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Gut zu wissen

Die Welt und die Zukunft aus den Augen von Kindern sehen

Um die Zukunft unseres Planeten und damit um unsere eigene Zukunft wird es in den nächsten Tagen in Glasgow gehen. Vom 31. Oktober bis zum 12. November treffen sich in Schottland die Staats- und Regierungschefs der Welt und viele Fachleute zur UN-Klimakonferenz 2021. Der Ausgang der Konferenz wird mit Spannung erwartet, denn die Vereinbarungen der COP26 werden tiefgreifende Auswirkungen haben – vor allem auf das Leben aller Kinder weltweit. 

Freitag, 29.10.2021, 15:00 Uhr

von Jenifer Stolz  •  0 Kommentare

Kurz vor der UN-Klimakonferenz haben Prof. Dr. Antje Boetius, Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung und Mitglied im Deutschen Komitee für UNICEF, und Christian Schneider, Geschäftsführer von UNICEF Deutschland, über die Folgen der Klimakrise für Kinder gesprochen. Sie haben auch darüber nachgedacht, was die Politik jetzt dringend tun muss. 

Ein Gespräch über globale Verantwortung, Generationengerechtigkeit und Zukunftsfähigkeit, ein Bekenntnis zu nachhaltiger Entwicklung und ein gemeinsamer Aufruf zur Rettung unserer Welt – für Kinder und mit ihnen gemeinsam.

Porträt Prof. Dr. Antje Boetius

„Wir haben nur noch ein kleines Fenster, um die Klimakrise einigermaßen zu beherrschen und um unseren Kindern und Enkelkindern eine Zukunft zu hinterlassen, die nicht ihre Lebensqualität und Freiheitsrechte fundamental einschränkt.“ 

Prof. Dr. Antje Boetius, Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung und Mitglied im Deutschen Komitee für UNICEF

Frau Prof. Dr. Boetius, gelingt es der Wissenschaftlerin, in drei Sätzen zusammenzufassen, was Sie den Teilnehmer*innen der COP-Konferenz in Glasgow zum Thema Klimawandel zurufen würden?

Prof. Dr. Antje Boetius: Ich werde selbst in Glasgow sein, weil diese Klimaschutz-Deadline nach Paris 2015 ein sehr entscheidender Moment in unserer Menschheitsgeschichte ist. Wir haben wirklich nur noch ein kleines Fenster, um die Klimakrise einigermaßen zu beherrschen und um unseren Kindern und Enkelkindern eine Zukunft zu hinterlassen, die nicht ihre Lebensqualität und Freiheitsrechte fundamental einschränkt. Wenn wir diese Chance nicht nutzen, werden wir eine Erderwärmung von deutlich über 2 Grad Celsius haben. Darauf folgen Chaos, Verlust und Zerstörung – in unvorstellbarer Weise. Deshalb müssen die Staaten jetzt gemeinsam handeln und auf der Klimakonferenz ausreichend Maßnahmen präsentieren, um die Erderwärmung zu stoppen. Dabei spielen auch Fragen der Finanzierung und des Naturschutzes eine wesentliche Rolle.

Nicaragua: Junge schützt sich mit Regenstuhl vor Starkregen

Nicaragua, November 2020: Ein Kind schützt sich mit einem Plastikstuhl vor starkem Regen. An dieser Stelle stand das Haus seiner Familie, das den Hurrikan Iota zerstört wurde.

© UNICEF/UN0372375/Ocon/AFP-Services

Herr Schneider, in welchem Maße bedroht denn der Klimawandel Kinder und Jugendliche weltweit? Und welche Auswirkungen haben klima- und umweltbedingte Gefahren, Schocks und Belastungen schon heute auf junge Menschen?

Christian Schneider: Es ist erschreckend, wie stark das Leben der heutigen Kinder in vielen Ländern bereits jetzt durch die Klimakrise bestimmt wird. Der Klima-Risiko-Index für Kinder, den wir im August erstmals vorgestellt haben, hat gezeigt, dass nahezu jedes Kind auf der Welt mindestens einer Form von klima- und umweltbedingten Gefahren, Schocks und Belastungen ausgesetzt ist. Dazu gehören beispielsweise Wirbelstürme, Überschwemmungen, aber auch Wasserknappheit oder Luftverschmutzung.

