ALLES ANDERE ALS NORMAL
Donnerstag, 16. Mai 2019, 08:09 Uhr
von Susanne Nandelstädt | 0 Kommentare

WIE KINDER HEUTE IN DER OST-UKRAINE AUFWACHSEN

Einschusslöcher in den Fenstern der Klassenzimmer, gefährliche Fahrten mit dem Schulbus, Bomben-Schutzräume in Kellern und nicht explodierter Sprengstoff in Schulhöfen: Das ist heute der Alltag vieler Kinder in der Ost-Ukraine.

"Manchmal bringen wir unser Spielzeug hierher, damit das Warten nicht so langweilig wird", sagt Lera (10) über die Schutzübungen an ihrer Schule. Während der wöchentlichen Übungen im Bunker unterhalb des Schulgebäudes lernen die Kinder, was sie tun müssen, wenn die Schule beschossen wird.

Im Bunker: Ein Mädchen sitzt während einer Schutz-Übung im Keller ihrer Schule.

© UNICEF/UN0150819/Gilbertson VII Photo

Hintergrund: 5 Jahre Ukraine-Krise 

Die Kinder und ihre Familien in der Ost-Ukraine leben gefährlich, denn die Ost-Ukraine ist heftig umkämpft: Seit mehr als fünf Jahren dauert der bewaffnete Konflikt dort bereits an. Immer wieder gibt es Waffenstillstände, die aber nicht lange eingehalten werden. Manche Regionen werden von der ukrainischen Regierung kontrolliert und sind pro-westlich orientiert. Andere Gebiete dagegen werden von pro-russischen Separatisten unterstützt. Immer wieder werden bei den Kämpfen zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen auch Schulen heftig beschossen.

Mehr als 400.000 ukrainische Mädchen und Jungen gehen an vorderster Front zur Schule. Ihre Schulgebäude stehen direkt in der Schusslinie. Die anhaltenden Kämpfe hinterlassen Spuren in den Seelen der Kinder. Nachts können sie nicht schlafen, weil in ihrer Nähe Granaten fallen und laute Explosionen verursachen.

Lernen Sie heute in diesem Blogbeitrag noch mehr Kinder wie Lera kennen, die – so wie andere Mädchen und Jungen auch auf der Welt – in Sicherheit zur Schule gehen möchten. Und die gleichzeitig doch weit entfernt sind von einem normalen, friedlichen Leben.

Masha (11) und Yura (9)

Ukraine: Die Geschwister Yura und Masha auf dem Weg zur Schule.

© UNICEF/UN0263670/Morris VII Photo

Masha und ihr Bruder Yura leben mit ihren Eltern und ihrem kleinen Bruder in der Stadt Novotoshkivske in der Ost-Ukraine. Yuras Lieblingsfächer sind Englisch und Informatik. Wenn die Schule aus ist, sammelt er gerne Kastanien und spielt Verstecken im Park. Seine Schwester Masha liebt es zu lesen. Mathe ist ihr Lieblingsfach. Wenn sie erwachsen ist, möchte sie Sängerin werden.

Masha und Yura sind Kinder wie alle anderen. Außer ...

Nach dem Beschuss: Masha in ihrem zerstörten Klassenzimmer.

© UNICEF/UN0243152/Morris VII Photo

... außer dass im Januar 2015 ihr Schulgebäude zerstört wurde, als es von einem Panzer beschossen wurde. Die Geschwister wohnen direkt neben der Schule. "Nicht nur die Schule, sondern die ganze Stadt wurde beschossen. Ich war gerade mit meiner Oma zu Hause, als der Beschuss losging. Vor lauter Angst habe ich mich im Badezimmer versteckt. Der schrecklichste Moment war, als die Fenster im Wohnzimmer kaputtgingen. Es war so laut, dass ich danach noch eine Weile nichts mehr hören konnte", sagt Masha über den Angriff und fügt hinzu, dass sich ihre Ohren noch lange danach wie verstopft angefühlt hätten.

