EIN ZELT, EIN ZUHAUSE

7. März 2013 von Christian Schneider 0 Kommentare

Der Krieg bleibt draußen. Nur ein paar Millimeter Zeltplane trennen den kleinen Ort der Sicherheit, der Ruhe, der Freundlichkeit von dem Stress, dem Lärm, der Angst, der Frustration, die inzwischen sicher über 85.000 Flüchtlinge aus ihrer syrischen Heimat mit in das Flüchtlingslager Za’atari gebracht haben. Manche sagen, es sind vielleicht schon 150.000.

Am Rande des Lagers, auf hartem Schotter, mit Blick auf das harsche, baumlose, trockene Nichts dieses Landstrichs, hat Mariam* für ihre Familie ein paar Quadratmeter Sicherheit und Ordnung geschaffen – ein Flüchtlingszelt, vielleicht ein Zuhause für viele Monate.

Wie schafft es ein Mensch, nach vielen Wochen inmitten der Gewalt, nach der Flucht ins Ungewisse einen Besucher mit einem derart strahlenden Lächeln zu begrüßen? Und wie gelingt es der jungen Frau, aus dem staubigen, schmutzigen Nichts eines überbordenden Camps eine kleine, saubere, aufgeräumte Oase zu schaffen? Diese Bemühungen der kleinen Familie machen für mich einerseits das Grauen des nur gut zehn Kilometer entfernt tobenden Bürgerkriegs fast vergessen. Gleichzeitig sind sie gerade hier, gerade angesichts des immer stärker anschwellenden Flüchtlingsstroms besonders anrührend.

Eine Plastikplane und dünnes Vlies bedecken den Boden. Die Matratzen sind ordentlich an den Zeltwänden entlang ausgerichtet, penibel die wenigen Decken gestapelt. Die restliche Habe findet in ein paar Kartons Platz. „Ich konnte die Bomben, die Schüsse, die ständige Angst nicht mehr ertragen“, sagt Mariam.

Vor gut einem Monat sind sie geflohen aus ihrem Dorf in der Nähe der Stadt Dar’aa, die gleich hinter dem Horizont hinter der Grenze nach Syrien liegt. Dort flammte vor jetzt zwei Jahren erstmals auf, was bis heute als erbarmungsloser Konflikt über 70.000 Menschenleben forderte.

Töchterchen Aya (3) und Sohn Aiman (5) liefen mit Mariam und ihrem Mann los. Zwei Tage und zwei Nächte waren sie unterwegs, zusammen mit einigen anderen aus dem Dorf, die jetzt im Lager wieder ihre Zelte in der Nachbarschaft aufgeschlagen haben und nun wie ich zu Besuch sind. Die Nähe, die Vertrautheit der Nachbarn hilft gewiss. Im Gespräch bricht plötzlich eine der Frauen in Tränen aus, als sie an die Zerstörung denkt. Sie empfindet die Lage als aussichtslos, glaubt, dass sie niemals zurückkehren können.

Dabei wollen alle, die an diesem Nachmittag in Mariams Zelt zusammensitzen, zurück in die Heimat. Nur, wer kann ihnen verdenken, dass ihnen nach zwei Jahren, die dieser Konflikt nun andauert, nach Monaten voller Angst, nach dem Verlust von Angehörigen und der Aufgabe all ihrer Habe allmählich die Zuversicht ausgeht?

Und jeden Tag kommen hier im Lager zwischen 2000 und 3500 weitere verzweifelte Menschen an, die aus der Heimat Schreckensnachrichten mitbringen, die noch einige weitere Tage weiter ausgeharrt haben, die auf der Flucht ins Kreuzfeuer geraten sind, Angehörige zurücklassen mussten. Allein hier in Za’atari ist seit meinem ersten Besuch im vergangenen Herbst eine Großstadt entstanden, muss UNICEF gemeinsam mit vielen Partnern wie dem THW täglich zusätzlich Tausende zumindest mit Trinkwasser versorgen, mit einer Toilette, mit Medikamenten – mit allem, was der Mensch zum Überleben braucht. Eine Million Flüchtlinge sind es in diesen Tagen, damit ist kaum noch Schritt zu halten. Und das sind die Menschen, die es außer Landes geschafft haben. Innerhalb Syriens gilt es in den umkämpften Städten, in zahllosen Notunterkünften allein über zwei Millionen Kinder mit Hilfe zu erreichen.

Mariam lässt sich ihre Sorgen nicht anmerken. Sie strahlt die Ruhe einer stolzen Mutter aus. Sie ist froh, es mit ihrer ganzen Familie hierher geschafft zu haben. Und dann hören wir einen zarten Laut aus der bunten Babytrage, die neben Mariam auf der Matratze steht. Behutsam hebt die junge Mutter die kleine Maya aus der Trage. Und wer Maya sieht, mit dem entspannten Lächeln eines noch halb schlafenden Säuglings, fragt sich nicht mehr, warum Mariam es schafft, hier in Za’atari so viel Freundlichkeit und Zuversicht auszustrahlen.

Nur wenige Tage vor der Geburt hatten sich Mariam und ihre Familie auf den gefährlichen Weg über die Grenze gemacht. Vor 13 Tagen kam Maya hier in Za’atari zur Welt. Jeden Tag sind es zurzeit zwischen acht und 15 Geburten, sagt mir die UNICEF-Kollegin Riyam Maraqa. All diese Mütter (und mit ihnen die Kinder) haben Monate der Sorge und Angst und ständigen Gefahr hinter sich. Sie haben fast alles hinter sich lassen müssen, was ihr bisheriges Leben ausmacht. Und all diese Mütter versuchen, ihren Kindern unter diesen Umständen Geborgenheit zu geben, Sicherheit. Herzlichen Glückwunsch Mariam, und Maya.

*Name geändert

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