Extrem stark gefährdet sind vor allem Kinder in Ländern, in denen sich mehrere Klimaereignisse überschneiden und in denen die Grundversorgung zum Beispiel im medizinischen Bereich oder der Zugang zu sauberem Wasser und Nahrung schlecht ist. Das betrifft derzeit etwa eine Milliarde Kinder – fast die Hälfte aller Mädchen und Jungen.

Für Kinder sind die Folgen des Klimawandels oder Umweltbelastungen allein aufgrund ihrer körperlichen Entwicklung besonders lebensbedrohlich. So sind sie zum Beispiel im Vergleich zu Erwachsenen anfälliger für giftige Chemikalien, Temperaturschwankungen oder Krankheiten.

Christian Schneider

 „Die älteren Generationen müssen dringend mehr Verantwortung übernehmen, damit junge Menschen eine lebenswerte Zukunft haben.“

Christian Schneider, Geschäftsführer UNICEF Deutschland

Ist der Schutz des Klimas auch eine Frage der Generationengerechtigkeit?

Christian Schneider: Ganz klar ja. Millionen Kinder spüren ja schon heute die Auswirkungen des Klimawandels. Viele von ihnen stellen sich deshalb zurecht die Frage „Was liegt da vor mir?“. Für die jungen Menschen hat diese Frage eine ganz andere Dringlichkeit als für die Älteren, denn sie haben ihr ganzes Leben noch vor sich. Und dieses Leben wird entscheidend von den Folgen des Klimawandels bestimmt sein – wenn wir nicht dringend dagegen steuern.

Dazu gehört vielleicht in einem ersten Schritt, die Welt und die Zukunft aus den Augen der heutigen Kinder und kommenden Generationen zu sehen, die in einer Welt leben werden, die durch unsere heutige Art zu leben und unsere aktuellen Entscheidungen geprägt sein wird. Kinder sind für den Anstieg der globalen Temperaturen am wenigsten verantwortlich, doch sie werden den höchsten Preis dafür zahlen. Die älteren Generationen müssen dringend mehr Verantwortung übernehmen, damit junge Menschen eine lebenswerte Zukunft haben.

Elfenbeinküste: Kinder spielen mit Plastikmüll am Strand

Im Süden der Elfenbeinküste spielen Kinder an einem mit Plastikmüll verschmutzten Strand.

© UNICEF/UNI286720/Dejongh

Prof. Dr. Antje Boetius: Vielleicht darf ich Ihnen dazu eine kurze Geschichte erzählen: Ein kleiner Junge, der sich einen Vortrag von mir anhörte, stellte die Frage im Publikum, vor welches Gericht denn die Fische im Ozean ziehen könnten, um den Schutz ihres Lebensraums einzufordern und um die Leute anzuzeigen, die ihr Zuhause zerstören würden. Die Erwachsenen im Saal lachten und der Junge wurde sehr wütend und sagte: „Ihr müsst nicht lachen. Ihr nehmt uns unsere Zukunft.“

Wenn wir über den Klimawandel und die Umweltzerstörung sprechen, dann geht es immer auch um die großen Fragen von Chancen auf eine Zukunft, für die, die keine Stimme, kein eigenes Recht haben. Es geht um das Verhältnis zwischen den Generationen, zwischen Arm und Reich und dem Verhältnis von uns Menschen zur Natur.

Arktis: Mädchen steht auf Eisscholle

Das anomale Schmelzen des arktischen Eises ist eine der vielen Auswirkungen der globalen Erwärmung, die schwerwiegende Auswirkungen auf das Leben von Menschen und Tieren hat.

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Wir müssen dringend Maßnahmen ergreifen, um den Klimawandel zu stoppen, weil sonst einige Folgen des sich verändernden Klimas unumkehrbar sind. Wie kann das gelingen?

