Pressemitteilung

UNICEF: Mangelnde Investitionen in junge Generation kommen Kinder und öffentliche Haushalte teuer zu stehen

Neues Gutachten des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) im Auftrag von UNICEF Deutschland 

© UNICEF/UN0875908/Sachse-Grimm
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Kinderarmut und fehlende Bildungs- und Teilhabechancen tragen nicht nur dazu bei, dass in Deutschland weiter über eine Million Kinder unter schwierigen Bedingungen aufwachsen müssen. Sie kommen auch die öffentlichen Haushalte teuer zu stehen. Das belegt ein neues Gutachten des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) im Auftrag von UNICEF Deutschland. Konkret zeigen die modellhaften Berechnungen: Ein Kind, das depriviert aufwächst – in dessen Familie also beispielsweise Freizeitaktivitäten nicht möglich sind oder die Wohnung nicht beheizt ist – trägt im Laufe seines Lebens zu den öffentlichen Haushalten schätzungsweise 216.500 Euro weniger bei als ein Kind, das diese Einschränkungen nicht erfährt.

„Wir müssen aufhören, Ausgaben für Kinder nur als Kosten zu betrachten – wir sollten sie als dringend nötige Investitionen sehen“, sagte Graf Waldersee, Vorsitzender von UNICEF Deutschland. „Jedes Kind hat ein Recht auf Bildung, Gesundheit und ein gutes Aufwachsen. Das ist in der UN-Kinderrechtskonvention klar verankert. Unser Gutachten zeigt: In Kinder zu investieren, und zwar gezielt in die besonders benachteiligten Kinder, ist nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit, sondern auch ökonomisch einfach vernünftig."

Der Staat gibt für alle Menschen in Deutschland über den gesamten Lebensverlauf hinweg Geld aus, zum Beispiel für Kitas, Schulen, Ausbildungsstätten, Universitäten, Krankenversicherungen oder Leistungen wie das Kindergeld. Zugleich nimmt der Staat auch Geld ein, beispielsweise durch die Steuern, wie die Einkommens- oder Konsumsteuern oder Sozialabgaben. Das Institut der deutschen Wirtschaft hat in dem Gutachten „Ökonomische Effekte der Deprivation von Kindern und Jugendlichen“ nun für UNICEF Deutschland erstmals untersucht, ob und wie sich fehlende Bildungs- und Teilhabechancen auf die Einnahmen und Ausgaben des deutschen Staates auswirken.

Die fiskalische Bilanz fällt in dieser modellhaften Analyse sehr unterschiedlich aus: Im Durchschnitt trägt ein Kind in Deutschland unter Einschluss der Effekte bei den Eltern über sein gesamtes Leben hinweg 301.900 Euro mehr zu den öffentlichen Haushalten bei, als diese über das Leben hinweg für das Kind ausgeben. Je nach Chancen für einen erfolgreichen Bildungsweg und gesundes Aufwachsen kann die Bilanz jedoch stark im Plus oder deutlich im Minus liegen. Das liegt daran, dass die Kinder im Lebensverlauf beispielsweise unterschiedlich hohe Einkommenssteuern zahlen, Leistungen der Krankenversicherung oder Transferleistungen beziehen.

Für Prof. Dr. Axel Plünnecke vom Institut der deutschen Wirtschaft sollten investive Maßnahmen in das Aufwachsen von Kindern ausgeweitet werden. „Durch eine gute Ganztagsinfrastruktur an Kitas und Schulen mit Familienzentren, Schulsozialarbeit und Beratungsangeboten können Familien unterstützt und die Teilhabechancen der Kinder verbessert werden. Die Investitionen lohnen sich.“

Bildung und Gesundheit als entscheidende Hebel

Der Bildungsweg entscheidet maßgeblich über die Zukunftschancen eines Kindes und damit auch über seinen langfristigen Beitrag zu den öffentlichen Haushalten. In Deutschland hängt der Bildungserfolg jedoch weiterhin stark vom sozioökonomischen Hintergrund des Elternhauses ab.

