Fast ein Drittel aller ruandischen Frauen erleben nach ihrem 15. Lebensjahr physische Gewalt. Während meiner Zeit in Kigali/Ruanda habe ich ein beeindruckendes Pilotprojekt besucht, das von UNICEF ganz stark unterstützt wird und Opfern von gender-based und häuslicher Gewalt hilft. Dabei konnte ich auch mit einem 14-jährigen Mädchen sprechen, das vergewaltigt wurde, nun schwanger ist und Hilfe im “ISANGE Center” erhielt.
Es kommt mir vor als wäre es erst gestern gewesen, dass ich auf ruandischem Boden gelandet bin. Doch es ist mittlerweile schon mehr als 7 Wochen her! In der Zwischenzeit habe ich zwar nicht immer gebloggt, aber die verschiedensten Projekte, Organisationen und vor allen Dingen Schulen besucht, die UNICEF hier in Ruanda unterstützt. Und habe so viel Material, Foto, Videos, Interviews etc., wie möglich mitgenommen, das zum großen Teil auch noch auf der Festplatte meines Laptops ruht und nur darauf wartet, endlich bearbeitet zu werden. Dies wird in den nächsten Wochen nach und nach geschehen. Da gibt’s zum Beispiel den kleinen Pierre Celestin aus Kigeyo, der endlich zeigen möchte, womit er seine ganze Schule begeistert. Oder Priscille von der Murama-Schule, die mir ein Blick in ihr Leben ermöglicht hat. Oder Straßenkinder wie Aimable oder Clement, die mir von ihrem Leben auf der Straße und wie sie davon weggekommen sind erzählt haben. Kinder von der Rubingo Schule, die begeistert gezeigt haben, wie Hände waschen geht. Oder Sarah. Sie ist 14 und im 8. Monalt schwanger. Nach einer Vergewaltigung fand sie in einem von UNICEF unterstützten Zentrum Schutz und Hilfe.
Insofern werde ich zwar nicht mehr körperlich hier anwesend sein, aber kann dank des vielen Materials, das noch auf Aufarbeitung wartet, immer noch mitten aus dem Leben von Kindern in Ruanda berichten.
Was ich nach sieben Wochen sagen kann: UNICEF in Ruanda macht tolle und wichtige Arbeit. Ich habe viele Kinder getroffen, die direkte oder indirekte Hilfe bekommen haben und deren Leben sich dadurch verbessert hat. An vielen Stellen ist allerdings auch noch viel Arbeit und Unterstützung nötig, damit sich das Leben von Kindern tatsächlich langfristig und nachhaltig ändert. Ich habe jedoch selten so eine Lust auf Schule und Freude am Lernen gesehen wie an der Rubingo Schule, der Murama Schule oder der Kigeyo Schule. Das hat mich wahnsinnig beeindruckt und berührt. Das ist die Zukunft der Kinder hier und ihre Chance, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Und das wissen sie. Immer wieder kam ich mit den Kindern ins Gespräch und musste selbst viele Fragen beantworten - wie wird man denn Journalistin, wie sieht Deutschland aus, wie sagt man auf Deutsch “Guten Tag” usw.
Das war eine spannende Zeit mit den vielfältigsten Einblicken in Kinderleben. Positive, berührende, nachdenkliche Momente und Erinnerungen, mit denen ich heute Abend ins Flugzeug steige und über die ich auch in den nächsten Wochen noch weiter berichten werde.
Am Wochenende gab es für viele Kinder der Murama Schule ein ganz besonderes Ereignis: Ein deutsches Drehteam war an der Schule zu Gast und sogar bei einigen Kindern zu Hause! Da waren nicht nur die Schulkinder, sondern oft auch das halbe Dorf unterwegs um die spannenden Dreharbeiten zu verfolgen!
Gemeinsam mit einem Team des KI.KA – Der Kinderkanal von ARD und ZDF habe ich drei Tage lang für eine Reportage zum Thema „Kinderrechte“ gedreht. Unter anderem an der Murama Schule. Dort zeigte der 16-jährige Erneste dem Moderator Ben u.a., wie er aus Bananenblättern einen Fußball bastelt und damit sein „Recht auf Spiel“ umsetzt! Das war sehr spannend. Innerhalb von 15 Minuten wurde aus fünf unterschiedlich großen Bananenblättern, etwas Stoff sowie Schnur ein richtiger kleiner Fußball. Um den dann auch gleich die halbe Schule kämpfte und wie hier auf dem Bild zu sehen vor den neuen von UNICEF gesponserten Schulgebäuden spielte (rechts im Bild: Moderator Ben, links: Erneste)!
Erneste ist, wie viele andere Jungen hier, total fußballbegeistert. „Ich muss jeden Tag Fußball spielen!“ sagt er. Er spielt nicht nur an der Schule Fußball, sondern auch in einem Verein. Und verfolgt, wenn er Zeit hat, auch in seiner Freizeit über den Fernseher eines örtlichen Restaurants die europäischen Fußball-Ligen. Sein ganzer Stolz ist ein Armband seines Lieblingsvereins Manchester United, das er mal von einem Besucher der Schule geschenkt bekommen hat. Er und seine Freunde kennen viele der europäischen Fußballer mit Namen und fiebern auf die WM auf dem eigenen Kontinent hin. Die ruandische Nationalmannschaft ist da zwar nicht vertreten, aber „die sind leider auch nicht gut genug“, gesteht der 16-jährige.
