KINDERSOLDATEN IN AFRIKA UND WELTWEIT

8. Februar 2018 von Ninja Charbonneau 15 Kommentare

Kindersoldaten: Opfer und Täter zugleich, Kinder ohne Kindheit

Der Südsudan ist der jüngste Staat der Welt mit der jüngsten Bevölkerung – und leider auch ein Land im Bürgerkrieg mit der vermutlich höchsten Zahl der Kindersoldaten weltweit. Doch hin und wieder gibt es gute Nachrichten: Gestern wurden über 300 Kinder im Südsudan nach monatelangen Gesprächen von bewaffneten Gruppen freigelassen.

Auch Ende 2016 haben bereits 145 Kindersoldaten, alle Jungen, in einer feierlichen Zeremonie ihre Waffen niedergelegt, unter ihnen der 14-jährige Tom (alle Namen geändert). Es ist ein symbolischer Akt und der erste Schritt auf dem langen Weg von Tom und den anderen Jungen zurück in ein ziviles Leben. 

Kindersoldaten erzählen: Tom im Schatten zweier Bäume

Kindersoldat Tom im Südsudan.
© UNICEF/UN043975/Kolok

Im Südsudan und anderen Ländern wie der Zentralafrikanischen Republik oder der Demokratischen Republik Kongo gelingt es UNICEF und Partnern immer wieder, Kindersoldaten zu befreien. Aber Zehntausende Jungen und auch Mädchen werden immer noch als Kindersoldaten missbraucht. Sie sind Opfer und Täter zugleich, Kinder ohne Kindheit, und der Weg zurück in ein normales Leben ist schwer.

Am 12. Februar ist Welttag gegen den Einsatz von Kindersoldaten – eine jährliche Erinnerung, dass noch viel passieren muss, um diese schwere Kinderrechtsverletzung endlich zu beenden.

KINDERSOLDATEN ERZÄHLEN UNICEF IHRE GESCHICHTE

Viele Kinder haben als Kämpfer jahrelang das Töten gelernt, sind aber nie zur Schule gegangen. Viele bewaffnete Gruppen setzen die Mädchen und Jungen ein, weil sie leichter zu manipulieren oder schlicht billiger sind als Erwachsene. Die Gründe, weshalb sich Minderjährige bewaffneten Gruppen anschließen, sind vielfältig: Teilweise werden Kinder entführt und mit Gewalt dazu gezwungen, in anderen Fällen nutzen Milizen die Armut und Not der Kinder aus.

Tom und andere befreite Kindersoldaten im Südsudan haben UNICEF-Mitarbeitern ihre Geschichte erzählt:

Als Tom mit 14 seine Waffe niederlegt, hat er drei Jahre voller Gewalterfahrung hinter sich – er war erst elf, als sein Dorf in Pibor überfallen wurde. "Ich erinnere mich noch daran, als ob es gestern wäre. Ich hörte überall Schüsse und schreiende Menschen. Häuser haben gebrannt. Gerade, als wir unser Haus verlassen wollten, wurden wir von Soldaten eingekreist. Sie haben meine älteren Brüder geschlagen und gefragt, ob sie Waffen hätten. Meine Eltern sind mit mir und den anderen jüngeren Kindern in den Wald gerannt. Aus unserem Versteck haben wir gesehen, wie die Männer unser Haus abgebrannt und meine älteren Brüder mitgenommen haben."

Kindersoldaten: Tom erzählt seine Geschichte

Tom war drei Jahre Kindersoldat im Südsudan.
© UNICEF/UN043977/Kolok

Es war nicht das erste Mal, dass Toms Dorf angegriffen wurde. Bei einem früheren Angriff war eine seine Schwestern getötet worden. "Ich konnte es nicht mehr ertragen, unschuldige Kinder und Frauen sterben zu sehen. Ich war sehr verbittert wegen des Tods meiner Schwester. Deshalb habe ich beschlossen, dass ich etwas tun muss. Ich wollte mich wegen all der Morde rächen, vor allem an dem meiner Schwester, deshalb schloss ich mich der Cobra-Miliz an."

Toms Eltern waren damit einverstanden. Fast ein Jahr lang blieb er zunächst bei der Miliz. An den Tagen, an denen er nicht als Kämpfer gebraucht wurde, half er als Koch, Träger oder Wachtposten. 2014 schickte ihn der Kommandeur weg und sagte ihm, er solle zur Schule gehen. Aber als Toms Dorf zwei Jahre später erneut angegriffen wurde, wurde Tom wieder Kindersoldat. "Ich hatte keine Wahl: Entweder würde ich zur Cobra-Miliz gehen oder von den Regierungssoldaten getötet werden, also ging ich zur Cobra."