Erreicht ein Kind später einen akademischen Bildungsweg, ergibt sich für den Staat eine geschätzte Fiskalbilanz von 943.000 Euro. Bei Kindern mit einem beruflichen Bildungsweg beträgt die Bilanz 117.600 Euro. Bei Kindern ohne berufsqualifizierenden Abschluss fällt die Bilanz mit minus 377.100 Euro negativ aus. Das bedeutet: Über den Lebensverlauf gibt der Staat für diese Gruppe mehr aus, als er einnimmt.

Ein weiterer wichtiger Faktor für den späteren Lebensweg und beruflichen Erfolg ist die Gesundheit von Kindern. Bei einem durchschnittlichen Bildungsweg eines Kindes ist ein gesunder Lebenswandel – also zum Beispiel regelmäßiger Verzehr von Obst und Gemüse sowie sportliche Aktivität – mit einem fiskalischen Plus von 130.900 Euro gegenüber einem ungesunden Lebenswandel verbunden.

Auch die psychische Gesundheit wirkt sich auf die öffentlichen Haushalte aus. Depressionen können langfristig zu einem fiskalischen Minus von bis zu 345.500 Euro führen. Dazu tragen vor allem ihre Auswirkungen auf Erwerbs- und Einkommensverläufe bei.

Das Gutachten kommt zu dem Schluss, dass ein mit Deprivationen aufwachsendes Kind langfristig 216.500 Euro weniger zu den öffentlichen Haushalten beiträgt als ein Kind, das nicht unter diesen Einschränkungen aufwächst.

Die Ergebnisse zeigen: Staatliche Maßnahmen, die dafür sorgen, dass möglichst jeder junge Mensch einen Schulabschluss schafft und einen Berufsweg einschlägt sowie die körperliche und mentale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen wirksam gestärkt wird, sind ein großer Hebel. Langfristig bringen sie erhebliche Vorteile für die öffentlichen Haushalte.

Handlungsbedarf: Deutschland muss mehr für seine Kinder tun

Aktuell kommt Deutschland seiner Verpflichtung aus der UN-Kinderrechtskonvention, allen Kindern bestmögliche Bedingungen für ihr Aufwachsen zu bieten, nicht vollumfänglich nach. Zahlen aus der UNICEF-Datenbank „Kind sein in Deutschland" und dem UNICEF-Bericht zur Lage der Kinder in Deutschland zeigen: Immer noch kann ein zu großer Anteil der Kinder in Deutschland sein Potenzial nicht entfalten. So wachsen über eine Million Kinder unter schwierigen Bedingungen auf und haben beispielsweise kein zweites Paar Schuhe, keinen Zugang zu vollwertigen Mahlzeiten oder weder Platz noch Ruhe für Hausaufgaben. Besonders besorgniserregend ist, dass jedes Jahr rund 65.000 junge Menschen die Schule ohne Abschluss verlassen.

Auf Grundlage des Gutachtens empfiehlt UNICEF Deutschland:

  • Kinder in den Mittelpunkt der Haushaltsplanung stellen: Wirksame Maßnahmen für ein gutes Aufwachsen – in Bildung, Gesundheit und Prävention – sollten nicht pauschal gekürzt werden.

  • Kinder in benachteiligten Lebenslagen gezielt unterstützen: Öffentliche Mittel sollten dort eingesetzt werden, wo sie die größte Wirkung entfalten – bei Kindern, die gezielte Unterstützung brauchen, um ihre Potenziale zu entfalten.

  • Die Zusammenarbeit verbessern: Bund, Länder und Kommunen sollten in der Kinderpolitik enger zusammenarbeiten. Zu oft scheitert wirksame Prävention an Zuständigkeitsgrenzen.

