Bildung und die Fähigkeit, zu lesen und zu schreiben, sind für Mädchen sogar noch wichtiger als für Jungen. Denn die Mädchen sind die Mütter von morgen und damit in der Zukunft verantwortlich dafür, die kommende Generation aufzuziehen. Eine Mutter, die nicht lesen und schreiben kann, kann die Mutterrolle für ihre Kinder nicht ausreichend erfüllen.
Kulturelle Hürden sind der Hauptgrund, warum Mädchen nicht zur Schule gehen. Noch immer gibt es Familien, die an dem irrtümlichen Glauben festhalten, ihre Töchter seien in der Schule dem moralischen Verfall ausgesetzt. Sie erlauben ihnen daher nicht, am Unterricht teilzunehmen. Vor rund 80 Jahren wurde vielen Töchtern im Iran noch verboten, lesen und schreiben zu lernen, weil die Eltern befürchteten, die Mädchen könnten Liebesbriefe an einen Jungen verfassen.
Ein aktuelleres Beispiel ist meine eigene Mutter: Trotz ihres Lerneifers durfte sie nicht zur Universität gehen und studieren. Und dies nur, weil ihre Eltern nicht wollten, dass ihre junge hübsche Tochter im gleichen Raume mit jungen Männern sitzt.
Glücklicherweise sind heute im Iran 63 Prozent aller Studenten Frauen. Dies ist ein Beweis dafür, dass sich die kulturelle Einstellung in der iranischen Gesellschaft gewandelt hat. Dieser Trend bedeutet jedoch nicht, dass jetzt allen iranischen Mädchen die Tür zur Bildung offen steht. Traditionelle Familien weigern sich noch immer, ihre Töchter zur Schule zu schicken. Zudem gibt es in vielen entlegenen Gebieten nur eingeschränkte Unterrichtsangebote für Mädchen. Das ist ein weltweites Problem: Über 120 Millionen Kinder - die Mehrheit von ihnen Mädchen – gehen nicht zur Schule.
Wir müssen noch härter daran arbeiten, falsche Einstellungen gegenüber der Bildung für Mädchenbildung zu überwinden. Es ist die Pflicht der Regierungen, gemeinsam mit der Gesellschaft Möglichkeiten zu schaffen, um mehr Kindern Zugang zu Bildung zu ermöglichen, vor allem den Mädchen.
Shirin Ebadi
Friedensnobelpreisträgerin 2004
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