Anders als viele andere Kindersoldaten wurde Tom nicht zwangsrekrutiert – für ihn war die bewaffnete Gruppe ein Umfeld, in dem er etwas Schutz und regelmäßig zu essen bekam. Trotzdem ist der 14-Jährige heute traurig, wenn er an seine Zeit als Kindersoldat zurückdenkt: "Ich habe das Gefühl, dass ich drei Jahre meines Lebens verloren habe. Wenn ich zur Schule gegangen wäre, würde ich jetzt bald einen Abschluss machen."

Kindersoldaten erzählen: Tom steht in einer Waldlichtung

Tom und seine Familie sind inzwischen wiedervereint.
© UNICEF/UN043976/Kolok

Die verlorenen Jahre kann Tom zwar nicht nachholen, aber er bekommt jetzt eine zweite Chance. In einem von UNICEF unterstützten Interims-Zenter hat er Beratung und psychosoziale Hilfe erhalten. Inzwischen wurde er mit seiner Familie wiedervereint und hofft, dass er bald zur Schule gehen kann.
"Nie wieder! Nie wieder werde ich mich einer Miliz anschließen! Wenn es noch mal Kämpfe in meinem Dorf gibt, werde ich wegrennen und mich verstecken. Und wenn es ruhig ist, werde ich zur Schule gehen."

WO GIBT ES KINDERSOLDATEN?

Kindersoldaten weltweit

Kindersoldaten gibt es nicht nur in Afrika, sondern in vielen Ländern – obwohl die unfreiwillige Rekrutierung und die Beteiligung von Minderjährigen an Kampfhandlungen in den meisten Ländern verboten ist. Die Vereinten Nationen veröffentlichen jedes Jahr eine „Liste der Schande“ über die Armeen und bewaffneten Gruppen, die Minderjährige in ihren Reihen haben – 58 stehen im Moment darauf. In 20 Ländern beziehungsweise Konfliktsituationen werden schwerste Menschenrechtsverletzungen gegen Kinder begangen – dazu gehören die Rekrutierung von Kindersoldaten, aber auch die Tötung und Verstümmelung von Kindern oder Angriffe auf Schulen und Krankenhäuser.

In Syrien und Irak rekrutiert zum Beispiel der sogenannte „Islamische Staat“ gezielt Kinder und Jugendliche. Auch im Jemen-Konflikt sind Minderjährige im Einsatz. Die Terrormiliz Boko Haram in Nigeria zwingt teilweise Kinder, vor allem Mädchen, sich als Selbstmordattentäter in die Luft zu sprengen.

Auch in Afghanistan,  Pakistan oder Somalia werden Mädchen und Jungen als Kindersoldaten oder Helfer von bewaffneten Gruppen missbraucht. Niemand weiß, wie viele es sind. Manche Schätzungen gehen von bis zu 250.000 Kindersoldaten weltweit aus, aber Beweise gibt es nur in deutlich weniger Fällen. Aber es gibt auch Fortschritte: Rund 65.000 ehemalige Kindersoldaten konnten in den vergangenen zehn Jahren befreit werden.

Kindersoldaten weltweit: Karte mit Ländern

19.000 Kindersoldaten kämpfen in Südsudan

In Südsudan, dem jüngsten Staat der Erde, tobt seit Dezember 2013 ein blutiger Bürgerkrieg. Der Präsident und sein ehemaliger Stellvertreter, die zu verschiedenen Ethnien gehören, liefern sich einen erbitterten Machtkampf. Mehrere Waffenruhen wurden seitdem vereinbart, aber Frieden gibt es nicht. Tausende Menschen wurden getötet, Hunderttausende vertrieben – und schätzungsweise 19.000 Minderjährige wurden seit 2013 als Kindersoldaten rekrutiert.

WELTTAG GEGEN DEN EINSATZ VON KINDERSOLDATEN

Am 12. Februar 2002 trat das Zusatzprotokoll zur UN-Kinderrechtskonvention zum Verbot des Einsatzes von Kindern als Soldaten in Kraft, deshalb wird jährlich am 12. Februar der Welttag gegen den Einsatz von Kindersoldaten begangen. Bis heute sind ihm 167 Staaten beigetreten. Deutschland hat das Zusatzprotokoll im Dezember 2004 ratifiziert.

