UKRAINE-KRISE: KATYA UND IHR TEDDYBÄR – FLÜCHTLINGE IM EIGENEN LAND
Montag, 17. August 2015, 09:32 Uhr
von Chris Schüpp | 0 Kommentare

In einem staubigen Hinterhof der ukrainischen Millionenstadt Charkiw befindet sich eine der vielen neuen Anlaufstellen für Flüchtlinge aus dem Osten des Landes. Hier spielen Kinder auf dem Hof, versuchen mit Hilfe eines langen Stocks und einer darauf montierten aufgeschnittenen Plastikflasche die ersten fast reifen Äpfel von dem großen schattenspendenden Baum zum pflücken.

Die Kinder heißen Alina, Julia, Dima und Vanja und nehmen, wenn sie nicht gerade mit Äpfelpflücken beschäftigt sind, in dieser Woche an einem The One Minutes Jr. Video-Workshop teil.

Ukraine: Gruppenfoto mit Workshop-Teilnehmern

Gruppenfoto mit Workshop-Teilnehmern und freiwilligen Helfern von der Flüchtlingsanlaufstelle "Dimitriyevska 29" in Charkiw.
© UNICEF/2015/Chris Schuepp

Verlorene Heimat

Insgesamt 20 Mädchen und Jungen aus den Provinzen Luhansk und Donetsk sind hier, um ihre Geschichten zu erzählen. Geschichten aus der Ukraine-Krise, dem umkämpften Osten des Landes aber auch Geschichten aus der Zukunft, Geschichten, auf die sie sich freuen oder die sie unbedingt erleben wollen. Die Kinder sind zwischen 9 und 14 Jahre alt und sie alle haben im vergangenen Jahr ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit dem Krieg gemacht.

Einige sind schon seit fast einem Jahr hier in Charkiw, andere sind erst seit gut einem Monat in Sicherheit. Sie alle verbindet, dass sie ihre Heimat verloren haben. Sie können nicht mehr in ihre Schulen gehen, haben Freunde verloren, Großeltern oder sogar einen Elternteil in der umkämpften Region zurückgelassen.

Die Flamme des Krieges

David aus Luhansk ist 11 Jahre alt. Der Spruch „Ich versteh’ die Welt nicht mehr!“ trifft auf ihn zu hundert Prozent zu. „Wieso verlieren Kinder ihre Eltern? Wieso verlieren Eltern ihre Kinder? Wieso verlieren wir unser Zuhause? Wieso brennen unsere Dörfer?“ Diese Fragen stellt sich David und damit beschreibt er genau das, was alle Flüchtlingskinder denken. Sie fragen sich nach dem Sinn des Krieges, danach, wieso Menschen überhaupt einen Krieg anfangen.

Am zweiten Workshop-Tag fängt David an zu basteln. Er schneidet Figuren aus buntem Papier aus, große und kleine, dazu Häuser und Autos und sein Text ist auch schon fertig. Die offenen Fragen eben, die er schon am ersten Tag im Kopf hatte. Und dann, beim Drehen am dritten Tag, geht alles in Flammen auf.

Meine Ausstellung

Margarita ist vor vier Monaten erst aus Luhansk nach Charkiw gekommen. Was sie in ihrer Heimatstadt gesehen hat, ähnelt dem, was David erlebt hat. Aber Margarita hat für ihren Film nicht gebastelt, sie hat gemalt. Und das, was sie der Welt mitteilen will, zeigt das 14 Jahre alte Mädchen in „Meine Ausstellung” (das Video musste aus urheberrechtlichen Gründen entfernt werden).

Wir wollen Frieden

Arina ist mit ihrer Familie aus Donetsk nach Sviatigorsk geflohen, wo sie zur Zeit lebt. Aber auch Sviatigorsk ist mittlerweile nahe an der Frontlinie der Kämpfe im Osten der Ukraine und die 12-jährige weiß nicht, wie lange sie überhaupt noch in ihrer neuen Heimat bleiben können. Arinas Filmidee ist relativ simpel, der Film jedoch umso aussagekräftiger.

Arina und vier andere Kinder aus dem Workshop sammeln Ziegelsteine in einem abrissreifen Haus nahe der Flüchtlingsanlaufstelle, wo wir das Filmseminar abhalten. Das Haus erinnert sie an die zerstörten Gebäude in Donetsk. Mit den Ziegelsteinen legen die Kinder ein russisches Wort aus drei Buchstaben: МИР. Zu Deutsch: Frieden.

Mein Teddy

Und dann ist da auch noch Katya. Das 12 Jahre alte Mädchen hat kaum etwas mitnehmen können bei ihrer Flucht aus Debaltsevo vor einem Jahr. Nur ihr geliebter Teddybär hat die Reise ins Ungewisse mitmachen dürfen. Er erinnert sie an ihre Heimat und ist ihr Symbol für Frieden.

Am Ende der Woche haben wir zusammen mit den Kindern in Charkiw 20 Filme geschrieben, gedreht und geschnitten. Es sind ein paar lustige Filme dabei, träumerische, poetische, aber auch einige nachdenkliche und teilweise sogar schockierende Ein-Minuten-Filme.

Damit die jungen Filmemacher auch in Zukunft ihre Geschichten erzählen können, lassen wir drei Kameras und einen Computer hier in der Flüchtlingsanlaufstelle, wo die örtliche Nicht-Regierungsorganisation „Ukrainische Grenzen“, mit der wir den Workshop durchgeführt haben, den Kindern auch in den kommenden Monaten die Möglichkeit geben kann, ihre neue Fähigkeiten unter Beweis zu stellen.

Ukraine: Flüchtlingsmädchen aus Donetsk und Luhansk beim Videodreh

Vier Flüchtlingsmädchen aus Donetsk und Luhansk üben weiter die Arbeit mit der Videokamera.
© UNICEF/2015/Chris Schuepp

Zahlen und Fakten zur Ukraine-Krise

Von dem gewaltsamen Konflikt in der Ostukraine sind laut UNICEF in der Ukraine mittlerweile rund fünf Millionen Menschen betroffen, ein Drittel davon (1,7 Millionen) sind Kinder. Fast 1,4 Millionen Menschen waren im Juli 2015 als Binnenflüchtlinge registriert, die meisten von ihnen suchen Zuflucht bei Verwandten und Bekannten in den ukrainischen Großstädten Charkiw, Dnepropetrovsk und Zaporozhiye nahe der Konfliktzone.

Seit Ausbruch der Kämpfe im März sind laut der Weltgesundheitsorganisation WHO 68 Kinder durch Waffengewalt zu Tode gekommen, fast 200 sind verletzt worden. Viele Kindergärten und Schulen sind zerstört oder wegen andauernder Kampfhandlungen bis auf weiteres geschlossen.

UNICEF-Hilfe vor Ort

Mit Ihrer Unterstützung stellt UNICEF den Kindern und ihren Familien sauberes Trinkwasser und Medikamente zur Verfügung. Helfer-Teams liefern Schulmaterial und unterstützen bei der Ausbildung von Schulpsychologen, die vom Konflikt betroffene Kinder und ihre Familien betreuen. Doch wir müssen noch mehr Mädchen und Jungen erreichen. Helfen Sie mit?

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