PROJEKTREISE NACH KAMBODSCHA: TAG 6
Donnerstag, 6. Februar 2014, 17:23 Uhr
von Ursula Grass | 0 Kommentare

BESUCH IM PROVINZKRANKENHAUS IN KAMPONG THOM

Heute besuchen wir das Provinzkrankenhaus in Kampong Thom. Hier werden Kinder behandelt, die an Unterernährung oder HIV leiden.

Wir werden begrüßt von Klinikdirektor Dr. Mey Scheat, der auch für die weiteren beiden Krankenhäuser in der Provinz zuständig ist. An der Wand sehen wir eine große Infotafel, auf der die Preise für die jeweiligen Behandlungen zu sehen sind. Die drei Krankenhäuser sind für die 500.000 Bewohner dieser Provinz zuständig, wobei das Provinzkrankenhaus das größte ist. 16 Ärzte sind hier tätig, weitere 84 Angestellte kümmern sich um die Patienten. Da nicht jeder genug Geld hat, um die Kosten seiner Behandlung selbst zu tragen, werden 17 Prozent der Patienten kostenlos behandelt. Die anderen sind entweder versichert oder erhalten Zuschüsse von einer lokalen Organisation.

UNICEF-Mitarbeiterin Sandra mit einer jungen Mutter auf der Krankenstation. © UNICEF Deutschland

UNICEF-Mitarbeiterin Sandra unterhält sich mit einer jungen Mutter auf der Krankenstation.
© UNICEF Deutschland

Die stationären Patienten bekommen von der Regierung zwei Mahlzeiten pro Tag. Meist werden sie von ihren Familien begleitet. Vor allem Mütter können bei ihren Kleinen schlafen. Hinter dem Gebäudetrakt befindet sich eine Freiluftküche, in der die Angehörigen selbst kochen. Stolz erzählt uns Dr. Mey Scheat, dass die Kinderstation von der Linsenhoff-UNICEF-Stiftung errichtet wurde.

Das größte Problem: Falsche Ernährung

Die meisten Babys werden wegen Unterernährung oder Durchfallerkrankung in die Klinik gebracht. Im Krankenzimmer begegne ich einer jungen Frau, welche ihre drei Monate alte Tochter gerade vor einer Stunde gebracht hat. Sie kommt aus einem Dorf, welches 40 Kilometer entfernt ist.

Erstversorgung eines mangelernährten Babys. © UNICEF Deutschland

Ein mangelernährtes Kind wird auf der Krankenstation mit einer Infusion versorgt.
© UNICEF Deutschland

Die Kleine bekommt schon eine Infusion. Sie wiegt 2,7 Kilogramm und hat ganz dünne Ärmchen und Beinchen. Die Ursache für die häufige Mangelernährung bei Babys liegt darin, dass die Mütter sie anstatt zu stillen mit einer Mischung aus Wasser, zerdrücktem Reis und Zucker füttern. Babys können diese Stoffe nicht aufnehmen und magern ab. Ich merke, wie wichtig das gestrige Mütter-Training war. Dort erhalten die Frauen wichtige Tipps für die richtige Ernährung ihrer Kinder. Das Krankenhaus ist als „kinderfreundliches Krankenhaus“ ausgezeichnet, da es die Mütter erfolgreich bestärkt zu stillen und ihnen dafür die notwendigen Kenntnisse vermittelt.

Im nächsten Zimmer sehen wir ein Frühchen im Brutkasten mit Inkubator. Das Krankenhaus besitzt nur einen Inkubator. Was ist, wenn dies von mehreren Kindern gleichzeitig benötigt wird?

Auf der Entbindungsstation treffe ich eine Mutter, die gerade entbunden hat. Die Großmutter erzählt mir mit Gesten, dass ihre Tochter Zwillinge geboren hat, jedoch nur eines überlebte. Ich schlucke und verlasse das Zimmer.

UNICEF errichtet kinderfreundliche Zonen

Im Kinderkrankenhaus kommen wir in einen hellen, freundlichen Wartesaal. Auf dem Boden sitzen Mütter und Großmütter mit ihren Kleinen. In einer bunten Spielecke schaukeln zwei Kinder und ein kleines Mädchen hüpft auf einem roten Gummipferd. Kleinkinder schauen sich Bilderbücher an und an der Decke sowie den Wänden hängen Basteleien und gemalte Bilder. Ich bin begeistert von der liebevollen Atmosphäre, die hier herrscht. Neben dem Untersuchungszimmer steht ein Tisch mit verschiedenen Lebensmittel und einem großen Kochtopf. Eine Schwester beginnt, den Wartenden die drei Grundnahrungsmittel zu erklären und aus den Zutaten eine Mahlzeit zu kochen. So lernen die Menschen, wie gesunde Ernährung funktioniert.

Warteraum im Kinderkrankenhaus. © UNICEF Deutschland

Der von UNICEF eingerichtet Warteraum ist mit vielen spielerischen Utensilien für Kinder ausgestattet.
© UNICEF Deutschland

Es ist Ann-Katrin Linsenhoff zu verdanken, dass es diesen kinderfreundlichen Raum gibt, erfahren wir von Sedtha Chin, der UNICEF-Verantwortlichen für HIV und Ernährung: „Wir sind so dankbar, dass die Linsenhoff-Stiftung dieses Kinderkrankenhaus errichtet hat“. Sedtha Chin erklärt uns, dass in dieser Abteilung besonders die Großmütter die Kleinen zur Untersuchung bringen. Dies liegt daran, dass die Eltern an HIV gestorben sind. UNICEF unterstützt in sechs von 79 Krankenhäusern die kinderfreundlichen Zonen.

