Heute erinnert UNICEF an den 9. Jahrestag des Syrienkriegs © UNICEF Syria/2018/Kharboutliy

NEUN JAHRE SYRIENKRIEG: EIN ENDE DER KATASTROPHE SCHEINT IN WEITER FERNE

Die dramatischen Bilder aus Idlib führen derzeit wieder vor Augen, dass in Syrien auch neun Jahre nach Beginn des Bürgerkriegs nicht an Stabilität und Ruhe zu denken ist. Das Land versinkt im Chaos und befindet sich seit 2011 im Dauer-Ausnahmezustand. Bombenhagel und Flucht haben tiefe Narben im Seelenleben der Menschen hinterlassen. Die einstige Kulturhochburg liegt in Schutt und Asche. In ihrem Neujahrsappell wandte sich UNICEF-Exekutivdirektorin Henrietta Fore daher wiederholt an alle Konfliktparteien und rief eindringlich dazu auf, sich um eine friedliche Lösung zu bemühen und dem Krieg schnellstens ein Ende zu setzen.

Zum 9. Jahrestag des Syrien-Konflikts ist die Bilanz verheerend: Der Syrian Observatory for Human Rights geht davon aus, dass der seit fast einem Jahrzehnt andauernde Krieg bislang ca. 560.000 Menschen das Leben gekostet hat, wobei die tatsächliche Zahl weitaus höher geschätzt wird. Nach Angaben des UNHCR sind fast 13 Millionen Syrer auf der Flucht, davon 6,1 Millionen innerhalb und 6,7 Millionen außerhalb ihrer Heimat.

Dabei waren mit den aufflammenden Massenprotesten im Jahr 2011, die den Beginn des Syrien-Kriegs markierten, große Hoffnungen verbunden. Nach Aufständen in Tunesien und Ägypten weitete sich der so genannte Arabische Frühling u. a. auf Syrien aus und motivierte Oppositionelle zu Demonstrationen, auf denen Rufe nach Reformen, Freiheit und dem Rücktritt des Präsidenten Bashar al-Assad laut wurden.

Arabischer Frühling endet in Gewalt

Als schließlich 15 Kinder für das Sprayen von regimekritischen Graffitis inhaftiert wurden, war die Empörung in der Bevölkerung immens, weshalb sich die Unruhen letztlich auf das gesamte Land ausdehnten. Laut Human Rights Watch ging die Regierung mit aller Härte gegen die Demonstranten vor und tötete Hunderte von ihnen. Nach und nach griff auch die einst friedliche Opposition zu Gewalt, wodurch sich der Konflikt weiter verschärfte und schlussendlich in einen brutalen Bürgerkrieg mündete.

Verwüstete Städte, leere Straßen - ein Krieg mit verheerenden Konsequenzen © UNICEF/UNI162756/Ali

Seit 9 Jahren ist Syrien von einem gewaltigen Krieg erschüttert.
© UNICEF/UNI162756/Ali

Heute, 9 Jahre später, sind die Konsequenzen dieses Krieges für die syrische Bevölkerung kaum noch zu fassen und haben zu einer der größten humanitären Katastrophen des 21. Jahrhunderts geführt. Neben islamistischen Gruppierungen haben sich mit der Zeit auch ausländische Staaten in den Konflikt eingemischt, darunter Russland und der Iran, die an der Seite des Präsidenten Bashar al-Assad kämpfen, sowie die USA, Saudi-Arabien, Katar, die Vereinigten Arabischen Emirate und die Türkei, die die Gegenseite unterstützen.

Katastrophale Lage in Idlib

Einen weiteren traurigen Höhepunkt erreichte der Krieg schließlich Ende 2019, als massive Angriffe gegen die letzte Rebellenhochburg Idlib eingeleitet wurden. Da das Vordringen der syrischen Armee im Norden zur Folge hat, dass seither immer mehr Menschen in Richtung türkische Grenze strömen, hat sich die Türkei mit den Rebellengruppen zusammengeschlossen und eine Militäroffensive gestartet, die u. a. auch dazu dient, eine mögliche autonome kurdische Provinz zu verhindern. Besonders fatal: Bei den gegenseitigen Angriffen bleiben noch nicht einmal Krankenhäuser und Schulen von Bomben verschont. Inzwischen ist das Gesundheitswesen in Idlib beinahe komplett zusammengebrochen und der Schulbesuch für 280.000 Kinder auf Eis gelegt.

