
Allein 2004 hat UNICEF auf 184 kleine und große Notsituationen rund um den Globus reagiert. UNICEF ist in über 150 Ländern aktiv – in den meisten seit vielen Jahren. Deshalb können die Mitarbeiter im Notfall sofort helfen und auf bewährte Partner zurückgreifen. Ein Interview mit Dan Toole, dem Leiter der UNICEF-Nothilfeprogramme (Stand: 2006).
Sie arbeiten seit 20 Jahren für UNICEF. Ist mit dem Tsunami und den Erdbeben der letzten Jahre die Zeit der großen Nothilfeeinsätze zurückgekehrt?
Dan Toole: UNICEF hatte immer mit Nothilfe zu tun, wir haben ja 1946 als United Nations International Children’s Emergency Fund begonnen. Es gab sicher Zeiten, in denen wir mehr auf die Nothilfe konzentriert waren und Zeiten, in denen wir uns mehr der Entwicklungsarbeit widmen konnten. In den 80er Jahren gab es zum Beispiel eine Zeit mit weniger Krisen. Aber dann kamen der Balkankrieg, Ruanda, Kosovo, Somalia. Heute machen Nothilfeeinsätze wieder einen großen Teil unserer Arbeit aus. Das bedeutet, dass jeder da-rauf vorbereitet sein muss, und dass UNICEF sehr gut in der Nothilfearbeit sein muss. Aus diesem Grund haben wir in den letzten Jahren viel unternommen, um unsere Systeme zu verbessern und UNICEF für Nothilfeeinsätze noch effektiver zu machen.
UNICEF sagt, dass sich der Charakter der heutigen Notsituationen verändert hat. Warum?
Dan Toole: Es hat sich viel geändert. Vor zehn Jahren musste UNICEF vor allem auf Konflikte und Kriege auf mehreren Kontinenten reagieren. Heute haben wir mehr Naturkatastrophen. In 2004 hat UNICEF auf 184 – große und kleine – Notsituationen rund um die Welt reagiert – mehr als die Hälfte Naturkatastrophen. Von den allermeisten hat kaum jemand Notiz genommen. Nur einige wenige Katastrophen und Notsituationen erreichen das Scheinwerferlicht der Medien.
Der größte Wandel in unserer Nothilfearbeit hat mit der Entscheidung zu tun, so genannte „Grundlegende Verpflichtungen gegenüber Kindern in Notsituationen“ zu entwickeln. Sie fußen auf den Erfahrungen und „lessons learnt“ von UNICEF in den vergangenen 60 Jahren. So wissen wir zum Beispiel, dass in vielen zurückliegenden Notsituationen die größte Zahl der Kinder an Masern und schwerem Durchfall gestorben ist. Zu den ersten wichtigen Aufgaben heute gehört also immer, alle Kinder gegen Masern zu schützen – so können wir Tausende Kinderleben retten. Sauberes Trinkwasser und sanitäre Anlagen gehören auch dazu. Eine Folge ist, dass wir sowohl in Pakistan wie auch beim Tsunami in den ersten zwei Monaten der akuten Nothilfe so gut wie keine Todesfälle durch vermeidbare Krankheiten bei Kindern hatten.
Wie verkraften Sie es persönlich, von einem Katastropheneinsatz zum nächsten zu springen?
Dan Toole: Indem ich weniger schlafe… Der frühere UNICEF-Direktor Jim Grant hat uns einmal gesagt, wir müssten einfach „schneller schlafen“ – das sieht man meinen Augen an. Nein, im Ernst: Ich glaube, ich konzentriere mich einfach darauf, bereit zu sein. Wir haben heute viel bessere Strukturen, um auf Notlagen vorbereitet zu sein – mit Vorräten, mit Leuten, die auf stand-by sind oder die bei Bedarf angefordert werden können, so dass wir die Arbeitslast heute auch besser verteilen können.
Wir haben jetzt in New York eine Operationszentrale, die 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche die Welt beobachtet und sicherstellt, dass wir reagieren können. Sie nimmt die ersten Anrufe entgegen. Und die Kollegen wissen auch, dass ich oft um drei Uhr morgens noch nicht viel ausrichten kann – und wecken mich um fünf…
Wann stellt sich das Gefühl ein: Wir haben gute Arbeit gemacht?
