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25 JAHRE KINDERRECHTSKONVENTION IN DEUTSCHLAND: WIE GIBT BERLIN KINDERN EINE STIMME?

Vor 25 Jahren ratifizierte Deutschland die UN-Kinderrechtskonvention, die Kindern unter anderem das Recht auf Partizipation zusichert. Aus diesem Anlass fragten UNICEF Berlin (Gunda-Alexandra Detmers) und die Berliner Landeszentrale für politische Bildung (LZpB, Reinhard Fischer) im Rahmen einer Podiumsdiskussion nach dem Stand von Kinder- und Jugendbeteiligungen in Berliner Schulen und Bezirken. An der Diskussion nahmen Prof. Dr. Roland Roth (Politikwissenschaftler, Sachverständiger für die kinderfreundliche Kommune Potsdam), Prof. Dr. Hartmut Wedekind (Alice-Salomon-Hochschule und Kinderforscherzentrum Helleum), ein Berliner Schülersprecher, R. Zinser, der PR-Leiter des Atze-Musiktheaters, Tom Müller-Heuser ,und zwei Mitglieder des Berliner UNICEF-Aktionsteams für Kinderrechte, Matthias Eckert und Florentine Rudzio teil.

HOCHGLANZ- UND SCHATTENBERICHTE

Der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Roland Roth, der einer der Sachverständigen für die kinderfreundliche Kommune Potsdam ist, skizziert zur Einführung in das Thema dieses Abends die Stellung der Partizipationsrechte von Kindern in der Kinderrechtskonvention: 

Prof. Roth stellt zunächst klar, dass die Vertragsstaaten mit der Unterzeichnung der Kinderrechtskonvention garantiert hätten, dass das Kindeswohl einen Vorrang in allen Lebensbereichen habe. Dies sei der Rahmen, in dem auch Art. 12 zu interpretieren sei, wonach Kinder in allen sie betreffenden Belangen gehört werden müssten. Das Recht auf Partizipation bedeute dabei nicht, dass Kinder das Recht hätten, ihre Meinung durchzusetzen, sondern vielmehr, diese zu äußern und vor allem zu diskutieren. Erwachsenen obliege es, die Meinung der Kinder anzuhören. Ihnen komme in der Auseinandersetzung mit Kindern also eine Begründungspflicht zu.


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© UNICEF Berlin


Mit der Unterzeichnung der Kinderrechtskonvention habe sich die Bundesrepublik Deutschland verpflichtet, die Grundsätze daraus umzusetzen. Wie bei anderen UN-Konventionen, beispielsweise der Menschenrechtskonvention, gebe es auch hierfür den Kontroll-Mechanismus des internationalen Rechts, nach dem die Bundesregierung regelmäßig einer Kommission in Genf Bericht über die Umsetzung der Vertragspflichten erstatten müsse. Der Bericht werde begutachtet und sodann mit Empfehlungen an die Regierung zurückgegeben. Parallel dazu fertigten NGOs sogenannte Schattenberichte an, in denen sie ihre Sicht der Dinge wieder geben würden - denn “Regierungen neigen ja bekanntlich leicht zu Hochglanz-Berichten”, sagt Prof. Roth.

Die Diskussion, ob die Kinderrechte ins Grundgesetz aufgenommen werden sollten,  sei womöglich nach den Wahlen im Herbst wieder vom Tisch. Eine Seite sehe sie ohnehin als überflüssig an, da die Kinderrechte als Menschenrechte bereits im Grundgesetz geregelt seien. “So stimme das aber nicht”, sagt Prof. Roth. Tatsächlich zeige die Wirklichkeit, dass Kinderrechte immer wieder vergessen würden, zum Beispiel im Familienrecht, aber auch in anderen Bereichen. Im Gegensatz zu Deutschland hätten andere Staaten in den neunziger Jahren schon die Kinderrechte richtigerweise in die Verfassung aufgenommen.


DAS UNWORT HEISST “VERMITTELN”


Prof. Dr. Hartmut Wedekind, Professor für Frühpädagogik und -didaktik mit den Schwerpunkten Naturwissenschaften, Mathematik und Technik an der Alice-Salomon Hochschule (ASH) Berlin und wissenschaftlicher Leiter des Kinderforscherzentrums HELLEUM, wird gefragt, wie die Studenten der Alice-Salomon-Hochschule an das Thema Partizipation herangeführt würden. 

