1986 wurde in Odessa der erste AIDS-Kranke registriert. Vor allem in der Drogenszene breitete sich das Virus durch gemeinsam benutzte Nadeln rasant schnell aus. Jetzt hat der Erreger auch die breite Bevölkerung erreicht. Jeder zwanzigste Erwachsene ist infiziert. In den dunklen Fluren des staatlichen AIDS-Zentrums sitzen Dutzende mit niedergeschlagenen Blicken. Menschen im mittleren Alter, einige mit ihrer Mutter oder ihrer Freundin. Ich frage mich, welche Geschichten die Wartenden mitbringen – ob sie selbst Drogen nehmen oder sich mit dem falschen Partner einließen. Der einzige Lesestoff hier sind AIDS-Infobroschüren und die Bibel – viele werden diesen Trost brauchen, wenn sie ihre Diagnose erfahren.
Am Ende des Flures besuchen wir eine von UNICEF unterstützte Tagesstätte für HIV-positive Kinder. Der zweijährige Danilo kommt auf dem Arm seiner Mutter Sveta herein. Als ich dem Jungen ein paar Plastikfiguren zeige, spielt er schüchtern mit. Sveta würde uns gern zu sich nach Hause einladen. Doch ihre ältere Tochter weiß nicht, dass ihr Bruder und auch die Mutter infiziert sind. Viele HIV-Positive halten die mit der Krankheit verbundenen gesundheitlichen und seelischen Probleme vor der engsten Familie geheim – aus Angst vor Diskriminierung. So gibt es für HIV-positive Kinder keinen Platz in normalen Kindergärten – obwohl diese Kinder mit der richtigen Behandlung lange ein fast normales Leben führen können. Für Mütter wie Sveta ist die Tagesstätte enorm wichtig. Viele nehmen weite Wege in Kauf, um hier endlich einmal offen über ihre Probleme zu sprechen.
Im ersten Stock kümmert sich das AIDS-Zentrum von Odessa besonders um schwangere Frauen, bietet kostenlose AIDS-Tests. Bei positivem Ergebnis erhalten die Frauen Medikamente, die die Übertragung des Virus auf ihr Baby mit hoher Wahrscheinlichkeit verhindern. Das von UNICEF unterstützte Programm ist sehr erfolgreich: Landesweit werden mittlerweile fast alle Schwangeren, die zur Vorsorge gehen, erreicht. Nur noch jede zehnte HIV-positive Schwangere gibt das Virus an ihr Baby weiter. Dass schon HIV-positive Neugeborene an AIDS erkranken können, wird unser Kamerateam später noch im Kinderkrankenhaus von Kiev filmen: Die Winzlinge leiden unter Lungenentzündung, Leberschrumpfung, ständigen Durchfall. Der nachweisliche Erfolg des Schwangeren-Programmes ist für mich ein Zeichen der Hoffnung: Durch entschlossenes Handeln lässt sich viel erreichen.
Am Nachmittag besuchen wir eins der 33 staatlichen Sozialzentren für Jugendliche. Die Mitarbeiter klären beispielsweise an Schulen über AIDS und andere Gesundheitsthemen auf. Junge Freiwillige unterstützen diese Arbeit. An der Wand fällt uns ein von Jugendlichen selbst gestaltetes Plakat auf: Es zeigt ein wie ein Mercedes-Lenkrad gestaltetes Kondom: „Du bestimmst in deinem Leben die Richtung.“ In der Ukraine ist es nicht üblich, offen über Sexualität zu sprechen. Im Zentrum erhalten die Jugendlichen endlich Informationen, die lebensrettend sein können.
Sehr beeindruckt bin ich von einem Ex-Drogenabhängigen, der heute im Zentrum arbeitet: Alexej Reyngarten. 26 Jahre lang nahm er alles nur Vorstellbare an Drogen. Erst als er völlig am Ende war, fand der Vater von zwei Kindern endlich Hilfe. Auch Alexej ist HIV-positiv – so wie rund zwei Drittel aller Drogenabhängigen in der Ukraine. Der 43-Jährige scheint in sich eine große Kraft gefunden zu haben. Trotzdem wirkt er sehr bescheiden. Im Vergleich den Neunzigern ist die Aufgabe für staatliche Zentren und Organisationen wie UNICEF heute noch größer geworden. Landesweit sind 1,4 Prozent der 15- bis 40-Jährigen HIV-positiv – vierzehn Mal so viel wie in Deutschland. Es besteht die Gefahr, dass gesellschaftliche und politische Fortschritte dadurch wieder zunichte gemacht werden. Deshalb hat auch die hoffnungsvolle „Orangene Revolution“ vom Januar 2005 nur dann eine Chance, wenn jetzt schnell gehandelt wird.
Bei Life +, seit Jahren ein wichtiger Partner von UNICEF, treffen wir weitere HIV-positive junge Erwachsene. Beeindruckend offen erzählen sie ihre Schicksale. „Seit zwei Monaten weiß ich, dass ich infiziert bin“, sagt die 21-jährige Ira, die von ihrem Ex-Freund angesteckt wurde. „Zuerst war ich sehr deprimiert – aber bei Life + fand ich Hilfe.“ Das Mädchen, das selbst nie mit Drogen zu tun hatte, wirkt mit ihren dunklen Zöpfen noch wie ein Kind. Ira wird bald selbst bei Life + mitarbeiten – Aufklärungsarbeit leisten und bei der Pflege bereits Erkrankter helfen. Die Leute von Life + haben es geschafft, aus ihrem furchtbarem Schicksal etwas Positives zu machen – anderen zu helfen und dadurch selbst mit ihrer Diagnose besser zu leben. Das imponiert mir sehr.
Abends erlebe ich, wie Armut in der Ukraine sich anfühlt, wie sie riecht. Irina lebt mit ihrer zehn Monate alten Tochter Mascha in einer Art umgebauter Gartenlaube am Stadtrand. In ihrer Kochecke sehe ich: einen Topf mit kalten Makkaroni, billige Weizengrütze für die kleine Mascha, einen Klumpen Margarine und zwei Einmachgläser mit Fett – sonst nichts. Ich bin überrascht, dass Irina erst 38 ist. Sie wirkt mindestens 20 Jahre älter, hat kaum noch Zähne, ist HIV-positiv. Lange Zeit war sie ebenso wie ihr Mann drogensüchtig, saß zwei Jahre lang im Gefängnis. Pro Monat erhält die junge Mutter 80 ukrainische Hrvna vom Staat, das sind umgerechnet 13 Euro. Eier oder gar Fleisch kommen hier so gut wie nie auf den Tisch. Selbst die zwei Hrvna für ein Brot fehlen oft.
Irina hofft inständig, dass ihre kleine Tochter Mascha das Virus nicht in sich trägt. Mit Sicherheit wird sich das erst im Alter von 18 Monaten sagen lassen. Dank der Hilfe von Life + hat Irina neuen Lebensmut gefunden: Die junge Frau versucht, ein verantwortungsvolles Leben zu führen. Und ihre Tochter bei sich zu behalten, statt sie ins Heim zu geben – wie so viele verzweifelte Müttern in der Ukraine.
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