Ihr jüngster Bruder fange seitdem jedes Mal an zu weinen, wenn er laute Geräusche höre, erzählt die 11-Jährige weiter. Sie bringt ihm Süßigkeiten und versucht ihn zu trösten. Sie sagt ihm, er solle sich keine Sorgen machen. Und dass die Angriffe "nur Erwachsene sind, die ihre Spiele spielen".

Artyom (10)

Artyom lebt mitten in dem Krisengebiet der Ukraine.

© UNICEF/UN0243035/Morris VII Photo

Artyom lebt mit seiner Familie in der Stadt Mayorsk, ganz nah an der so genannten "Kontaktlinie" – also der Grenze im Osten der Ukraine zwischen den von der Regierung und den von regierungsfeindlichen Gruppen kontrollierten Gebieten. Der 10-Jährige liebt Fußball. Der FC Barcelona ist seine Lieblingsmannschaft. Wenn er groß ist, sagt Artyom, würde er gerne für die lokale Fußball-Mannschaft spielen.

Zu Hause darf er fernsehen, aber vorher muss er seine Hausaufgaben und kleinen Arbeiten im Haushalt erledigt haben. Im Winter spielt er gerne mit seinen Freunden im Schnee. Sie haben zwar keine Schlittschuhe, aber haben sich im vergangenen Winter zusammen in der Stadt eine kleine Eisbahn gebaut.

Artyom ist ein Kind wie jedes andere. Außer ...

Artyom hat ein Stück Schrapnell in seinem Rücken.

© UNICEF/UN0243147/Morris VII Photo

... außer dass er ein Stück Schrapnell in seinem unteren Rücken hat. Die Ärzte haben drei weitere Stücke aus seinem Rücken entfernt. Während Artyom im September 2014 draußen auf dem Hof nebenan spielte, schlug nur wenige Meter von ihm entfernt ein Mörser ein. Artyom lebt genau in der Region der Ost-Ukraine, wo die Kämpfe am schlimmsten sind. Seit dem Beschuss damals hat Artyom immer noch starke Kopfschmerzen. Mehrmals monatlich muss er zum Arzt, um sein Sehvermögen überprüfen zu lassen.

Diana (14)

Ost-Ukraine: Diana fährt mit dem Schulbus zur Schule.

© UNICEF/UN0243115/Morris VII Photo

Auch Diana lebt mit ihrer Mutter an der "Kontaktlinie". Sie fährt mit dem Schulbus zur Schule. Später möchte sie als Kindergärtnerin arbeiten. "Ich kümmere mich gerne um Kinder. Ich komme sehr gut mit ihnen klar", erzählt sie.

Diana ist ein Kind wie jedes andere. Außer ...

Diana ist zwei Stunden unterwegs zu einer sicheren Schule.

© UNICEF/UN0243118/Morris VII Photo

... außer dass sie jeden Tag um 5.30 Uhr aufsteht und zwei Stunden unterwegs ist, um in eine sichere Schule zu gelangen. Ihre alte Schule in Horlivka wurde beschossen. Jetzt fährt sie immer in das Dorf Opytne. Auf dem Weg zur Schule muss sie einen Checkpoint passieren. Ihre Freunde aus der Schule dürfen Diana nicht zuhause besuchen, weil es zu gefährlich ist. Dianas Mutter sagt, dass die Familie zuhause immer nur das Nötigste benutzt. Alles andere lassen sie zusammengepackt, falls sie schnell fliehen müssten. "Unsere Taschen sind fertig gepackt, damit wir sofort gehen können, wenn es wirklich gefährlich wird", sagt sie.

Sonya (16)

Sonya lebt in Mayorsk in direkter Nähe zur Front.