 

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Die Studenten bekämen bei ihm die Gelegenheit, die Seminare selbst zu gestalten, führt er aus, aber ohne, dass ein Laisser-faire herrsche: natürlich gebe es eine Struktur als Hilfestellung. Die ersten Sitzungen charakterisiere er als Findungsprozess. Dann komme die Umsetzung der didaktischen Ideen der Studenten. In den Seminaren gebe es dabei insbesondere ein Unwort: dieses Unwort heiße “Vermitteln” - es sei durch das Wort “Aneignen” zu ersetzen. Das Aneignen sei nach seiner Auffassung der zentrale Zugang zur Demokratie: man müsse erkennen, dass man selbst in der Lage sei, sich Kenntnisse anzueignen. Diese Form der Souveränität begründe eine der wichtigsten Positionen für demokratisches Verhalten; dazu kämen Wertschätzung und das Bewusstsein, selbstständig handeln und urteilen zu können. Auch seine Seminare der naturwissenschaftlichen frühen Bildung dienten der Erfahrung der Teilhabe und des Teilhabe-Lassens. Das könne schon vielfach in Mikro-Interaktionsprozessen stattfinden. 

“Im letzten Qualitätsbericht über die Berliner Schulen wurde festgestellt, dass 70 % der Schulen im Bereich des individuellen Lernens, der Binnendifferenzierung und des Problemlösens absoluten Nachholbedarf haben”, erklärt Prof. Wedekind. Genau hier aber liege die Vorbereitung auf ein Demokratieverständnis: An Demokratie könne doch nur glauben, wer erlebe, dass sie funktioniert. Und dies zu realisieren, sei deshalb die Hauptaufgabe der Schulen.

“DIE STIMME DER ZUKUNFT”

Demokratie und Partizipation können Kinder offenbar aber im Atze-Musiktheater in Berlin-Wedding erleben, wenn sie das Stück “Die Ministerpräsidentin” der norwegischen Autors Tore Tungodden besuchen: ein zwölfjähriges Mädchen soll von den Kindern auf der Bühne und aus dem Publikum als Präsidentin gewählt werden. In der Pause stehen die Parteien deshalb an Wahlständen und geben Auskunft über ihr Programm. Die jungen Zuschauer können hier ihre Stimmen abgeben und zusätzlich ihre Meinungen zu Papier bringen. Die Partei der späteren Ministerpräsidentin mit dem Namen “Stimme der Zukunft” werde zwar regelmäßig von der Mehrheit gewählt, aber auch die sozial-christlich-muslimische Partei und die Partei der globalen Gleichheit finde viel Zuspruch, berichtet Tom Müller-Heuser, der Leiter für PR und Kommunikation vom Atze- Musiktheater. Offenbar vertreten auch diese Parteien glaubhaft Positionen, denen Kinder heute eine hohe Bedeutung beimessen.

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© UNICEF Berlin

Die Grundsätze der Kinderrechtskonvention bildeten das Fundament für das Atze- Musiktheater, erklärt Herr Müller-Heuser. Der Name Atze sei berlinerisch und stehe gleichermaßen für großer Bruder und bester Freund. Als solchen sehe sich das Atzetheater: es möchte Kinder an die Hand nehmen, ihnen den Rücken stärken und ihnen ermöglichen, neue Erfahrungen zu machen. Sie sollten das Gefühl entwickeln, dass es gut sei, eine eigene Meinung zu haben und gehört zu werden. Mit dem Stück "Die Ministerpräsidentin" und der Partei "Stimme der Zukunft" wollten sie also zeigen, dass Kinder nicht nur eine Stimme haben, sondern auch das Recht,  diese Stimme zu erheben.

Anknüpfend an die Inszenierung „Die Ministerpräsidentin“ habe das Theater zudem ein deutschlandweit einzigartiges Junior Barcamp für Kinder ab 10 Jahren abgehalten und damit   einen weiteren innovativen Beitrag zum Thema Partizipation von Kindern geliefert. In der Überzeugung, dass Kinder wertvolle Einsichten und konstruktive Ideen haben, wie die Zukunft ihrer Stadt und der Welt aussehen kann, verdienten sie, gehört zu werden.