Aber das stört ihn nicht, wenn er nur selbst so oft wie möglich spielen kann. Und beim Spielen vor der Kamera sind seine Freunde und er voll in ihrem Element.
Gestern hatte ich die Möglichkeit, verschiedene Kinder und ihre Familien zu Hause auf dem Land zu besuchen. Die Erlebnis dort haben mich sehr beeindruckt und emotional aufgerüttelt. So langsam beginne ich zu verstehen, warum die Kinder hier wirklich und mit ganzem Herzen gerne zur Schule gehen und an Clubs wie dem Anti-Aids Club teilnehmen. Es geht um ihr Leben. Es ist oft ihre einzige Chance, aus der Armut herauszukommen und eine wirkliche Zukunft zu haben.
Vor ein paar Wochen hatte ich – auch im Hinblick auf den heutigen „Red Hand Day“, den internationalen Tag gegen den Missbrauch von Kindern als Soldaten – die Gelegenheit, ein Rehabilitationszentrum für ehemalige Kindersoldaten zu besuchen. Dabei konnte ich auch mit einigen der derzeit 24 dort lebenden Jungen reden. Dieses Erlebnis hat mich sehr beeindruckt. Wenn man in die Augen einiger der Jungen geblickt hat, konnte man erahnen, was sie wohl schon gesehen und mitgemacht haben müssen. Ihre Geschichten sind schwer, die Herzen der meisten sicherlich noch.
Ich bekam die Erlaubnis, nicht nur zu fotografieren, sondern auch zu drehen. Und darf sogar ihre Gesichter zeigen und ihre richtigen Namen nennen. So wird, glaube ich, auch wenn man das Camp nicht selbst besucht hat, klar, was solch ein Schicksal bedeutet. Hier nun der kleine Film, der dort entstanden ist.
Und HIER ist der etwas ausführlichere Beitrag mit weiteren Interviews und Infos – um dem Ganzen mehr Raum zu geben diesmal auf einer eigenen Seite.Ich freue mich über Euer/Ihr Feedback!
Seit nunmehr 5 Wochen lerne die Arbeit der UNICEF Kollegen hier vor Ort kennen und besuche Projekte. Ich erlebe hier tagtäglich mit, wie die Kollegen für die Kinder arbeiten und schon viele Erfolge erzielt haben. Sie fördern sehr beeindruckende, konkrete Projekte und Institutionen. Ganz wichtig ist es aber auch die Regierung dabei zu unterstützen, ein kinderfreundliches und –förderndes Umfeld herzustellen, in allen Bereichen des Lebens. Es ist für mich sehr spannend, zu verstehen und zu sehen, wie UNICEF ganz konkret arbeitet – daher heute ein kurzer Einblick in diese Arbeit, in die ich seit ein paar Wochen Einblicke erhalte. Beim Thema Bildung hat UNICEF erst kürzlich einen großen Erfolg erzielt: Die Regierung hat das von UNICEF entwickelte Model der „kinderfreundlichen“ Schulen in ihre Richtlinien übernommen, an die sich zukünftig alle Schulen des Landes halten müssen. Dazu gehören kinderfreundliche Klassenräume, getrennte Toiletten für Mädchen und Jungen (siehe Photo: die neuen Latrinen der Kigeyo Schule), Förderprogramme für Kinder, die nach Jahren ohne Unterricht erneut eingeschult werden, kinderfreundliche, moderne Lehrmethoden, Clubs und Aktivitäten zur Wissensvermittlung und Auseinandersetzung mit HIV und Aids (siehe Photo: Mädchen und Jungen des Tuseme Clubs der Kigeyo Schule setzen sich mit Hilfe von Tanz mit bestimmten Themen und aktuellen Problemen auseinander), Starthilfe für einen Beruf, Schulgärten (siehe Photo: Neue Klassenräume der Murama Schule und eine Gemüsespirale – dort wird seit dem Beginn des neuen Schuljahres frisches Gemüse angebaut) und vieles mehr.
Ein Beispiel, von dem ich in den letzten Blogeinträgen schon konkreter berichtet habe: In Ruanda wurde die Schulpflicht jetzt von sechs auf neun Jahre erweitert – heißt gleichzeitig auch: 9 Jahre Schule ohne Schulgebühren (vorher mussten ab dem 7. Schuljahr Schulgebühren bezahlt werden). Die Regierung baut dafür viele neue Klassenräume und setzt dabei die UNICEF-Standards um. So übernimmt quasi die Regierung ein Programm, das UNICEF angestoßen hat, und überträgt es aufs ganze Land! Und so funktionieren hier viele Neuerungen: UNICEF versucht zusammen mit den Ministerien durch Modellprojekte, die Zusammenarbeit mit kommunalen Partnern und Organisationen sowie mit Zahlen und Statistiken zu zeigen, wo Kinder Not leiden und wie ihnen am besten geholfen werden kann. Und im besten Fall werden Modellprojekte dann auch auf weitere Regionen ausgeweitet und die Regierung übernimmt immer mehr selbst die Verantwortung - auch finanziell. Ein großer Schritt, der hier im Bereich Bildung schon gemacht wurde, finde ich, und der den Kinden direkt zugute kommt.