Das Abkommen hat weltweit Diskussionen angestoßen und Gesetzesänderungen bewirkt. Laut Zusatzprotokoll gilt die Rekrutierung von Kindern unter 15 Jahren als Kriegsverbrechen. Mädchen und Jungen unter 18 Jahren dürfen nicht gegen ihren Willen eingezogen werden oder an Kampfhandlungen teilnehmen. Das Zusatzprotokoll hat viel bewirkt und unter anderem dazu beigetragen, dass Verantwortliche erstmals vor dem Internationalen Strafgerichtshof angeklagt wurden.

So wurde 2012 der kongolesische Milizenchef Thomas Lubunga vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag wegen der Rekrutierung von Kindersoldaten zu 14 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt – ein wichtiges weltweites Signal. Auch Charles Taylor, der ehemalige Präsident von Liberia, wurde 2012 zu 50 Jahren Gefängnis verurteilt. Ihm wurde eine Reihe von Kriegsverbrechen zur Last gelegt, darunter der Einsatz von Kindersoldaten.

UNICEF-HILFE FÜR EHEMALIGE KINDERSOLDATEN

Der Weg zurück in ein normales Leben ist für ehemalige Kindersoldaten sehr schwer. Oft sind sie traumatisiert von dem, das sie erlebt haben – und selbst tun mussten. In manchen Fällen werden sie in ihren Familien und Dörfern als Mörder angesehen und können nur langsam wieder in die Gesellschaft integriert werden.

  • Wir setzen uns unermüdlich dafür ein, dass Kindersoldaten befreit werden und dass Regierungen Aktionspläne verabschieden und umsetzen, um neue Rekrutierungen zu verhindern.
  • UNICEF richtet Übergangszentren ein, in denen die Kinder und Jugendlichen bleiben können und medizinisch und psychologisch betreut werden. 
  • Wir helfen auch dabei, die Kinder und Jugendlichen wieder in die Schule zu bringen oder ihnen durch praktische Kurse verschiedene Arbeitsmöglichkeit nahe zu bringen – damit sie nicht bei nächster Gelegenheit und aus Mangel an Alternativen erneut als Kindersoldaten rekrutiert werden.
  • In Südsudan leistet UNICEF umfangreiche Nothilfe für die Flüchtlinge, versorgt sie mit Trinkwasser und richtet Kinderzentren und Notschulen ein.

Schützen Sie Kinder vor Gewalt und Ausbeutung!

Angst und Verzweiflung prägen den Alltag von Kindern, die als Kindersoldaten Arbeiter ausgebeutet, in Konflikten und Notsituationen traumatisiert oder missbraucht werden. Sie können dafür sorgen, dass diese Kinder gesetzlichen Schutz und professionelle Hilfe bekommen!

Euro
Kinderschutz

GESCHICHTEN VON FÜNF WEITEREN KINDERSOLDATEN

Kindersoldaten: Ein Mädchen posiert mit einem Spielzeug-Gewehr

© UNICEF/UN0149464/Sokhin

Ein Mädchen in der Zentralafrikanischen Republik posiert im November 2017 nach ihrer Freilassung mit einem Spielzeug-Gewehr. Nachdem ihr älterer Bruder getötet worden war, floh sie und schloss sich einer Miliz an, die übersetzt „Ohne Gnade“ heißt. „Ich holte Wasser für sie und Feuerholz zum Kochen. Ich habe auch viele andere Sachen für sie gemacht, so dass sie mich brauchten und nicht gehen lassen wollten. Jetzt gehe ich wieder zur Schule und versuche, alles zu vergessen. Manchmal möchte ich über das sprechen, was passiert ist, aber dann mache ich es doch nicht.

Kindersoldaten: Junior wurde von der Anti-Balaka-Miliz mitgenommen

© UNICEF/UN0149463/Sokhin

„Junior“, 16, aus der Zentralafrikanischen Republik erzählt: „Früher haben wir hier friedlich mit unseren muslimischen Nachbarn zusammengelebt, aber nach Dezember 2013 wurde alles anders. Eines Morgens waren plötzlich Schüsse zu hören. Wir sind in den Wald geflohen, mein Bruder und ich, zusammen mit allen Dorfbewohnern. Die Anti-Balaka-Miliz hat mich mitgenommen und gesagt, sie wollten mich beschützen. Aber die Wahrheit ist, sie wollten nur jemanden, der für sie arbeiten kann.