“KINDER AN DIE MACHT?”

“Herr Roth, können Sie sich vorstellen, dass wir eines Tages einen minderjährigen Regierungschef oder eine minderjährige Regierungschefin haben werden”, fragt die Moderatorin (UNICEF Berlin). “Das ist vorerst sehr unwahrscheinlich”, sagt der Experte für Kinder- und Jugendbeteiligung. Die Parteien hätten ja nicht nur ein Gender- und Diversity-, sondern auch einen signifikanten Youth-Gap, stellt Herr Prof. Roth klar. Das Durchschnittsalter der Mitglieder der Mehrheitsparteien im Bundestag liege aktuell bei circa 60 Jahren : "Uns liegen dafür konkrete Daten vor und diese sind richtig grauslich”, bemerkt er. Es fehle an Nachwuchs und es seien keine deutlichen Anstrengungen erkennbar, diese große Lücke zu schließen. In der Schule fühlten sich nur 10-12 % der Kinder an Entscheidungen beteiligt. Mehr Impulse gebe es in der Kita, wo Erzieher die Wünsche der Kinder schon seit einiger Zeit mit berücksichtigten. 

Am besten funktioniere Beteiligung bisher im Raum der Familie. Eltern wüßten um die Anstrengung, heute alles verhandeln und durchdiskutieren zu müssen. Das sei gegenüber der Kindheit in den 50ern, wo es hieß "Vater hat das Sagen und der Rest ist Schweigen" natürlich eine klare Veränderung, die ganz besonders in Deutschland stattgefunden habe. So berichteten zum Beispiel Schüler, die für ein Jahr ins Ausland gingen, dass ihre gewohnheitsmäßige Beteiligung in den Gastfamilien häufig Verwunderung ausgelöst habe: "Jetzt kommen schon wieder diese Deutschen mit den ganzen W- Fragen; die können sich gar nicht anpassen”!

Die Erfahrung der Beteiligung in der Familie werde nur leider von den Schulen nicht aufgegriffen und weiter gefördert.  Dabei lernten Kinder besonders von partizipativen Eltern, selbst zu partizipieren. So sei die Nachfrage der Kinder nach Beteiligung und Mitsprache deshalb natürlich viel größer als das Angebot der Schule dafür. Es seien letztlich die Erwachsenen, denen die Kompetenz fehle, den engagierten Kindern tatsächlich Möglichkeiten und Räume der Beteiligung zu verschaffen. Somit gebe es ein Potential, das nicht abgerufen und genutzt werde.


Herr Fischer (LZpB) befragt die Ehrenamtlichen des UNICEF-Aktionsteams für Kinderrechte, das in Berliner Schulen Workshops zum Thema Kinderrechte durchführt, nach ihrer Erfahrung mit der Beteiligung der Kinder. Matthias Eckert führt aus, dass auch die UNICEF- Workshops darauf wert legten, dass alle Kinder sich selbst mit dem Thema auseinandersetzten: Der Begriff Workshop stelle schon klar, dass das Aktionsteam keine Vorträge halten würde, sondern Informationen in die Klassen brächte und die Kinder sich auf dieser Grundlage etwas eigenständig erarbeiten könnten.


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© UNICEF Berlin


“Und wie schätzen Sie die U18-Wahlen ein? Haben Kinder nicht ganz andere Interessen als die Erwachsenen bei den Bundestagswahlen?”, fragt Herr Fischer. Es bekomme doch zum Beispiel die Tierschutz-Partei, die in den BT-Wahlen an der 5%-Hürde scheitere, bei den Jugendlichen immer ungefähr 10-12 % . Vielleicht forderten Kinder auch, wie im Stück “Die Ministerpräsidentin”, womöglich ein Süßigkeitenministerium. 

Entscheidend sei, dass Kinder sich mit einer Frage auseinandersetzen könnten und Informationen darüber bekämen, erklärt Florentine Rudzio. Natürlich interessiere Kinder nicht der Steuersatz. Aber bei Themen wie Tier- oder Umweltschutz seien viele wißbegierig und würden gern mitreden können.

