Pressemitteilung

Angriffe auf Wasserversorgung in Konfliktgebieten haben sich verdreifacht – Immer mehr Kinder verlieren Zugang zu sauberem Wasser

UNICEF-Bericht dokumentiert Angriffe auf Wasser-, Sanitär- und Hygieneversorgung in 23 Ländern und Gebieten / Gefahren für Kinder, Familien, die dort tätigen Mitarbeitenden und Helfenden

Ein Kind im Jemen auf dem Weg zu einem Wasserturm.

Ein Kind im Jemen auf dem Weg zu einem Wasserturm.

© UNICEF/UNI934849/Al-Basha

Die Zahl der gemeldeten Angriffe, durch die Wasser-, Sanitär- und Hygieneversorgungseinrichtungen (WASH) in Konfliktgebieten beschädigt oder zerstört wurden, hat sich zwischen 2021 und 2025 verdreifacht. Für Kinder steigt dadurch das Risiko von Krankheitsausbrüchen, Mangelernährung und Gewalt betroffen zu sein.

Der heute veröffentlichte UNICEF-Bericht „Water Under Fire, Volume 4“ („Wasser unter Beschuss“) dokumentiert in 23 Ländern und Gebieten Angriffe auf Wasserinfrastruktur, auf Mitarbeitende der Wasserversorgung sowie die Menschen, die auf diese Systeme angewiesen sind. Im Gesamtbetrachtungszeitraum des Berichts von Januar 2021 bis Juni 2026 zeigt sich ein Muster: Angriffe treten häufiger und in verschiedenen Formen auf. Zudem betreffen sie weltweit immer größere geografische Gebiete.

„Angriffe auf Wasser- und Sanitärsysteme rauben Kindern den Zugang zu sicherem Trinkwasser und zur Grundversorgung, die auf funktionierende Wasserversorgung angewiesen ist“, sagte UNICEF-Exekutivdirektorin Catherine Russell. „Humanitäre Helferinnen und Helfer tun ihr Bestes, um die Wasserversorgung trotz zunehmender Angriffe aufrechtzuerhalten. Reparaturen können jedoch den Schutz dieser Anlagen nicht ersetzen, den das humanitäre Völkerrecht vorschreibt.“

Zerstören, Verunreinigen, Zugang abschneiden – Angriffe sind vielfältig

Der Bericht beschreibt sieben Angriffsarten. Diese reichen von Treffern auf Aufbereitungsanlagen, Leitungen und Brunnen bis hin zur Verunreinigung von Wasserquellen und Einschränkungen bei der Versorgung mit Ersatzteilen und Aufbereitungschemikalien. Im Sudan war bis März 2024 nur noch eine der 13 Wasseraufbereitungsanlagen im Bundesstaat Khartum in Betrieb. In Burkina Faso wurden zwischen 2020 und 2025 mehr als 145 Wasserstellen bei Angriffen zerstört. Dadurch wurden rund 830.000 Menschen von der Wasserversorgung abgeschnitten, mehr als die Hälfte von ihnen Kinder. Im Gazastreifen wurden seit Oktober 2023 mehr als 130.000 Meter Abwasserleitungen beschädigt. Unbehandeltes Abwasser floss ins Mittelmeer oder in provisorische Auffangbecken.

Laut dem Bericht kann die Wasserversorgung selbst dann unterbrochen werden, wenn Leitungen und Pumpen intakt sind. In der Ukraine ließen Angriffe auf die Energieinfrastruktur bis Dezember 2022 fast sieben Millionen Kinder ohne dauerhaften Zugang zu Strom, Heizung und Wasser. Durch einen Drohnenangriff auf ein Gasfeld im November 2025 sank die Stromerzeugung in der gesamten Region Kurdistan um etwa 80 Prozent. Die Behörden mussten den Strom zwischen Wasserprojekten, Krankenhäusern und Städten rationieren.

Risiken für Gesundheit, Ernährung, Bildung und Leben von Kindern

Die Auswirkungen reichen weit über den Zugang zu Trinkwasser hinaus. Ohne sauberes Wasser können Gesundheitseinrichtungen keine Geräte sterilisieren, Geburten nicht sicher begleiten und keine therapeutische Milch für schwer mangelernährte Kinder zubereiten. Wiederholter Durchfall aufgrund von unsauberem Wasser verhindert, dass Kinder die Nährstoffe aufnehmen, die sie benötigen. Gleichzeitig schwächt er ihre Abwehrkräfte gegen Infektionen, die sich ausbreiten, wenn Wasser unsicher oder nicht verfügbar ist.