© UNICEF/UN0243137/Morris VII Photo

Sonya (Mitte) lebt mit ihrer Mutter und ihrer kleinen Schwester zusammen. Sie möchte Staatsanwältin werden, wenn sie erwachsen ist. Oder vielleicht Richterin, ergänzt ihre Mutter. Sie leben in einem Wohnblock in Mayorsk, in direkter Nähe zur Front. Früher spielte Sonya mit ihren Freunden Verstecken oder suchte im Wald nach Stöcken, die sie als Torpfosten zum Fußballspielen nutzte.

Sonya ist ein Kind wie jedes andere. Außer ...

Sonya kann nicht mehr in Sicherheit draußen mit ihren Freunden spielen.

© UNICEF/UN0243132/Morris VII Photo

... außer dass es jetzt zu gefährlich für sie ist, um weiterhin mit ihren Freunden im Wald zu spielen. "Es gibt nur noch einen einzigen Fußballplatz, auf dem wir spielen können. Sonst können wir nirgendwo mehr hingehen, weil überall Minen im Boden sind", sagt sie. Sonya und ihre Familie zogen von Mayorsk weg, als die Kämpfe am schlimmsten waren, aber sie kehrten Ende 2017 zurück.

Sonya war bei ihrer Rückkehr schockiert, als sie ihren früheren Wohnblock wiedersah: "Ich habe den Ort gar nicht mehr wiedererkannt – alles sah völlig anders aus", erzählt sie. Die Fenster waren zerbrochen und der Boden war übersät mit Minen und Blindgängern.

Dima (15)

Dima lebt in einem Dorf in der Ost-Ukraine.

© UNICEF/UN0243117/Morris VII Photo

Der 15-jährige Dima lebt mit seinen Eltern am Rande eines Dorfes namens Bakhmutka. Er ist sehr sportlich: In der Schule spielte er früher sehr gerne Volleyball. Und nach der Schule kickte er gerne mit seinen Freunden. Dima liebt Tiere – besonders Hunde – und träumt davon, später Tierarzt zu werden.

Dima ist ein Kind wie jedes andere. Außer ...

Mit dem Fahrrad transportiert Dima Wasser nach Hause.

© UNICEF/UN0243144/MORRIS

... außer dass er nah an der Front lebt und an den meisten Tagen Artillerie-Beschuss hört. Er sagt, er habe sich daran gewöhnt, so zu leben. Seine Mutter dagegen erzählt, dass er oft sehr nervös sei, seit der Konflikt ausbrach. Und dass er manchmal nachts schreiend aufwacht und "Stop! Stop! Stop!" ruft.

Das Wasser holt Dima aus einem Brunnen im Dorf, weil die Wasserleitungen kaputt sind. Über jüngere Kinder, die während des Konflikts geboren wurden, sagt Dima: „Sie wachsen mit dem Klang von Beschuss auf. Sie haben gar keine richtige Kindheit. Ich habe die Ukraine wenigstens noch als friedliches Land kennengelernt, als ich kleiner war."

Edik (13)

Der Konflikt in der Ukraine hat Ediks Leben radikal verändert.

© UNICEF/UN0243126/Morris VII Photo

Edik lebt mit seiner Mutter, seinem Vater und seiner kleinen Schwester in einer Wohnung im Zentrum von Bakhmutka. Früher hat er gerne mit seinen Freunden draußen Zeit verbracht. Sie haben Fußball gespielt oder spielten im Wald. Sein Berufswunsch steht jetzt schon fest: Polizist möchte er werden, wenn er erwachsen ist.

Edik ist ein Kind wie jedes andere. Außer ...

Edik geht täglich zu einer Wasserstelle und holt Wasser für seine Familie.

© UNICEF/UN0243123/Morris VII Photo

... außer dass es für ihn schwierig ist, zur Schule zu kommen. Seine frühere Schule in Horlivka wurde beschossen. Als die Kämpfe in der Ost-Ukraine am heftigsten waren, verpasste Edik ein ganzes Schuljahr. Jetzt fährt er täglich mit dem Bus in eine sicherere Schule, die weiter entfernt ist von der Front. Die Fahrt dorthin ist lang und mühsam, denn die Straßen haben tiefe Schlaglöcher. Vor allem aber ist die Fahrt gefährlich: Einmal wäre der Bus fast von einer Granate getroffen worden, die ein tiefes Loch in der Straße hinterließ.