Nach zwei Monaten konnte ich weglaufen und zur gleichen Zeit hat das von UNICEF unterstützte Programm begonnen. Ich wurde aufgenommen. Manchmal frage ich mich, was aus mir geworden wäre, wenn ich nicht in das Programm gekommen wäre.“ Junior besucht ein von UNICEF unterstütztes Wiedereingliederungs-Zentrum für Kinder, die bei bewaffneten Gruppen waren. Sie können dort unter anderem Handwerkskurse besuchen.

Kindersoldaten: Ein 15-jähriges Mädchen vor einer Wand mit Handabdrücken

© UNICEF/UN0149414/Sokhin

„Gertrude“, 15 Jahre, sagt: „Ich ging zwei Jahre nicht zur Schule, weil die Seleka-Rebellen unser Dorf angegriffen haben und wir fliehen mussten. Mein Vater und mein Cousin wurden von den Rebellen getötet, als sie auf der Suche nach Nahrung waren. Das hat mich so wütend gemacht, dass ich mich der Anti-Balaka-Gruppe angeschlossen habe – da war ich zwölf. Ich habe für sie gekocht.

Ich bin froh, dass ich jetzt wieder zur Schule gehen kann, aber das Leben ist immer noch sehr hart. Wir sind acht Geschwister zu Hause, mein Vater ist tot und meine Mutter hat eine Behinderung. Mein Traum ist, dass ich ein bisschen Handel betreiben kann, vielleicht einen kleinen Laden eröffnen, damit ich meine Familie unterstützen kann.

Kindersoldaten: Leon geht wieder zur Schule und schreibt gerade an eine Tafel

© UNICEF/UN0149412/Sokhin

„Leon“, 13, geht inzwischen wieder zur Schule in der Zentralafrikanischen Republik. „Meine Mutter wurde von den Seleka-Rebellen getötet, als wir uns versteckt haben. Deshalb bin ich aus Rache zu den Anti-Balaka gegangen. Ich war noch sehr klein damals, erst zehn Jahre, deshalb haben sie mich eingesetzt, um die Gegend zu überwachen und sie zu warnen. Ich bin froh, dass ich wieder zur Schule gehen kann. Ich habe zwei Jahre versäumt, aber jetzt bin ich Klassenbester. Ich liebe die Schule so sehr, dass ich Lehrer werden möchte, dann kann ich mein ganzes Leben in einem Klassenraum verbringen.

Kindersoldaten: Der Hoffnungsträger Ishmael Beah zwischen lauter Kindern

© UNICEF/UN034138/Torgovnik/Verbatim Photo Agency

Vom Kindersoldat zum Hoffnungsträger: Ishmael Beah, hier bei einem Besuch seiner früheren Grundschule in Sierra Leone, hat ein Buch über seine Zeit als Kindersoldat geschrieben („Rückkehr ins Leben“) und setzt sich heute mit UNICEF dafür ein, dass Kinder in Konflikten geschützt werden und zur Schule gehen können. 

Kindheit braucht Frieden

Mit seiner Kampagne „Kindheit braucht Frieden“ ruft UNICEF Deutschland zur Unterstützung für Kinder im Krieg und auf der Flucht auf.

KOMMENTARE

  • anonym
    12. Juni 2018 12:58 Uhr

    Nur mit 'psycho-sozialer Hilfe', ohne trauma-fokussierte Kurzzeitpsychotherapie, zB Narrativer Expositionstherapie, wird die Reintegration and Rehabilitation der Kinder nicht voranschreiten.

  • anonym
    20. November 2017 20:37 Uhr

    Ich hoffe diese ganzen Kinder kommen über ihre schrecklichen Gedanken weg und können sich ein schönes neues Leben aufbauen ☺️

  • anonym
    11. Juni 2017 20:13 Uhr

    Ich selber würde wahrscheinlich zu einer Armee (vorausgesetzt sie begeht keine Verbrechen o.ä) gehen da ich zwar links aber dennoch militärisch motiviert bin. Allerdings würde ich nicht wollen das auch andere Jugendliche zur Armee gehen

  • anonym
    12. März 2017 15:09 Uhr

    Tom und seine FAMILEI sind inzwischen wiedervereint Rechtschreibung Korrigieren bidddeee

  • anonym
    26. Januar 2017 20:31 Uhr

    Ich finde sehr gut das ir die amen Kinder hilft

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