Dan Toole: Ich glaube nicht, dass UNICEF bei der Nothilfe einmal sagen kann: Der Job ist vollendet. Es wird immer neue Notsituationen geben, immer wieder Erdbeben, Vulkanausbrüche. Die Tragödie ist, dass Naturkatastrophen die Ärmsten meist besonders treffen. Sie leben in den Randgebieten, in den tiefer liegenden Gebieten. Ob es ein Tsunami ist, ein Beben oder ein Hurrikan, es trifft immer besonders die armen Familien.
Was ist die Stärke von UNICEF in der Nothilfearbeit?
Dan Toole: Die wesentliche Stärke ist, dass UNICEF vor, während und nach einer Notsituation da ist. Wenn sich ein Erdbeben ereignet oder ein Krieg beginnt, hat UNICEF bereits Beziehungen und Partner in dem Land. Wir haben Hilfsgüter und Mitarbeiter dort. Wir können deshalb schnell reagieren, mit den Ressourcen, die wir bereits in der betroffenen Region haben.
Es bedeutet aber auch, dass wir dort bleiben, wenn die erste Nothilfe zu Ende geht. Zwei Jahre oder länger nach einer Katastrophe werden wir weiter dort arbeiten und sicherstellen, dass die Kinder wieder in die Schule gehen können, dass Gesundheitszentren nicht nur für die Nothilfe dort sind, sondern auch langfristig dazu beitragen, die grundlegende medizinische Versorgung zu verbessern. Das ist wohl die größte Stärke unserer Arbeit.
In den letzten Jahren haben wir außerdem unsere Kapazität verbessert, sehr, sehr schnell Menschen und Hilfsgüter für die Nothilfe einzusetzen. Wir haben das nach dem Tsunami gesehen, aber auch in Pakistan.
Ist es nicht frustrierend, dass wir auch zehn Jahre nach dem Völkermord in Ruanda nicht die Mittel haben, Menschenrechtsverletzungen wie in Darfur oder Uganda einfach zu beenden?
Dan Toole: Ja, das ist frustrierend. Tatsächlich sterben auch heute noch Millionen durch bewaffnete Konflikte. Ein Unterschied zu Ruanda ist natürlich, dass dies ein geplanter Völkermord war. Ich glaube die Welt hat erkannt, dass wir uns in Darfur erneut auf einen Völkermord zu bewegten, und sie hat reagiert. Man kann natürlich hinterfragen, ob die Schritte so effektiv waren, wie sie hätten sein sollen. Es fehlte der politische Wille, mehr zu tun. Der Job, den ich habe, ist auf der einen Seite sehr frustrierend, weil ich mich nun einmal auf Katastrophen und Kriege konzentriere. Andererseits ist es eine der schönsten Aufgaben bei UNICEF, denn die Not-hilfe ist noch stärker als alles andere auf Ergebnisse ausgerichtet. Es gibt für mich nie einen Zweifel, dass unsere Arbeit für sehr viele Kinder einen großen Unterschied ausmacht. Viele Leute arbeiten ihr ganzes Leben lang ohne dieses Gefühl – ich fühle das jeden Tag.
Welches Erlebnis hat Sie bei ihren Einsätzen und Reisen besonders berührt?
Dan Toole: Ich denke Ruanda. Ruanda, das waren für mich fast zwei Jahre wirklich wie das Leben in der Hölle. Eine Zeit, in der ich Dinge gesehen habe, die niemand jemals sehen sollte – und ich war nicht einmal während des Völkermords dort. Ich sah das Resultat der Morde, die Massengräber. Es erinnert mich ständig daran, zu welch Bösem der Mensch fähig ist. Aber meine tägliche Arbeit ruft mir auch immer wieder in Erinnerung, dass Männer und Frauen auch sehr viel Gutes tun können. Das hält mich in Bewegung und treibt auch unsere Organisation an.
Wie wichtig sind private Spenden?
Dan Toole: Diese Spenden sind unglaublich wichtig für die Not-hilfearbeit von UNICEF, auch, weil dieses Geld schnell da ist und schnell eingesetzt werden kann. Denn manchmal versprechen Regierungen Geld, aber es braucht einen Monat oder länger, bis diese Mittel auch fließen.
Was ist Ihr größter Wunsch für UNICEF?
Dan Toole: Mein größter Wunsch wäre, für UNICEF in die Zukunft zu schauen, um jetzt zu wissen, was die Kinder in 20 Jahren brauchen – und jetzt mit der Planung beginnen zu können.
Helfen Sie mit, schnelle Nothilfe nach Naturkatastrophen und in Krisengebieten zu leisten - gemeinsam für Kinder. Danke!
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