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„Die Weltöffentlichkeit ist aufgewacht“

Ein Interview mit Rozanne Chorlton. Sie ist seit vier Jahren Leiterin von UNICEF in Somalia. 

4. August 2011

Rozanne Chorlton - Leiterin von UNICEF in Somalia.
Rozanne Chorlton - Leiterin von UNICEF in Somalia.

Was sind die größten Herausforderungen im Süden Somalias?

Viele Kinder sind stark mangelernährt. Mittlerweile sind es über 50 Prozent – das ist außerordentlich besorgniserregend. Das heißt, dass die Hälfte aller Kinder in der Region einem neun Mal höheren Todesrisiko ausgesetzt ist als gesunde Kinder. Der Tod ist sehr präsent in Somalia. Also müssen wir sehr dringend handeln. Was auch immer wir tun, wir müssen es schnell tun!

 

Warum reagiert die Weltöffentlichkeit so zögerlich?

Ich glaube, die Welt ist aufgewacht, als die Hungersnot offiziell ausgerufen wurde. Die Bedrohung war zwar schon vorher bekannt – wir hatten seit Monaten auf die Situation in Südsomalia aufmerksam gemacht. Aber ich denke,  viele Menschen hatten das Gefühl, dass es wieder das altbekannte Somalia-Problem ist. Die politische Lage – die Kämpfe, die Piraten – schrecken die Menschen ab.  Doch das Leid der Kinder hier ist so groß! Und eines muss klar sein: Es geht nicht darum, ob ein Land Probleme hat, sondern in welch dramatischer Situation sich die Menschen befinden.

 

Was muss jetzt dringend getan werden?

Wir müssen sehr schnell handeln. Das bedeutet,  dass wir schnell finanzielle Unterstützung brauchen. Wir müssen jetzt Hilfsgüter bestellen und sofort ausliefern. Wir müssen Kinderleben retten und die akute Mangelernährung bekämpfen. Und wir müssen Kinder dringend vor Masern schützen.  Denn in ihrem geschwächten Zustand sind sie besonders anfällig für Krankheiten.  Und wir erwarten keine maßgebliche Entspannung der Lage bis zur nächsten Ernte im Januar.

 

Was sind die logistischen Herausforderungen und was tut UNICEF dagegen?

UNICEF ist seit Jahren in Ostafrika aktiv und hat während dieser Zeit schon Hilfsgüter nach Somalia geliefert, auch nach Südsomalia. Jedoch ist die Dringlichkeit heute eine ganz andere – die Situation hat sich derart verschärft, dass wir sehr schnell große Mengen Zusatznahrung, Wasser und andere Hilfsgüter in die betroffenen Regionen bringen müssen.  Deswegen nutzen wir so viele Transportwege wie möglich – Schiffe, Flugzeuge und Laster. Zur Zeit gehen beispielsweise täglich zwei Flüge nach Mogadischu.

 

Wie empfinden Sie die Situation persönlich?

Ich bin wütend, dass so viele Kinder leiden müssen und vom Tod bedroht sind. Wir sind doch im Jahr 2011, und es sollte keine einzige Hungersnot in der Welt geben, wenn wir doch wissen, wie man so etwas verhindert. Aber es gibt mir auch sehr viel Willenskraft, wirklich alles zu tun, was Kinderleben retten kann! Ich bin also verärgert, aber auch sehr entschlossen!

 

Wie ist die Lage in Mogadischu?

Die Situation hat sich in den letzten Wochen  nochmals sehr verändert: Die unglaublich vielen Menschen, die nach Mogadischu geflohen sind, die anhaltenden Kämpfe, die zerstörte Stadt. Das Leid der Menschen ist sehr deutlich sichtbar. Ich traf Frauen, die  20 Tage lang zu Fuß unterwegs waren nach Mogadischu. Sie waren total erschöpft, ihre Kinder auch.  Sie werden nun in UNICEF Ernährungszentren behandelt.  

 

Wie hilft UNICEF in den Flüchtlingslagern?

UNICEF liefert therapeutische Zusatznahrung in die Lager und an die dortigen Ernährungszentren.  Vor kurzem haben wir eine große Impfkampagne gegen Masern gestartet. UNICEF stellt außerdem den Zugang zu Trinkwasser sicher – und besonders wichtig angesichts der überfüllten Camps: Latrinen und Waschgelegenheiten.  

Zur Zeit sind Ferien. Aber das neue Schuljahr beginnt schon im September, und die Kinder brauchen einen Platz zum Lernen und Schulmaterialien.  Und bis der Unterricht beginnt, brauchen die Kinder sichere Zonen zum Spielen.

Ich konnte kürzlich in Mogadischu erleben, wie Partnerorganisationen (wir arbeiten mit rund 70 nationalen und internationalen Partnerorganisationen im Süden zusammen) innerhalb von nur einem Tag  ein Flüchtlingslager für fast 20.000 Menschen errichtet haben. Das war extrem beeindruckend. Wasserleitungen waren gelegt, es gab Sanitäranlagen, die Menschen haben schnelle Hilfe bekommen.

 

Erreicht UNICEF auch Kinder und ihre Familien in den Dörfern?

Ja, auf jeden Fall. Wir haben mehrere lokale Büros und wir arbeiten schon lange mit unseren Partnern zusammen. Es geht darum, den Menschen vor Ort zu helfen, und besonders im Süden sind Kinder ganz besonders stark von der Hungerkrise betroffen.

 

Sie sind seit fast vier Jahren Leiterin von UNICEF in Somalia. Die Situation scheint trotz allem auswegslos. Wo sehen Sie Hoffnung?

Mit jedem Menschenleben, das wir retten, sehe ich große Hoffnung! Jedes gerettete Kind,  jede eröffnete Schule oder Gesundheitsstation gibt den Menschen in Somalia Hoffnung. Ich treffe immer wieder junge Somalier und Somalierinnen, die sich für ihr Land einsetzen und voller Zuversicht und Lebenslust sind. Von ihnen kann es gar nicht genügend geben!

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