Obdachlose, vernachlässigte und arbeitende Kinder gehören heute fest zum Straßenbild der großen russischen Städte. Jedes Jahr fliehen über 30.000 Kinder in Russland aus ihren Familien auf die Straße. Armut und Arbeitslosigkeit haben seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion zugenommen. In vielen Familien sind Alkoholismus und Gewalt an der Tagesordnung - oft sehen die Kinder keinen anderen Ausweg als auszureißen. Auf der Straße waschen sie Autos, verkaufen gestohlene Ware oder prostituieren sich. Viele sind krank und drogenabhängig. UNICEF hat in Moskau und St. Petersburg ein Hilfsprogramm gestartet, um die Kinder von der Straße zu holen und ihren Familien wieder eine Perspektive zu geben.
Offiziell gibt es etwa 100.000 bis 150.000 Straßenkinder in Russland. Allein in Moskau verbringen mindestens 33.000 Kinder einen Großteil ihres Alltags auf der Straße. In St. Petersburg sind es offiziell rund 15.000 - die Dunkelziffer liegt allerdings deutlich höher. Auf der Straße geraten viele Kinder mit dem Gesetz in Konflikt: In St. Petersburg schlagen sich bis zu 30 Prozent der Straßenkinder mit verbotenen Tätigkeiten durch. Sie verkaufen gestohlene Waren, betteln oder handeln mit Drogen. Mindestens 20 Prozent der Straßenkinder, überwiegend Mädchen, prostituieren sich. Das St. Petersburger Gesundheitsamt schätzt, dass 50.000 junge Leute drogensüchtig sind - darunter schon Zehnjährige. Durch Drogenkonsum und Prostitution ist die AIDS-Gefahr hoch: Bei einer Untersuchung in einer Moskauer Anlaufstelle war jedes zehnte Straßenkind HIV-positiv.
Bei einer Befragung unter Straßenkindern gaben 40 Prozent an, in ihrer Familie Gewalt erlebt zu haben. Ein Drittel der Eltern hatte Alkoholprobleme. Die staatliche Unterstützung für arme Familien reicht in Russland bei weitem nicht aus - besonders unter der Armut leiden die Kinder. Statt Problemfamilien Hilfe anzubieten, reagieren die Behörden oft mit dem Entzug des Sorgerechts und weisen die Kinder ins Heim ein. 500.000 Kinder leben in Russland in solchen Einrichtungen. Als junge Erwachsene haben sie oft Schwierigkeiten, einen Beruf zu finden und eigene Kinder gut zu betreuen. Auch Straßenkinder leben oft in großer Angst, dass die Polizei sie aufgreift und in ein Heim steckt.
UNICEF unterstützt in Moskau und St. Petersburg Auffangzentren für Kinder von der Straße. Hier erhalten sie vorübergehend einen Schlafplatz, medizinische und psychologische Hilfe sowie Essen und Kleidung. Um verpassten Schulstoff nachzuholen, können die Kinder und Jugendlichen hier auch Bildungskurse besuchen. UNICEF hilft, die Kinder möglichst wieder mit ihren Familien zusammenzuführen oder sie in Pflegefamilien zu vermitteln. UNICEF fördert Beratungs- und Hilfsangebote für die Eltern, bei Bedarf auch Drogentherapien. Drogenabhängige Kinder und Jugendliche werden in einem von UNICEF unterstützten Rehabilitationszentrum in Moskau betreut. Um die Aufklärung über AIDS und andere gesundheitliche Risiken zu verbessern, schult UNICEF die Mitarbeiter von Hilfseinrichtungen und stattet sie mit Informationsmaterial aus. In Moskau unterstützt UNICEF auch die Arbeit von 200 Sozialarbeitern, die Straßenkinder ansprechen, um sie für die Hilfsprogramme zu interessieren.
UNICEF entwickelt darüber hinaus erfolgversprechende, neue Modelle der Sozialarbeit - beispielsweise „Elternschulen“ für sozial schwache Familien. 450 Sozialarbeiter aus ganz Russland erhalten Fortbildungen, um Straßenkindern frühzeitig und effektiv Hilfe vermitteln zu können. So lässt sich oft verhindern, dass die Kinder in die Großstädte fliehen und der Kontakt nach Hause völlig abreißt. Um Kinder vor Gewalt zu Hause zu schützen, unterstützt UNICEF auch die Aufklärungsarbeit an Schulen und Kinderkliniken. In Moskau wird eine Telefonhotline eingerichtet, über die Kinder in Not Hilfe erhalten. UNICEF schult zudem Mitarbeiter von Heimen, damit sie die Heranwachsenden zu mehr Selbstverantwortung erziehen können. So verbessern sich auch ihre beruflichen Chancen und die Voraussetzungen, um eigene Kinder später besser zu erziehen.
Datenschutz | Seite weiterempfehlen | Druckversion
© Copyright 2010 UNICEF Deutschland