Prof. Dr. Antje Boetius: Für die Idee, dass auf unserem Planeten ein gutes Leben für alle Menschen möglich wäre, wenn wir es richtigmachen, müssen wir alle weiter eintreten. Die Agenda 2030 mit ihren nachhaltigen Entwicklungszielen zeigt uns, wie wir diese Idee verwirklichen können, indem wir beispielsweise Maßnahmen zum Klimaschutz ergreifen, für das Leben über und unter Wasser. Denn zu unserem eigenen Leben und Überleben gehören auch das Klima, unsere Ozeane, Wälder und Tiere. Das wird von uns Menschen gerade in den industrialisierten Nationen oft vergessen. Wir können uns gar nicht so sehr technisch rüsten, dass wir auf die Natur verzichten könnten.

Deshalb muss es um zwei Dinge gehen: Erstens müssen wir ehrlich darüber sein, was auf uns zu kommt, und zweitens zeigen, welche Möglichkeiten wir haben, ökologische, ökonomische und soziales Gleichgewicht anzusteuern. Das ist die Aufgabe, der wir uns stellen müssen, für ein nachhaltiges Leben.

Bolivien: Klimaschutzaktivistin hält Schild hoch

Nina (17 Jahre) aus Bolivien engagiert sich für den Schutz den Klimas. Sie sagt: „Die Natur braucht uns nicht. Wir brauchen die Natur und wir zerstören sie.“

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Was kann und muss jetzt am dringendsten und konkret zum Schutz des Klimas getan werden?

Prof. Dr. Antje Boetius: Nur wir Menschen können die Probleme lösen, die wir selbst verursacht haben. Wir haben das Wissen dazu. Wenn wir uns die Fakten hinter der Klimaerwärmung anschauen, dann sehen wir, dass die enorme Zunahme des CO2-Gehalts in der Atmosphäre vorwiegend aus der Nutzung fossiler Brennstoffe kommt und Ozean und Pflanzen einfach nicht so viel aufnehmen können wie wir emittieren. Die Konsequenz ist die zunehmende Belastung der Atmosphäre

Das heißt, wir kennen die große Stellschraube, an der wir drehen müssen, um Zeit zu gewinnen und die Erderwärmung zu verlangsamen. Das gelingt uns nur durch die Reduktion von Treibhausgas-Emissionen, vor allem durch den Ausstieg aus Kohle und den Einstieg in regenerative Energien. Dazu braucht es Energie-Allianzen, und einen Rahmen, in dem Klimaschutz belohnt wird und klimaschädigendes Handeln teuer und unbequem wird – und nicht umgekehrt sowie jetzt noch.

Mir tut es manchmal unglaublich weh, dass wir so viel Wissen haben und dass wir nicht vorankommen mit den großen Lösungen. Wenn jetzt in Glasgow alle Staaten ihre Zielvereinbarungen vortragen, dann wird noch einmal bestätigt werden, dass die Ziele nicht gehalten werden können – wider besseres Wissen. Einfach weil der Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen nicht schnell genug kommt. Es fehlte Jahrzehnte lang der Ehrgeiz, nun fehlen die Infrastrukturen für die Transformation. Das tut wahnsinnig weh, sich das vorzustellen, was wir dadurch verlieren an Natur, an Menschenleben.

Junge zeigt mit Stift auf Schultafel

Investitionen in die Bildung junger Menschen im Bereich Klima- und Umweltschutz müssen erhöht werden.

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Christian Schneider: Es ist genau so: Nur die konsequente Senkung der Treibhausgas-Emissionen kann den Klimawandel stoppen. Doch ich möchte hinzufügen: Der Bremsweg ist selbst bei raschen Entscheidungen der Politik bereits so lang, dass darüber hinaus sofort und dringend mehr in die Anpassung der Lebensbedingungen von Kindern an die Veränderungen in ihrer Umwelt investiert werden muss. Ebenso laut müssen wir darauf drängen, jetzt, heute, die Widerstandskraft der Kinder zu stärken, indem wir ihre Ernährung und gesundheitliche Versorgung verbessern, ihren Zugang zu Wasser sichern, indem wir ihnen ermöglichen, durch Schulbildung zu verstehen, was mit der Erde passiert – auch um selbst handeln zu können.