Dem stimmt Herr Roth zu, der darauf verweist, dass hier gleichermaßen Angebot und Nachfrage in einem Verhältnis stünden: würden Kinder wählen können, würden die Angebote zu ihrer Information auch viel weiter reichen.

“UNERTRÄGLICHE KAFFEKLATSCH-ATMOSPHÄRE"

Welche Beteiligungsformen für Schüler tatsächlich existieren, schildert sodann Herr Zinser, ein Berliner Schülersprecher. Es gebe Schülervertretungen, die gesetzlich vorgesehen seien, aber keine Umsetzung fänden, hebt er an. Die Schülervertretungen seien beispielsweise dazu aufgerufen, Schüler in Kinder- und Jugendparlamente, in den Bezirksausschuss und die Fachkonferenzen der Schulen zu entsenden. Aber diese Partizipation bestehe allein auf dem Papier. 


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© UNICEF Berlin


An den entscheidenden Konferenzen könnten Schülersprecher faktisch nicht teilnehmen, weil die Konferenzen abends stattfänden und bis in die Nacht gingen. Es seien fünf Stunden lange Konferenzen, auf denen “in teilweise unerträglicher Kaffeeklatsch-Atmosphäre über Dinge geredet werde, die für Schüler ohne jede Relevanz” seien.

Auf den Schulkonferenzen entstehe außerdem schnell eine Koalition aus Schulleiter, Lehrern und Eltern, die dazu führe, dass die Schüler resignierten. Sie sähen dann keine Motivation mehr, etwas zu verändern. Man müsse sich auch häufig dagegen wehren, dass die eigenen Anträge nicht verändert würden. Wenn konträre Ansichten vorlägen, müsste man sich aber zusammensetzen und das diskutieren. Das funktioniere selten.

Als Beispiel führt Herr Zinser an, dass Schüler ihre Handys in der Schule nicht benutzen dürften, Lehrer dies aber in den Pausen unentwegt täten -  das empfänden Schüler als ungerecht und sähen es als Widerspruch zur Vorbildfunktion der Lehrer. Eine Diskussion darüber wäre demokratisch, würde aber gar nicht erst geführt. Stattdessen empfingen die Schüler nur die Anordnung, ohne wenigstens angehört zu werden.

EIN NEUES ARMUTSZEUGNIS FÜR BERLIN

Prof. Roth, der Sachverständige für die kinderfreundliche Kommune Potsdam ist, führt dazu aus, dass ein funktionierendes Vertretungsgremium von Kindern unerlässlich für eine kinderfreundliche Kommune sei. Verwaltungsmitarbeiter und Lehrer müssten in den Kinderrechten geschult werden, damit sie wüssten, wie sie diese Gremien unterstützen könnten und sollten. 

Außerdem sei eine regelmäßige Befragung von Kindern signifikant für die Umsetzung der Kinderrechtskonvention. Die Kindheiten in deutschen Gemeinden seien tatsächlich sehr unterschiedlich und es sei wichtig, diese Unterschiedlichkeiten zu sehen und in dem Gremium zu repräsentieren. Kinder sollten außerdem auch ein Budget haben, mit dem sie etwas Eigenes gestalten können. Es gebe schon einige Kommunen, die ihren Kindern zum Beispiel 20.000 € im Jahr dafür zur Verfügung stellten. 

Die Umsetzung des Konzepts “Kinderfreundliche Kommune” sei ein Prozess, bei dem sich Kommunen bewerben und vorlegen, was sie an Kinderfreundlichkeit bereits umgesetzt haben. Mt Hilfe von Experten werde dann ein Aktionsplan entwickelt, um die Umsetzung weiter voranzubringen. Bisher gebe es in Berlin nur den Versuch eines einzigen Bezirks, sich diesem sehr anspruchsvollen Prozess zu widmen. Zwar existierten auch einzelne sehr gute Projekte und Ansätze, zB die Drehscheibe Kinder- und Jugendpolitik, aber im übrigen sei Berlin ein Desiderat der Kinderrechte. Wenn man sich den Koalitionsvertrag anschaue, dann komme darin das Wort Kinderrechte nicht einmal vor. Jede Kinderbeteiligung fehle. Berlin leiste sich vielmehr ein Jugendforum, dass als Event inszeniert und von kommerziellen Angeboten umrahmt werde.  Kinder und Jugendliche müssten über die Schulpolitik oder Asylpolitik reden können -  das sei normalerweise Thema in Jugendparlamenten. Dieses Manko in der Berliner Landespolitik sei ein Skandal. “Und wo steht Berlin stattdessen an der Spitze?”, fragt Herr Prof. Roth. “Es steht nach Bremen an zweiter Stelle in der Höhe von Kinderarmut.  


