktlösung und gewaltfreier Erziehung von Kindern. Sie sichern auch Schutz für Zeugen und Opfer, ermöglichen Anzeigen und Wiedergutmachung und bilden zudem die Basis für Unterstützung und Reintegration.

    In Ländern, die eine strenge Gesetzgebung verabschiedet haben, muss die Lücke zwischen Gesetzgebung und Praxis geschlossen werden. Gesetzliche Regelungen müssen in der Arbeit von Schulen, Kindergärten und Heimen verankert sein. Sie müssen auch für die Ausbildung und die ethischen Standards von Fachkräften gelten, die mit und für Kinder arbeiten. Ihre Umsetzung muss von Kampagnen zur Aufklärung und gesellschaftlichen Mobilisierung begleitet werden.
  • Wir brauchen verstärkte Forschung zu den Ursachen und Erscheinungsformen zum Thema Gewalt gegen Kinder. Umfassende und geprüfte Informationen über Gewalt gegen Kinder sind weiterhin rar. Sorgfältige Forschungen sind notwendig, um Risikofaktoren besser zu verstehen und Schutzmaßnahmen zu planen. Sie sind auch die Basis für Haushaltsplanungen und die Entwicklung politischer Strategien. Die Forschung muss auch Erfahrungen und Perspektiven von Kindern selbst aufgreifen.

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