Die WHO führte einen Hepatitis-E-Ausbruch in Camps für Geflüchtete im Osten des Tschad, in denen Geflüchtete aus dem Sudan leben, auf den schlechten Zugang zu sauberem Wasser und zu Sanitäreinrichtungen zurück. Die Hälfte der 2.092 Verdachtsfälle, die zwischen Januar und April 2024 registriert wurden, betraf Kinder im Alter von sechs bis 17 Jahren.

Der Bericht dokumentiert zudem, wie Kinder beim Schlangestehen an Wasserstellen getötet, verletzt wurden oder zu Schaden kamen. Im Gazastreifen wurden zahlreiche dieser Fälle dokumentiert. Wenn Familien Wasser außerhalb ihrer Wohnung holen müssen, übernehmen in sieben von zehn Haushalten Frauen und Mädchen diese Aufgabe. Längere, gefährlichere Wege erhöhen ihr Risiko, von sexualisierter Gewalt betroffen zu sein. Zudem kosten sie Zeit, die Mädchen sonst in der Schule verbringen sollten.

An Risiken anpassen statt aufgeben – auch Helfende geraten in Gefahr

Auch diejenigen, die die Wasserversorgung aufrechterhalten, sind gefährdet. 14 Mitarbeitende der libanesischen Wasserwerke wurden nach Angaben der Vereinten Nationen im Libanon-Konflikt im Jahr 2024 getötet.

Der Bericht beschreibt, wie sich humanitäre Teams anpassen: In Afghanistan laufen inzwischen rund 65 Prozent der von UNICEF unterstützten Wassersysteme mit Solarstrom. Dadurch sind sie weniger abhängig von Brennstoffen und dem nationalen Stromnetz. In anderen Kontexten werden lokale Mechaniker und Mechanikerinnen ausgebildet, Ersatzteile eingelagert, bevor es zu Schäden kommt und kleinere lokale Versorgungssysteme aufgebaut. So legt ein einzelner Angriff nicht die gesamte Versorgung lahm.

Diese Arbeit ist jedoch durch starke Kürzungen der Finanzierung gefährdet. In Ländern mit einer koordinierten humanitären WASH-Hilfe benötigen 137,9 Millionen Menschen Unterstützung bei Wasser, Sanitärversorgung und Hygiene. Bisher sind für 2026 nur 26 Prozent der benötigten finanziellen Mittel eingegangen.

UNICEF ruft Konfliktparteien, UN-Mitgliedstaaten, Geberländer sowie humanitäre und entwicklungspolitische Akteure auf:

  • Wasserinfrastruktur in Konfliktgebieten als lebenswichtig für die Zivilbevölkerung, besonders für Kinder, anzuerkennen und ihren Schutz als wesentlich für die Verwirklichung ihrer Grundrechte anzusehen.
  • Einen Mechanismus zu schaffen, der Angriffe auf die Wasserinfrastruktur in Konflikten systematisch erfasst.
  • Kinder und Gemeinden, sowie WASH- und Energiefachkräfte zu schützen.
  • Humanitären Teams sowie WASH- und Energiefachkräften einen sicheren, unmittelbaren und ungehinderten Zugang zu Menschen in Not sowie zu den notwendigen Gütern zu ermöglichen, die für Wasser- und Energiesysteme erforderlich sind.
  • In WASH-Systeme, die auch unter Konfliktbedingungen funktionieren und in lokal gesteuerte Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der Dienste zu investieren.

Hinweise für Redaktionen

» Multimedia-Material finden Sie hier.

» Den Bericht finden Sie hier.

Über UNICEF: Hilfe für Kinder seit 80 Jahren

Das UN-Kinderhilfswerk wurde vor 80 Jahren am 11. Dezember 1946 ins Leben gerufen, um Kindern im vom Zweiten Weltkrieg zerstörten Europa zu helfen. Heute setzt sich UNICEF weltweit in über 190 Ländern für die Umsetzung der Rechte aller Kinder ein. Von der schnellen Nothilfe bis zu langfristigen Programmen hilft UNICEF, dass Mädchen und Jungen überall auf der Welt gesund und geschützt groß werden und ihre Fähigkeiten voll entfalten können.

Das Deutsche Komitee für UNICEF mit Sitz in Köln wurde 1953 als Verein gegründet und ist heute eine der wichtigsten Stützen der weltweiten UNICEF-Arbeit. In ganz Deutschland sind rund 7.000 ehrenamtliche Erwachsene und Jugendliche für UNICEF aktiv. Mit Programmen und politischer Arbeit trägt UNICEF Deutschland auch hierzulande zu einem besseren Verständnis der Rechte und der Belange von Kindern bei. Weitere Informationen: www.unicef.de.

Katja Sodomann
Sprecherin (Köln) - Internationale Themen