Der Abend demonstrierte dem Publikum einige Beteiligungsmöglichkeiten und Initiativen für Kinderpartizipation, aber stellte dem Land Berlin - einmal wieder - das Armutszeugnis aus. Arm, aber… sonst nichts!


Ann-Katrin Fahrenkamp




























Prof. Roland Roth (am Mikrofon) spricht über die Bedeutung der UN-Kinderrechtskonvention © UNICEF Berlin


Mit der Unterzeichnung der Kinderrechtskonvention habe sich die Bundesrepublik Deutschland verpflichtet, die Grundsätze daraus umzusetzen. Wie bei anderen UN-Konventionen, beispielsweise der Menschenrechtskonvention, gebe es auch hierfür den Kontroll-Mechanismus des internationalen Rechts, nach dem die Bundesregierung regelmäßig einer Kommission in Genf Bericht über die Umsetzung der Vertragspflichten erstatten müsse. Der Bericht werde begutachtet und sodann mit Empfehlungen an die Regierung zurückgegeben. Parallel dazu fertigten NGOs sogenannte Schattenberichte an, in denen sie ihre Sicht der Dinge wieder geben würden - denn “Regierungen neigen ja bekanntlich leicht zu Hochglanz-Berichten”, sagt Prof. Roth.


Die Diskussion, ob die Kinderrechte ins Grundgesetz aufgenommen werden sollten,  sei womöglich nach den Wahlen im Herbst wieder vom Tisch. Eine Seite sehe sie ohnehin als überflüssig an, da die Kinderrechte als Menschenrechte bereits im Grundgesetz geregelt seien. “So stimme das aber nicht”, sagt Prof. Roth. Tatsächlich zeige die Wirklichkeit, dass Kinderrechte immer wieder vergessen würden, zum Beispiel im Familienrecht, aber auch in anderen Bereichen. Im Gegensatz zu Deutschland hätten andere Staaten in den neunziger Jahren schon die Kinderrechte richtigerweise in die Verfassung aufgenommen.


DAS UNWORT HEISST “VERMITTELN”


Prof. Dr. Hartmut Wedekind, Professor für Frühpädagogik und -didaktik mit den Schwerpunkten Naturwissenschaften, Mathematik und Technik an der Alice-Salomon Hochschule (ASH) Berlin und wissenschaftlicher Leiter des Kinderforscherzentrums HELLEUM, wird gefragt, wie die Studenten der Alice-Salomon-Hochschule an das Thema Partizipation herangeführt würden. 

 


Gunda-Alexandra Detmers (Moderation) mit Prof. Hartmut Wedekind © UNICEF Berlin


Die Studenten bekämen bei ihm die Gelegenheit, die Seminare selbst zu gestalten, führt er aus, aber ohne, dass ein Laisser-faire herrsche: natürlich gebe es eine Struktur als Hilfestellung. Die ersten Sitzungen charakterisiere er als Findungsprozess. Dann komme die Umsetzung der didaktischen Ideen der Studenten. In den Seminaren gebe es dabei insbesondere ein Unwort: dieses Unwort heiße “Vermitteln” - es sei durch das Wort “Aneignen” zu ersetzen. Das Aneignen sei nach seiner Auffassung der zentrale Zugang zur Demokratie: man müsse erkennen, dass man selbst in der Lage sei, sich Kenntnisse anzueignen. Diese Form der Souveränität begründe eine der wichtigsten Positionen für demokratisches Verhalten; dazu kämen Wertschätzung und das Bewusstsein, selbstständig handeln und urteilen zu können. Auch seine Seminare der naturwissenschaftlichen frühen Bildung dienten der Erfahrung der Teilhabe und des Teilhabe-Lassens. Das könne schon vielfach in Mikro-Interaktionsprozessen stattfinden. 