Ein mangelernährtes syrisches Kind © UNICEF Syrian Arab Republic/2016

Kinder trifft die Krise besonders hart - Mangelernährung, Flucht und Vertreibung gehören zum Alltag vieler Heranwachsender.
© UNICEF Syrian Arab Republic/2016

Laut UNHCR haben die heftigen Kämpfe um die Region Idlib seit Dezember 2019 etwa 900.000 Menschen in die Flucht gezwungen, wobei sich nach Schätzungen von UNICEF ca. 500.000 Kinder darunter befinden. Viele von ihnen hat es an die Grenze zur Türkei verschlagen, wo sie in Notunterkünften, Zelten oder im Freien ausharren müssen. Auf die niedrigen Wintertemperaturen sind die wenigsten von ihnen vorbereitet. Fehlende warme Kleidung, Erschöpfung und Mangelernährung machen die Geflüchteten anfällig für Krankheiten. Todesfälle, die auf eine Erfrierung oder Lungenentzündung zurückgehen, sind daher keine Seltenheit.

UNICEF-HILFE FÜR SYRISCHE KINDER UND FAMILIEN IN NOT

Angesichts der akuten Lage in Idlib stellte UNICEF-Exekutivdirektorin Henrietta Fore in ihrem Neujahrappell klare Forderungen an die beteiligten Kriegsparteien. Erstens verlangte sie Attacken auf zivile Einrichtungen, wie z. B. Schulen, Krankenhäuser und Wasserwerke, sofort zu unterlassen. Zweitens rief sie die in den Syrien-Krieg involvierten Staaten dazu auf, sich an den Verhandlungstisch zu setzen, um eine Friedenslösung auszuarbeiten und den Krieg endgültig zu beenden. Und drittens drängte sie darauf, dass humanitäre Organisationen nicht daran gehindert werden dürften, Notleidenden in Idlib und anderen Teilen des Landes Hilfe zukommen zu lassen.

Ein syrisches Kind und ein UNICEF-Helfer © UNICEF/UN0187723/Sanadiki

UNICEF lässt die Kinder nicht im Stich und tut alles Mögliche, um ihnen zu helfen.
© UNICEF/UN0187723/Sanadiki

Trotz aller Hindernisse engagiert sich UNICEF bereits seit Kriegsbeginn in Syrien sowie den angrenzenden Ländern und versorgt die Menschen in Zusammenarbeit mit Partnern u. a. mit sauberem Trinkwasser, das in großen Tanklastern geliefert wird und im Jahr 2019 7,4 Millionen Menschen zu Gute kam. Des Weiteren stattet UNICEF Geflüchtete mit warmer Kleidung und Decken aus, um sie speziell im Winter vor Erfrierungen zu schützen. Außerdem wurden Kinderzentren eingerichtet, in denen Minderjährige psychologische Hilfe zur Verarbeitung ihrer Kriegstraumata erhalten. Denn anstatt zur Schule zu gehen oder eine Ausbildung zu machen, kennen viele der Kinder seit ihrer Geburt nichts anderes als Gewalt und Vertreibung. Dieses Angebot wurde allein im vergangenen Jahr von 400.000 Frauen und Kindern in Anspruch genommen. Darüber hinaus bieten UNICEF und seine Partner medizinische Hilfe in Notunterkünften an und versorgen die Menschen bei Bedarf mit Medikamenten und Hygieneartikeln sowie im Falle von Hungerleidenden mit Spezialnahrung. 2019 haben allein 2 Millionen Menschen eine medizinische Behandlung erhalten. 

Damit UNICEF seine Arbeit in Syrien und den Nachbarländern fortsetzen und sich der Not möglichst vieler syrischen Kinder annehmen kann, ist Ihre Hilfe gefragt! Bitte unterstützen Sie uns jetzt mit einer Spende!

Ajda Omrani