
06.09.2011
Sie waren gerade in Dadaab und Südsomalia – welche Situation haben Sie dort vorgefunden?
Das Bild, das sich mir besonders eingeprägt hat, ist eine junge Mutter in einem Ernährungszentrum, nahe der Grenze zu Kenia. Drei Monate war sie schon mit ihren vier Kindern unterwegs. Das Vieh war unterwegs gestorben. In dem Ernährungszentrum haben sie und ihr Baby die erste Mahlzeit seit Wochen bekommen. Diese Begegnung zeigt die enorme menschliche Not in dieser Krise. Sie zeigt aber auch, dass die Hilfe angelaufen ist und schwer mangelernährte Kinder und ihre Mütter unter schwierigsten Bedingungen versorgt werden können.
Welche Geschichte hat Sie besonders bewegt?
Ich traf eine Frau, die im neunten Monat schwanger war. Sie hieß Hawa Ali und war gerade in dem Zentrum angekommen. Sie kam aus einem Ort in Somalia, der mehrere hundert Kilometer entfernt liegt. Das muss man sich mal vorstellen: sie musste fast das halbe Land durchqueren, fast alles zu Fuß – und gemeinsam mit ihren fünf Kindern an der Hand. Sie waren alle sehr geschwächt, als ich sie gesehen habe. Dabei war dies für Hawa erst eine Zwischenstation, sie wollte sich in diesem Zentrum ein paar Tage ausruhen und versuchen, jeden Tag eine Mahlzeit zu bekommen. Ihre Kinder wurden dort versorgt, gemessen und gewogen. Dann haben sie sich wieder auf den Weg gemacht und sind die 80, 90 Kilometer nach Dadaab angetreten.
Was sind die Schwerpunkte der UNICEF-Hilfe?
Der große Schwerpunkt, auch für die nächsten Wochen und Monate, ist die Nahrungsmittelversorgung der Kinder und ihrer Familien. UNICEF leistet in Ostafrika Überlebenshilfe. Zum einen versuchen wir die schwer mangelernährten Kinder am Leben zu halten. Denn für fast 200.000 Kinder in Südsomalia kommt es zurzeit auf jeden Tag an. Gleichzeitig ist die Versorgungslage in Somalia so katastrophal, dass wir mehr und mehr dazu übergehen, ganze Familien mit Mais-Soja-Mischung, Hülsenfrüchten und Öl zu versorgen, damit sie überleben können.
Ist angesichts der großen Not die Hilfe nicht nur ein Tropfen auf den heißen Stein?
Ich würde umgekehrt sagen: Für jedes Kind lohnt sich der Einsatz! Auch schwer mangelernährte Kinder können gerettet werden, wenn die Hilfe rechtzeitig kommt. UNICEF weitet seine Programme ständig aus. Wir haben auch die Hoffnung, dass wir die vielen Tausend Kinder, die wir erreichen, bald in Notschulen in den Flüchtlingslagern oder an einer Wasserstelle sehen. Das alles ist natürlich auch den Spenden aus Deutschland zu verdanken.
Also kann man sagen: Die Hilfe kommt an.
Schaut man sich Dadaab an, dann sieht man, dass die Hilfe inzwischen recht gut organisiert und koordiniert ist. Die Menschen, die dort ankommen, erhalten ein erstes Hilfspaket. Und auch die Kinder, die Dadaab erreichen, haben gute Chancen zu überleben. Wir haben das unter anderem in einem Stabilisierungszentrum in Dadaab gesehen: Dort waren im August 114 sehr stark mangelernährte Kinder aufgenommen worden. Das waren Kinder, die im Grunde an der Schwelle zum Tod standen. Von diesen 114 Kindern sind in den 24 Stunden nach der Neuaufnahme 4 Kinder gestorben. Das zeigt einerseits, in welch lebensbedrohlichem Zustand die Kinder waren, auf der anderen Seite aber auch, dass die Hilfe ankommt und wie schnell wir diese Kinder innerhalb weniger Tage stabilisieren können, so dass sie überleben.