“Im letzten Qualitätsbericht über die Berliner Schulen wurde festgestellt, dass 70 % der Schulen im Bereich des individuellen Lernens, der Binnendifferenzierung und des Problemlösens absoluten Nachholbedarf haben”, erklärt Prof. Wedekind. Genau hier aber liege die Vorbereitung auf ein Demokratieverständnis: An Demokratie könne doch nur glauben, wer erlebe, dass sie funktioniert. Und dies zu realisieren, sei deshalb die Hauptaufgabe der Schulen.


“DIE STIMME DER ZUKUNFT”


Demokratie und Partizipation können Kinder offenbar aber im Atze-Musiktheater in Berlin-Wedding erleben, wenn sie das Stück “Die Ministerpräsidentin” der norwegischen Autors Tore Tungodden besuchen: ein zwölfjähriges Mädchen soll von den Kindern auf der Bühne und aus dem Publikum als Präsidentin gewählt werden. In der Pause stehen die Parteien deshalb an Wahlständen und geben Auskunft über ihr Programm. Die jungen Zuschauer können hier ihre Stimmen abgeben und zusätzlich ihre Meinungen zu Papier bringen. Die Partei der späteren Ministerpräsidentin mit dem Namen “Stimme der Zukunft” werde zwar regelmäßig von der Mehrheit gewählt, aber auch die sozial-christlich-muslimische Partei und die Partei der globalen Gleichheit finde viel Zuspruch, berichtet Tom Müller-Heuser, der Leiter für PR und Kommunikation vom Atze- Musiktheater. Offenbar vertreten auch diese Parteien glaubhaft Positionen, denen Kinder heute eine hohe Bedeutung beimessen.


Die Grundsätze der Kinderrechtskonvention bildeten das Fundament für das Atze- Musiktheater, erklärt Herr Müller-Heuser. Der Name Atze sei berlinerisch und stehe gleichermaßen für großer Bruder und bester Freund. Als solchen sehe sich das Atzetheater: es möchte Kinder an die Hand nehmen, ihnen den Rücken stärken und ihnen ermöglichen, neue Erfahrungen zu machen. Sie sollten das Gefühl entwickeln, dass es gut sei, eine eigene Meinung zu haben und gehört zu werden. Mit dem Stück "Die Ministerpräsidentin" und der Partei "Stimme der Zukunft" wollten sie also zeigen, dass Kinder nicht nur eine Stimme haben, sondern auch das Recht,  diese Stimme zu erheben.

Anknüpfend an die Inszenierung „Die Ministerpräsidentin“ habe das Theater zudem ein deutschlandweit einzigartiges Junior Barcamp für Kinder ab 10 Jahren abgehalten und damit   einen weiteren innovativen Beitrag zum Thema Partizipation von Kindern geliefert. In der Überzeugung, dass Kinder wertvolle Einsichten und konstruktive Ideen haben, wie die Zukunft ihrer Stadt und der Welt aussehen kann, verdienten sie, gehört zu werden.



“KINDER AN DIE MACHT?”


“Herr Roth, können Sie sich vorstellen, dass wir eines Tages einen minderjährigen Regierungschef oder eine minderjährige Regierungschefin haben werden”, fragt die Moderatorin (UNICEF Berlin). “Das ist vorerst sehr unwahrscheinlich”, sagt der Experte für Kinder- und Jugendbeteiligung. Die Parteien hätten ja nicht nur ein Gender- und Diversity-, sondern auch einen signifikanten Youth-Gap, stellt Herr Prof. Roth klar. Das Durchschnittsalter der Mitglieder der Mehrheitsparteien im Bundestag liege aktuell bei circa 60 Jahren : "Uns liegen dafür konkrete Daten vor und diese sind richtig grauslich”, bemerkt er. Es fehle an Nachwuchs und es seien keine deutlichen Anstrengungen erkennbar, diese große Lücke zu schließen. In der Schule fühlten sich nur 10-12 % der Kinder an Entscheidungen beteiligt. Mehr Impulse gebe es in der Kita, wo Erzieher die Wünsche der Kinder schon seit einiger Zeit mit berücksichtigten. 