Das ist Providence. Sie besucht die 6. Klasse an der von UNICEF unterstützten kinderfreundlichen Kigeyo Schule. Sie hat mich bei meinem Besuch an der Kigeyo Schule in dieser Woche sehr beeindruckt, denn sie ist nicht nur im Cultural Dance Club aktiv, sondern auch im Caritas-Club der Schule.
Am Dienstag, dem ersten Tag des neuen Schuljahres, war ich zu Besuch in der Kigeyo Schule. Hier ein Eindruck von dieser von UNICEF unterstützten, beeindruckenden kinderfreundlichen Schule.
Als ich gestern gegen 10 Uhr vormittags in die Innenstadt von Kigali will, traue ich meinen Augen nicht: Alle Straßen sind leer. Kaum ein Mensch ist auf der Straße, es fahren keine öffentlichen Verkehrsmittel – nicht mal ein Moto-Taxi! Kein Geschäft ist geöffnet. Die Polizei lässt einige der wenigen Autos anhalten. In meiner Nachbarschaft schließlich sehe ich ca. 50 Menschen zusammensitzen, eine weitere Gruppe von Männern und Frau treffe ich eine Straße weiter mit Schaufeln und Besen an. Hab ich was verpasst? Ist heute Feiertag? Nein.
Meine Mitbewohner klärt mich schließlich auf: Am letzten Samstag im Monat ist von 7 Uhr morgens bis zum Mittag „Umuganda“. „Umuganda“ ist ein Kinyarwanda-Wort und bedeutet „Beitrag, Mitwirkung, Beteiligung“. Es ist ein für die ganze Bevölkerung „obligatorisches Arbeitsfest“. Dies ist wohl eine ruandische Tradition, die ihren Ursprung noch in präkolonialer Zeit hat. An Umuganda soll jeder zum Aufbau und zur Instandhaltung des Landes beitragen (auf Kinyarwanda: “Umuganda wubaka igihugu”).
Jede Person über 18, die dazu körperlich in der Lage ist, ist verpflichtet, sich an dieser unbezahlten kommunalen Arbeit zu beteiligen - vom Präsidenten bis hin zu den Bewohnern der kleinsten Dörfer in den Nationalparks. Tut man dies nicht und hat keine Ausnahmegenehmigung (die man aus triftigem Grund gegen Bares erwerben kann), kann man sogar kurzzeitig inhaftiert werden, wenn man bei anderen Tätigkeiten (wie Auto- oder Taxifahren…) erwischt wird. Sinn der Sache ist, einen Gemeinschaftssinn unter den Nachbarn und Dorfbewohnern zu entwickeln, fördern und pflegen, Diskussionen anzuregen, Informationen auszutauschen und direkte Arbeitseinsätze dort zu starten, wo sie dringend benötigt werden. Außerdem soll so jeder an der Verantwortung für das Dorf/die Kommune beteiligt werden. Eine „Umuganda“-Gruppe, der meist zwischen 50 und 150 Haushalte angehören, werden von einem „Umudugudu“ Manager geleitet und gilt als die kleinste lokale Verwaltungseinheit innerhalb Ruandas.
Das sieht dann so aus: Alle Erwachsenen treffen sich zu einem Arbeitseinsatz oder zu Sitzungen: Straßen putzen, Bäume und Büsche schneiden, den Rasen der Stadt mähen, öffentliche Gebäude instandhalten, Beratungen über die Entwicklung der Kommune abhalten usw. Außerdem können hier die Bürger den lokalen Autoritäten direkt Fragen stellen oder Probleme diskutieren.Ein weiterer Vorteil ist, dass sich durch Umuganda wirklich alle Menschen eines Dorfes oder eines Stadtteils direkt kennen und gemeinsam Probleme diskutieren können, die alle betreffen – das kann zum Beispiel die Sicherheit eines Dorfes sein, aber auch die Auswirkung eines Regierungsprogrammes auf den Ort. Außerdem können hier post-genozide Herausforderungen auf lokaler Ebene angesprochen werden, ganz pragmatisch z.B. wenn ein Dorfbewohner nach jahrelanger Haft seine Strafe abgesessen hat und ins Dorf zurückkehrt.
Ein Redakteur der Zeitung „The New Times“, die hier in Ruanda erscheint, hat 2008 eine interessante Rechnung aufgestellt: an Umuganda arbeiten ca. 5 Millionen Menschen ungefähr 4 Stunden lang unbezahlt, das sind 20 Millionen Stunden menschlicher Arbeit. Das heißt umgerechnet, dass an jedem letzten Samstag im Monat soviel Menschen arbeiten wie sonst 10000 Menschen ein ganzes Jahr lang!!! Und das unbezahlt.