Wo liegen jetzt die größten Gefahren für Kinder?
Der Oktober-Regen, auf den alle hoffen, kann gleichzeitig eine große Gefahr für die Kinder mit sich bringen. Wir sehen jetzt schon, dass in Dadaab, aber auch in Somalia, erste Cholera-Fälle aufgetreten sind. Auch schwere Durchfallerkrankungen nehmen zu. Eine Cholera-Epidemie im Flüchtlingslager und in den Dörfern in Somalia wäre eine Tragödie.
Es ist wichtig, dass wir mit Hochdruck die geplanten Impfkampagnen auf den Weg bringen. UNICEF will in Somalia 2 Millionen Kinder gegen Masern impfen. Gleichzeitig bekommen die Kinder Vitamin A- und Entwurmungstabletten. In den Ernährungszentren wird auch über Hygiene informiert.
In Somalia ist die Sicherheitslage besonders schwierig. Wie verschafft sich UNICEF Zugang?
UNICEF kommt zugute, dass wir seit Jahrzehnten in Somalia unter allen Bedingungen und zu allen Zeiten gearbeitet haben. Das heißt, das Netzwerk unserer rund 100 Partner ist so fest, dass die Hilfe in den meisten Landesteilen ankommt. Trotzdem muss die Hilfe jeden Tag neu organisiert und manchmal auch verhandelt werden. UNICEF überprüft laufend, dass die Hilfe für Kinder auch tatsächlich ankommt. Allein seit Anfang Juli gab es 58 Hilfsflüge und 78 LKW-Transporte mit lebensrettenden Hilfsgütern nach Somalia.
Warum verschärft sich die Situation immer noch, obwohl so viel geholfen wird?
Es gibt keine einfache Erklärung für die Notlage. Weder der Hinweis auf den Klimawandel noch auf den Konflikt allein kann die Situation erklären. Die Größe der betroffenen Regionen in Kenia, Somalia, Äthiopien bis Djibouti erschwert die Hilfe ebenso. Der jetzt bevorstehende Regen bzw. die Ernte wird nur einen kleinen Teil des Bedarfs abdecken. Im Land können keine ausreichenden Nahrungsmittel bereitgestellt werden. Es kann zwischen 9 Monaten und bis zu 2 Jahren dauern, bis Kamele und Ziegen die Kinder und Erwachsenen wieder mit Milch versorgen können. Viele Menschen sind nach so langer Leidenszeit sehr erschöpft.
Wenn sie nicht sehr schnell massiv unterstützt werden können, befürchtet UNICEF ein noch viel schlimmeres Szenario, als wir es jetzt schon seit Wochen sehen. Wir müssen vermutlich bis Mitte nächsten Jahres den Menschen helfen.
Wie sind Ihnen die Menschen dort begegnet?
Gleichzeitig ist, wenn man ins Gespräch kommt, schon eine große Hoffnungslosigkeit zu spüren. Diese Menschen haben durch die Dürre alle Tiere verloren und wissen nicht, wie sie nach der Krise ein neues Leben anfangen können. Hier muss die Hilfe langfristig denken und einen Neuanfang unterstützen. Auf der einen Seite mit einer sehr beeindruckenden Stärke, besonders die Frauen.
Was erzählen Sie Ihren Kindern, wenn sie Sie nach dieser Reise fragen?
Wir haben uns gemeinsam die Bilder angesehen, doch letztlich ist für Kinder hier in Deutschland nur schwer zu fassen, was es heißt, einer Konfliktsituation und der Natur so vollkommen ausgesetzt zu sein. Dass dieses ohnehin schon karge Leben jetzt von dieser enormen Not eingeholt wurde, das können Kinder aber auch Erwachsene sich hier nur schwer vorstellen.
Christian Schneider (46) ist Geschäftsführer von UNICEF Deutschland.
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