Statement

„Kinder leiden besonders“

Statement vom 16. April 2024 von UNICEF-Exekutivdirektorin Catherine Russell nach ihrem zweitägigen Besuch im Nahen Osten

New York/Jerusalem/Köln

„Heute habe ich einen zweitägigen Besuch im Nahen Osten abgeschlossen. Die eskalierende Gewalt dort fordert weiterhin einen unerträglichen Tribut von Kindern.

Am ersten Tag traf ich mich mit einigen der vielen israelischen Familien, die am 7. Oktober unbeschreibliche Gewalt erlebt haben, einschließlich der Geiselnahme von Kindern, der Tötung von Angehörigen und dem Verlust von Häusern und Gemeinden.

Ein Angehöriger der beiden israelischen Kinder, die in Gaza weiter als Geiseln gehalten werden, der vierjährige Ariel und sein einjähriger Bruder Kfir, sagte mir, er wolle sie einfach zurückhaben, zusammen mit ihrer Mutter und ihrem Vater. ‚Wir lieben sie so sehr’, sagte er.

Familienangehörige der freigelassenen Kinder berichteten mir von der grausamen Situation, als Geisel festgehalten zu werden, ohne zu wissen, was der nächste Tag bringen wird. Sechs Monate später wissen die Familien der israelischen Geiseln, die weiter im Gazastreifen festgehalten werden, noch immer nichts über das Schicksal ihrer Liebsten. Dies macht eine Heilung oder Genesung unmöglich.

Das Personal des Schneider Children's Medical Center in Petach-Tikvah, in dem einige der israelischen Kinder nach ihrer Freilassung im November betreut wurden, sagte mir, dass es eines langen Heilungsprozesses bedürfe, bis sich die Kinder wieder sicher fühlen.

Ich hatte konstruktive Gespräche mit Vertretrer*innen israelischer Behörden, unter anderem über die schreckliche humanitäre Krise im Gazastreifen und die dringende Notwendigkeit, einen besseren Zugang zu gewährleisten. Ich habe ihre Zusicherung begrüßt, humanitären Teams besseren Zugang zu Kindern in Not zu ermöglichen. Wir sehen der wichtigen Umsetzung dieser Zusicherung sowie der Sicherheitsgarantien für die Helfer*innen und die Kinder, denen sie helfen, erwartungsvoll entgegen.

An meinem zweiten Tag besuchte ich Palästina, wo ich mich mit Familien und Beamten im Westjordanland, einschließlich Ostjerusalem, austauschte. Ich hörte erschütternde Berichte von Familien und Kindern über Angst und Gewalt, die ihr Leben seit langem prägt und die in den vergangenen sechs Monaten erheblich eskaliert ist. Allein in diesem Jahr wurden 37 palästinensische Kinder und zwei israelische Kinder durch Kampfhandlungen getötet.

Ich bin Kindern begegnet, die jeden Tag auf dem Weg zur Schule mit Absperrungen und Checkpoints konfrontiert sind. Ich habe auch mit einem Jungen gesprochen, der zum ersten Mal von den Behörden festgenommen wurde, als er erst elf Jahre alt war. Sein Bruder wird aktuell festgehalten, und die Familie weiß nicht, wo er sich aufhält.

Ich besuchte das Al-Makassed-Krankenhaus in Ostjerusalem, wo ich die kleinen Drillinge Noor, Najwa und Nejma traf. Die Ärzte erzählten mir, dass ihre Mutter vor acht Monaten aus dem Gazastreifen zur Entbindung ins Krankenhaus kam und die Babys so klein waren, dass sie einen Inkubator und gezielte medizinische Versorgung brauchten, um zu überleben. Ihre Mutter musste nach Gaza zurückkehren, aber dann brach der Krieg aus, und sie konnte nicht mehr zu ihnen zurück. Sie befürchtet, dass sie sterben könnte, bevor sie ihre Kinder wiedersieht.

Bislang wurden im Gazastreifen Berichten der lokalen Behörden zufolge mehr als 13.800 Kinder getötet, Tausende wurden verletzt und weitere Tausende stehen am Rande einer Hungersnot.

Unsere UNICEF-Kolleg*innen sind von der Gewalt nicht verschont geblieben. Viele haben in Gaza Familie, Freunde und ihr Zuhause verloren. Insgesamt wurden mehr als 200 humanitäre Helfer*innen bei dem Versuch getötet, das Leben anderer Menschen zu retten.

Kinder fangen keine Kriege an und können sie auch nicht beenden. Jedoch zahlen sie den höchsten Preis. Im Interesse aller Kinder fordere ich die Konfliktparteien dringend auf, alle israelischen Geiseln freizulassen, einen sofortigen Waffenstillstand im Gazastreifen umzusetzen, den ungehinderten Zugang für humanitäre Hilfsorganisationen zu ermöglichen und jede weitere Gewalt gegen Kinder zu unterlassen.

Die vergangenen Tage haben uns daran erinnert, wie schnell sich Kampfhandlungen auf die Region ausweiten können. Wie immer leiden Kinder im Krieg ganz besonders. Wir alle haben die Pflicht, alles in unserer Macht Stehende zu tun, um das Leben von Kindern zu schützen.“

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