Am besten funktioniere Beteiligung bisher im Raum der Familie. Eltern wüßten um die Anstrengung, heute alles verhandeln und durchdiskutieren zu müssen. Das sei gegenüber der Kindheit in den 50ern, wo es hieß "Vater hat das Sagen und der Rest ist Schweigen" natürlich eine klare Veränderung, die ganz besonders in Deutschland stattgefunden habe. So berichteten zum Beispiel Schüler, die für ein Jahr ins Ausland gingen, dass ihre gewohnheitsmäßige Beteiligung in den Gastfamilien häufig Verwunderung ausgelöst habe: "Jetzt kommen schon wieder diese Deutschen mit den ganzen W- Fragen; die können sich gar nicht anpassen”!

Die Erfahrung der Beteiligung in der Familie werde nur leider von den Schulen nicht deutlich aufgegriffen und weiter gefördert.  Dabei lernten Kinder besonders von partizipativen Eltern, selbst zu partizipieren. So sei die Nachfrage der Kinder nach Beteiligung und Mitsprache deshalb natürlich viel größer als das Angebot der Schule dafür. Es seien letztlich die Erwachsenen, denen die Kompetenz fehle, den engagierten Kindern tatsächlich Möglichkeiten und Räume der Beteiligung zu verschaffen. Somit gebe es ein Potential, das nicht abgerufen und genutzt werde.

 


Matthias Eckert und Florentine Rudzio vom UNICEF-Aktionsteam für Kinderrechte © UNICEF Berlin


Herr Fischer (LZpB) befragt die Ehrenamtlichen des UNICEF-Aktionsteams für Kinderrechte, das in Berliner Schulen Workshops zum Thema Kinderrechte durchführt, nach ihrer Erfahrung mit der Beteiligung der Kinder. Matthias Eckert führt aus, dass auch die UNICEF- Workshops darauf wert legten, dass alle Kinder sich selbst mit dem Thema auseinandersetzten: Der Begriff Workshop stelle schon klar, dass sie keine Vorträge halten würden, sondern Informationen in die Klassen brächten und die Kinder sich auf dieser Grundlage etwas eigenständig erarbeiten könnten.


“Und wie schätzen Sie die U18-Wahlen ein? Haben Kinder nicht ganz andere Interessen als die Erwachsenen bei den Bundestagswahlen?”, fragt Herr Fischer. Es bekomme doch zum Beispiel die Tierschutz-Partei, die in den BT-Wahlen an der 5%-Hürde scheitere, bei den Jugendlichen immer ungefähr 10-12 % . Vielleicht forderten Kinder auch, wie im Stück “Die Ministerpräsidentin”, womöglich ein Süßigkeitenministerium. 

Entscheidend sei, dass Kinder sich mit einer Frage auseinandersetzen können und Informationen darüber bekommen, erklärt Florentine Rudzio. Natürlich interessiere Kinder nicht der Steuersatz. Aber bei Themen wie Tier- oder Umweltschutz seien viele wißbegierig und würden gern mitreden können.

Dem stimmt Herr Roth zu, der darauf verweist, dass hier gleichermaßen Angebot und Nachfrage in einem Verhältnis stünden: würden Kinder wählen können, würden die Angebote zu ihrer Information auch viel weiter reichen.

 


“UNERTRÄGLICHE KAFFEKLATSCH-ATMOSPHÄRE"


Welche Beteiligungsformen für Schüler tatsächlich existieren, schildert sodann Herr Zinser, der Schülersprecher des Schiller-Gymnasiums. Es gebe Schülervertretungen, die gesetzlich vorgesehen seien, aber keine Umsetzung fänden, hebt er an. Die Schülervertretungen seien beispielsweise dazu aufgerufen, Schüler in Kinder- und Jugendparlamente, in den Bezirksausschuss und die Fachkonferenzen der Schulen zu entsenden. Aber diese Partizipation bestehe allein auf dem Papier. 



