UNICEF ZUR FLÜCHTLINGSTRAGÖDIE IM MITTELMEER

Köln, den 23.4.2015 - Das Frühjahr 2015 ist das bislang tödlichste für Flüchtlinge, die versuchen über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen. Bis Mitte April sind über 1.700 Menschen ertrunken – im Jahr 2014 waren es insgesamt 3.500.

Die jüngste Tragödie muss ein Weckruf für alle Verantwortlichen in Politik und Gesellschaften in Europa sein. Wir dürfen dem Sterben nicht länger zusehen. An den Grenzen Europas ist eine ganze Region von zum Teil schweren Krisen und Konflikten betroffen. Deshalb ist nicht damit zu rechnen, dass der Zustrom von Flüchtlingen und Migranten in absehbarer Zeit nachlassen wird. Eine konsistente und humane Politik ist erforderlich, die sich nicht allein auf den Kampf gegen das Schlepperwesen konzentriert, sondern die den Schutz der Menschen – insbesondere der Kinder – in den Mittelpunkt stellt.

Kinder und Jugendliche unter den Flüchtlingen

Es ist nicht bekannt, wie viele Kinder und Jugendliche unter den Bootsflüchtlingen sind und wie viele von ihnen bisher ihr Leben verloren haben. Klar ist jedoch, dass sich auch zahlreiche Mütter und Väter mit ihren Kindern sowie unbegleitete Kinder und Jugendliche auf den Booten befinden.

Es gibt zahlreiche Berichte über sehr junge Kinder, die mit ihren Eltern die Überfahrt angetreten haben. Für sie sind die Tage auf See und die gesamte Flucht eine besondere Gefahr. Auf den überfüllten Boten sind sie tagelang unterwegs und von Auszehrung, Verdursten und Krankheiten bedroht.

Auch die älteren Kinder und Jugendlichen leiden besonders unter den Strapazen und Gefahren der Flucht. Viele stammen aus Bürgerkriegsregionen wie Syrien oder Somalia und haben Monate oder gar Jahre mit Erfahrungen von Gewalt, Vertreibung und Angst hinter sich. Andere sind seit langem unter schwersten Bedingungen und oft mit Gewalterfahrungen unterwegs, um Armut und Hoffnungslosigkeit zu entkommen. Die, die durchkommen, leben häufig in unsicheren Lebensverhältnissen und unzureichenden Unterkünften.

Eine unbekannte Zahl der Flüchtlinge lebt bereits ohne sicheren Aufenthaltsstatus in der EU. Vor allem Kinder ohne Ausweisdokumente sind in einer gefährlichen Situation. Viele werden als billige Arbeitskräfte ausgebeutet. Der Zugang zu Schulen, Ärzten und Sozialleistungen bleibt ihnen verwehrt.

Unter den Bootsflüchtlingen befinden sich auch Minderjährige, die von ihren Familien allein auf den Weg geschickt wurden – sei es, damit sie überleben können, sei es weil sie Bildung und Arbeitsmöglichkeiten suchen. Manche wurden auf der Flucht aus Krisenländern auch von ihren Familien getrennt. Andere sind Opfer von Menschenhandel. Oftmals sind diese Faktoren kombiniert.

Gleichgültig, wie die genauen Umstände und Ursachen der Flucht sind: Flüchtlingskinder sind in erster Linie Kinder und müssen auch so behandelt werden. Sie brauchen besonderen Schutz und besondere Unterstützung.

UNICEF fordert, dass sich der Umgang mit diesen Kindern und Jugendlichen an ihrem Wohlergehen orientiert – so wie es die UN-Konvention über die Rechte des Kindes vorschreibt. Alle Zufluchtsstaaten haben diese Konvention ratifiziert und sich dazu verpflichtet, immer im besten Interesse des Kindes zu handeln.

Dies bedeutet, dass die Kinder und Jugendlichen unabhängig von ihrem offiziellen Status als Flüchtlinge oder Migranten in einer sicheren und altersgemäßen Umgebung untergebracht werden müssen – und nicht in Massenunterkünften. Sie sollen Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung, sozialer und rechtlicher Unterstützung erhalten, und die existierenden Schutzbestimmungen für Minderjährige müssen auf sie angewendet werden.

Die Europäische Union hat in den vergangenen Jahren verschiedene rechtliche Maßnahmen unternommen, um die Rechte von Kindern zu stärken. Trotzdem fallen in der Praxis bis heute in vielen Ländern Flüchtlingskinder zwischen alle Stühle – ihr Zugang zu rechtlichem Beistand und grundlegenden Sozialleistungen sowie zu Bildung und Gesundheitsversorgung ist oft eingeschränkt. Sie werden interniert und abgeschoben. Es gibt auch kollektive Abschiebungen und Kontrollpraktiken an den Grenzen, die ihre Gesundheit gefährden.

Angesichts der aktuellen Flüchtlingstragödie hat die EU einen zehn Punkte-Plan vorgelegt.
UNICEF...

  • begrüßt die Ankündigung, dass die gemeinsame Such- und Rettungsmission im Mittelmeer durch die Ausweitung der Programme Triton und Poseidon ausgedehnt werden soll, um Menschenleben zu schützen und zu retten.
  • unterstützt die Bemühungen der EU, die Strafverfolgung von Menschenhändlern und Menschenschmugglern zu verbessern.
  • arbeitet mit den Europäischen Behörden und auch FRONTEX zusammen, um sicher zu stellen, dass diese in ihrer Arbeit die Kinderrechte beachten. Die Ankündigung, dass die Zusammenarbeit mit den Herkunftsländern und den Aufnahmeländern verbessert werden soll, ist deshalb richtig.
  • begrüßt auch, dass der Lösung der Krisen und Konflikte im Mittelmeerraum mehr Aufmerksamkeit gegeben werden soll. UNICEF wird weiter alles tun, um die Ursachen für die Flüchtlingsbewegungen in den Ursprungsländern – wie Konflikte, Armut und Diskriminierung – zu bekämpfen.
  • hat in der Vergangenheit immer wieder beobachtet, dass das Fehlen legaler Migrationsmöglichkeiten zur Folge hatte, dass sich die Menschen illegale und gefährliche Wege suchen. Vor diesem Hintergrund begrüßt UNICEF die aktuell diskutierten Vorschläge, legale Migrationswege zu entwickeln.
  • mahnt – wie UNHCR- die Regierungen, sich nicht allein auf den Kampf gegen das Schlepperwesen zu konzentrieren, sondern den Schutz der Menschen, insbesondere der Kinder, und das Recht auf Asyl in den Mittelpunkt zu stellen.

UNICEF-Forderungen zum Umgang mit minderjährigen Flüchtlingen

  • Jedes Kind hat ein Recht darauf, dass seine Bedürfnisse, seine Interessen und sein Wohl umfassend berücksichtigt werden. Sie müssen über ihre Rechte und Hilfsangebote ausführlich informiert und gehört werden.
  • Ausländerrechtliche Verfahren, die Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren betreffen, müssen am Kindeswohl ausgerichtet sein.
  • Jedes Kind hat das Recht auf umfassende medizinische Versorgung, Bildung, angemessene Unterkunft, soziale Beratung und Unterstützung.
Rudi Tarneden

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Rudi Tarneden
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