Chile: Junge sitzt in der Natur

„Ohne eine gesunde Umwelt, sind all unsere Rechte bedroht“, sagt der 12-jährige Dante aus Chile.

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Wie bewerten Sie vor diesem Hintergrund die derzeitigen Koalitionsverhandlungen zum Thema Klima?

Christian Schneider: Bislang wissen wir dazu nur, dass sich die drei Parteien in den Sondierungsgesprächen für einen gemeinsamen Weg zum Klimaschutz ausgesprochen haben. In dem Mitte Oktober vorgelegten Sondierungspapier haben sie sich beispielsweise zum 1,5-Grad-Ziel und zur Einhaltung der Verpflichtungen zur internationalen Klimafinanzierung bekannt. Das ist ein guter Ansatz, doch am Ende kommt es darauf an, wie diese Bekenntnisse im Koalitionsvertrag ausformuliert sind. Welche Auswirkungen der Klimawandel insbesondere auf Kinder hat, darüber haben wir bereits gesprochen. Deshalb sollte sich die neue Bundesregierung ganz klar zu einer globalen und nationalen, auf das Wohl und die Rechte von Kindern ausgerichteten Politik in den Bereichen Klima, Umwelt und Nachhaltigkeit bekennen und dies auch in aller Deutlichkeit so im Koalitionsvertrag formulieren.

Vietnam: Mädchen fährt mit Fahrrad

Starke Taifune und Überschwemmungen richten auch in Vietnam häufig schwere Schäden an.

© UNICEF/UN0355807/Viet Hung

Junge Menschen trifft das, was gestern und heute versäumt wurde und wird, in der Zukunft besonders hart. Sie sagen daher beide, dass Kinder und Jugendliche die wichtigsten Partner sind, um den notwendigen Wandel herbeizuführen.  Was meinen Sie damit konkret?

Prof. Dr. Antje Boetius: Viele Jugendliche, mit denen ich spreche, wissen genau, was für sie auf dem Spiel steht. Sie wissen, dass Sie vielleicht schon in wenigen Jahrzehnten eine Arktis sehen werden, die im Sommer eisfrei ist, dass sie kaum mehr gesunde Korallenriffe erleben werden. Sie wissen, dass zu ihren Lebenszeiten viele Arten aussterben, dass so viele Menschen Vertreibungen und Verluste der Heimat erleben werden. Sie wollen verhindern, dass ihr Leben von einer Klimakrise gezeichnet wird, für die sie keine Schuld tragen.

Spanien: Junge sammelt Müll in Natur

Der 17-jährige Juan aus Spanien sammelt in seiner Freizeit Müll, um die Umwelt zu schützen.

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Christian Schneider: Regierungen, Unternehmen, Kommunen, Schulen, jeder und jede von uns kann etwas für eine gerechte und nachhaltige Zukunft geben. Die Bewältigung der Klimakrise erfordert das Handeln von uns allen. Kinder und Jugendliche müssen deshalb Teil der Lösung sein.

Dass sie etwas verändern wollen und können, dass zeigen uns junge Menschen überall auf der Welt. Mit ihrem anhaltenden Protest haben junge Klimaaktivisten in den vergangenen drei Jahren schon viel bewirkt. Und rund um den Globus sind Kinder und Jugendliche aktiv, um Projekte voranzutreiben, über Klimawandel und Umweltgefahren aufzuklären, Veränderungen in ihren Gemeinden zu bewirken.

Deshalb lautet mein Appell an die jungen Menschen, gerade jetzt nicht nachzulassen. Und unsere Forderung an die Politik lautet, Kinder und Jugendliche aktiv zu unterstützen und bei politischen Entscheidungen einzubeziehen. Es geht schließlich um ihre Zukunft, die sie mitgestalten wollen.

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