Raphael Zinser, Schiller-Gymnasiums © UNICEF Berlin


An den entscheidenden Konferenzen könnten Schülersprecher faktisch nicht teilnehmen, weil die Konferenzen abends stattfänden und bis in die Nacht gingen. Es seien fünf Stunden lange Konferenzen, auf denen “in teilweise unerträglicher Kaffeeklatsch-Atmosphäre über Dinge geredet werde, die für Schüler ohne jede Relevanz” seien.

Auf den Schulkonferenzen entstehe außerdem schnell eine Koalition aus Schulleiter, Lehrern und Eltern, die dazu führe, dass die Schüler resignierten. Sie sähen dann keine Motivation mehr, etwas zu verändern. Man müsse sich auch häufig dagegen wehren, dass die eigenen Anträge nicht verändert würden. Wenn konträre Ansichten vorlägen, müsste man sich aber zusammensetzen und das diskutieren. Das funktioniere selten.


Als Beispiel führt Herr Zinser an, dass Schüler ihre Handys in der Schule nicht benutzen dürften, Lehrer dies aber in den Pausen unentwegt täten -  das empfänden Schüler als ungerecht und sähen es als Widerspruch zur Vorbildfunktion der Lehrer. Eine Diskussion darüber wäre demokratisch, würde aber gar nicht erst geführt. Stattdessen empfingen die Schüler nur die Anordnung, ohne wenigstens angehört zu werden.


EIN NEUES ARMUTSZEUGNIS FÜR BERLIN


Prof. Roth, der Sachverständige für die kinderfreundliche Kommune Potsdam ist, führt dazu aus, dass ein funktionierendes Vertretungsgremium von Kindern unerlässlich für eine kinderfreundliche Kommune sei. Verwaltungsmitarbeiter und Lehrer müssten in den Kinderrechten geschult werden, damit sie wüssten, wie sie diese Gremien unterstützen könnten und sollten. 

Außerdem sei eine regelmäßige Befragung von Kindern signifikant für die Umsetzung der Kinderrechtskonvention. Die Kindheiten in deutschen Gemeinden seien tatsächlich sehr unterschiedlich und es sei wichtig, diese Unterschiedlichkeiten zu sehen und in dem Gremium zu repräsentieren. Kinder sollten außerdem auch ein Budget haben, mit dem sie etwas Eigenes gestalten können. Es gebe schon einige Kommunen, die ihren Kindern zum Beispiel 20.000 € im Jahr dafür zur Verfügung stellten. 

 Gunda Alexandra Detmers (UNICEF Berlin), Prof. Hartmut Wedekind, Raphael Zinser, Prof. Roland Roth © UNICEF Berlin



Die Umsetzung des Konzepts “Kinderfreundliche Kommune” sei ein Prozess, bei dem sich Kommunen bewerben und vorlegen, was sie an Kinderfreundlichkeit bereits umgesetzt haben. Mt Hilfe von Experten werde dann ein Aktionsplan entwickelt, um die Umsetzung weiter voranzubringen. Bisher gebe es in Berlin nur den Versuch eines einzigen Bezirks, sich diesem sehr anspruchsvollen Prozess zu widmen. Zwar existierten auch einzelne sehr gute Projekte und Ansätze, zB die Drehscheibe Kinder- und Jugendpolitik, aber im übrigen sei Berlin ein Desiderat der Kinderrechte. Wenn man sich den Koalitionsvertrag anschaue, dann komme darin das Wort Kinderrechte nicht einmal vor. Jede Kinderbeteiligung fehle. Berlin leiste sich vielmehr ein Jugendforum, dass als Event inszeniert und von kommerziellen Angeboten umrahmt werde.  Kinder und Jugendliche müssten über die Schulpolitik oder Asylpolitik reden können -  das sei normalerweise Thema in Jugendparlamenten. Dieses Manko in der Berliner Landespolitik sei ein Skandal. “Und wo steht Berlin stattdessen an der Spitze?”, fragt Herr Prof. Roth. “Es steht nach Bremen an zweiter Stelle in der Höhe von Kinderarmut.  


Der Abend demonstrierte dem Publikum einige Beteiligungsmöglichkeiten und Initiativen für Kinderpartizipation, aber stellte dem Land Berlin - einmal wieder - das Armutszeugnis aus. Arm, aber… sonst nichts!


Ann-Katrin Fahrenkamp