"Ich habe keine anderen Kinder mehr zum Spielen in meiner Nähe", beschreibt Edik seinen Alltag. "Früher lebten sechs andere Kinder in meinem Block, aber sie sind alle weggezogen." An den Nachmittagen hilft er jetzt meistens beim Putzen. Oder er holt mit seinem Vater Wasser aus einem Brunnen. 20 Eimer voll Wasser braucht seine Mutter zum Beispiel für jeden Waschgang. "Ich bin oft müde, aber für meine Mutter ist es auch hart. Und wenn ich alles erledigt habe, habe ich immer noch ein bisschen Zeit zum Spielen."

Sasha (9)

Sasha kuschelt mit ihrem Lieblingskätzchen Mitiay.

© UNICEF/UN0243127/Morris VII Photo

Sasha sagt, dass sie die Schule nicht besonders mag und lieber zuhause bleiben würde – bei ihrer Mutter und ihren sechs Kätzchen. So wie Edik lebt auch Sasha in Bakmuthka in der Region Donezk, zusammen mit ihren Eltern und ihrer älteren Schwester. Am liebsten würde sie den ganzen Tag mit ihren Freunden spielen, zum Beispiel Verstecken. Oder Zeichentrick-Filme im Fernsehen gucken. Nachts kuschelt sie mit ihrem Lieblingskätzchen Mitiay und einem riesigen Teddybären namens Bublik. 

Sasha ist ein Kind wie jedes andere. Außer ...

Sasha lebt gefährlich nah an der Front in der Ost-Ukraine.

© UNICEF/UN0243129/Morris VII Photo

... außer dass während der Hochphase des Konflikts mehrere Granaten auf ihrem Nachbarhaus landeten. Und dass Sasha auch heute noch gefährlich lebt, denn die Fahrt zur Schule ist auch für sie alles andere als einfach. Die Strecke im Bus führt sie ganz nah an der Front entlang. Während der Fahrt ist Sasha in unmittelbarer Reichweite der Granaten. "Letztes Jahr gab es wirklich heftige Kämpfe. Manche Granaten flogen über unser Haus und schlugen in der Nähe ein", erzählt Sashas Mutter. "Mein Mann packte uns und brachte uns in den Keller. Zwei Nächte lang mussten wir dort bleiben."

Sashas Mutter sagt, dass Kinder in der Gegend heute gar keine richtige Kindheit mehr haben. "Wenn Kinder spielen, spielen sie Kriegsspiele oder Rollenspiele mit Kontrollpunkten und Soldaten", berichtet sie. "Sie werden so schnell erwachsen und wissen alles über den Krieg: Welche Waffen eingesetzt, wann und wo sie abgefeuert werden." 

UNICEF-HILFE IN DER OST-UKRAINE

Die Kinder in der Ost-Ukraine sind zufällig in diesen Konflikt hineingeraten. Sie verdienen unseren Beistand und unsere Unterstützung. UNICEF fordert die Regierung der Ukraine immer wieder dazu auf, die Mädchen und Jungen in dieser Krise besonders zu schützen. UNICEF hilft in der Ost-Ukraine, ...

  • dass Kinder wie Lera Schulmaterial bekommen. 
  • dass Kinder wie Artyom medizinisch versorgt werden.
  • dass Kinder wie Edik sauberes Trinkwasser erhalten.
  • dass Jungen wie Dima mit Psychologen über ihre Alpträume sprechen können. 

Wir müssen in der Ost-Ukraine noch viel mehr Kinder erreichen. Dafür brauchen wir weiterhin Spenden. Helfen Sie mit? 

Dieser Blog wurde für Sie übersetzt und adaptiert. Er erschien im englischen Original von Cathy Otten.

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