Versorgung auf HIV-Stationen entlastet Familien

Susanne unterhält sich mit einer Großmutter, die mit ihren beiden Enkelinnen monatlich zur Untersuchung kommt: „Die zehn Jahre alte Srey Pich ist seit der Geburt mit HIV infiziert, die noch sehr junge Mutter wusste nicht, dass sie selbst infiziert war. Das Mädchen erhält hier im Krankenhaus ihre Medizin. Die Großmutter wird darin unterwiesen, die Medikamente zu regelmäßigen Zeiten zu geben. Die kleinere Schwester ist vier Jahre alt und dank der bei ihrer Geburt getroffenen medizinischen Vorsorge gesund. Besonders tragisch ist es, dass die Großmutter ihre Enkelinnen allein versorgen muss, da ihre Tochter ein zweites Mal geheiratet und ihre kleinen Töchter zurück gelassen hat“, erzählt mir Susanne tief betroffen.

Auf der HIV-Station erfahren wir, dass sich hier monatlich 100 Personen testen lassen. Vor einigen Jahren waren es 300. Der Rückgang der Patienten ist der fast flächendeckenden Versorgung durch HIV-Stationen zu verdanken. In Kambodscha sind 4.000 Kinder HIV-positiv. UNICEF hat diese Station bis vor zwei Jahren unterstützt, mittlerweile wird sie von der Regierung und dem Global Fund getragen.

Obwohl wir froh sind, dass in diesem Krankenhaus viele Menschen und vor allem Kinder Unterstützung und Hilfe finden, liegen Welten im Vergleich zur medizinischen Versorgung, die es bei uns gibt.

Gespräch mit der UNICEF-Mitarbeiterin Sedtha Chin

Schon seit gestern fällt mir der große Enthusiasmus auf, mit welchem die 53-jährige Sedtha Chin sich für die Situation der Mütter und Kinder engagiert. Ich komme mit ihr in Gespräch. Seit 20012 ist sie für UNICEF hier in der Region tätig und für die Sektionen HIV und Ernährung zuständig. Davor war sie seit 1995 für verschiedene NGOs tätig.

Die Arbeit für UNICEF liebt sie besonders, denn sie schätzt die klare Zielsetzung und vernetzte Arbeitsweise der Organisation: „Eine NGO ist zwar personell besser aufgestellt, arbeitet jedoch nur im eigenen Projekt“, erklärt sie mir. „UNICEF besitzt vor allem die Möglichkeit die Zielsetzungen und Konzepte in die verschiedenen Ministerien einzubringen, denn Fortschritt ist die Sache eines Landes. UNICEF hat eine hohe Akzeptanz in der Bevölkerung und vor allem bei den Fachdiensten, wie z. B. den Ärzten des Krankenhauses, welches wir heute Morgen besucht haben. Es geht hier um die Verbesserung der Situation der Kinder im ganzen Land und nicht nur in einem Projekt“, berichtet sie weiter.

Sedtha Chin ist Kambodschanerin und hat die Zeit der „Khme Rouge“ miterlebt. Sie war 15 Jahre alt, als sie von ihrer Familie getrennt und auf die Reisfelder geschickt wurde: „Ich war ganz alleine, wusste nicht, ob meine Eltern noch leben.“ Aber Sedtha Chin hatte Glück. Als 18-Jährige machte sie sich auf den Weg aus den Bergen und fand ihre Eltern wieder. In Phom Phen begann sie eine Ausbildung als Krankenschwester.

Die damalige Zeit, in der alle Menschen schwarz gekleidet und mit kurzem Haarschnitt sein mussten, hat ihr Leben geprägt: „Ich bin glücklich, dass ich in meiner Arbeit für UNICEF etwas für die Entwicklung meines Landes tun kann. Ich kreuze meine Finger, dass UNICEF weiter im Land bleibt, denn besonders für die armen, mangelernährten und kranken Kinder oder die Kinder die bei ihren Großmüttern leben, weil sie die Eltern durch HIV verloren haben, wäre ein Verlust dieser Hilfe tragisch.“

Zum Abschied umarmen wir uns fest. Ich habe eine großartige Frau kennengelernt und werde zuhause in meinen Vorträgen über ihre Arbeit berichten.

Reisetagebuch

Lesen Sie hier alle Berichte der UNICEF-Ehrenamtlichen von ihrer Reise nach Kambodscha:

Reisevorbereitung: “Auf, auf nach Kambodscha”

Tag 1: Gedanken zur Reise am Frankfurter Flughafen

Tag 2: Ankunft in Phnom Penh

Tag 3: Am Stadtrand

Tag 4: Besuch der Sokung Provinz

Tag 5: Arsenverseuchtes Wasser und gute Tipps für Mütter

Tag 6: Besuch im Provinzkrankenhaus in Kampong Thom

Tag 7: Schulprojekte und „Wasser wirkt“ in Keo Por

Haben Sie auch Interesse, ehrenamtlich bei UNICEF mitzuwirken?Machen Sie es den anderen Reisenden und mir nach und informieren Sie sich in unserer Rubrik Engagement für UNICEF über die zahlreichen Möglichkeiten.

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