  • Eine Strategie gegen Kinderarmut entwickeln: Der Bund sollte ein ressortübergreifendes Maßnahmenpaket zur finanziellen Absicherung von Kindern und Familien vorlegen. Zudem sollte er Leistungen leichter zugänglich machen und das soziokulturelle Existenzminimum bedarfsgerecht neu berechnen.

Über das Gutachten

Das Gutachten „Ökonomische Effekte der Deprivation von Kindern und Jugendlichen" wurde von Prof. Dr. Axel Plünnecke und Dr. Wido Geis-Thöne vom Institut der deutschen Wirtschaft für UNICEF Deutschland erstellt. Das Gutachten analysiert annahmebasiert typische Lebensverläufe von Kindern, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind. In den Modellrechnungen werden die öffentlichen Ausgaben und Einnahmen über den Lebensverlauf hinweg gegenübergestellt und auch die durch die Kinder entstehenden geringeren Zahlungen der Eltern für Steuern und Sozialbeiträge berücksichtigt. Zu den Ausgaben zählen etwa Kosten für Bildung und Betreuung, Kindergeld sowie die beitragsfreie Mitversicherung in der gesetzlichen Kranken- und sozialen Pflegeversicherung. Auf der Einnahmenseite stehen modellierte Erwerbs- und Einkommensverläufe. Daraus berechnet das Gutachten die Steuerzahlungen und Sozialversicherungsbeiträge. Die Ergebnisse sind Schätzungen. Sie zeigen, wie sich Einnahmen und Ausgaben im Modell zueinander verhalten. Ihre Höhe hängt jedoch von den getroffenen Annahmen, den verwendeten Daten und den Grenzen der Datenquellen ab. Deshalb bilden die Berechnungen die komplexen Zusammenhänge zwischen Deprivation und fiskalischen Bilanzen nur begrenzt ab. Zugleich machen sie erstmals sichtbar, in welcher Größenordnung Investitionen in Kinder langfristig Erträge ermöglichen können.

Erläuterung des Begriffs „Deprivation“

Das Gutachten des IW Köln verwendet den Begriff „Deprivation" im Sinne des fehlenden oder eingeschränkten Zugangs von Kindern und Jugendlichen zu grundlegenden Ressourcen, die für ihre Entwicklung und Teilhabe bedeutsam sind. Materielle Deprivation bezeichnet Kinderarmut, die sich im Alltag zeigt – wenn Kinder aus finanziellen Gründen etwa nicht täglich eine angemessene Mahlzeit bekommen, nicht an Schulausflügen teilnehmen können, keine altersgerechten Bücher haben oder nicht an Freizeitaktivitäten teilnehmen können. Deprivation schränkt Entwicklungschancen ein – und das hat, wie das Gutachten zeigt, langfristige Folgen für die Kinder selbst und für die Gesellschaft.

Über UNICEF: Hilfe für Kinder seit 80 Jahren

Das UN-Kinderhilfswerk wurde vor 80 Jahren am 11. Dezember 1946 ins Leben gerufen, um Kindern im vom Zweiten Weltkrieg zerstörten Europa zu helfen. Heute setzt sich UNICEF weltweit in über 190 Ländern für die Umsetzung der Rechte aller Kinder ein. Von der schnellen Nothilfe bis zu langfristigen Programmen hilft UNICEF, dass Mädchen und Jungen überall auf der Welt gesund und geschützt groß werden und ihre Fähigkeiten voll entfalten können.

Das Deutsche Komitee für UNICEF mit Sitz in Köln wurde 1953 als Verein gegründet und ist heute eine der wichtigsten Stützen der weltweiten UNICEF-Arbeit. In ganz Deutschland sind rund 7.000 ehrenamtliche Erwachsene und Jugendliche für UNICEF aktiv. Mit Programmen und politischer Arbeit trägt UNICEF Deutschland auch hierzulande zu einem besseren Verständnis der Rechte und der Belange von Kindern bei. Weitere Informationen: www.unicef.de.

Service für Redaktionen

Das IW-Gutachten können Sie hier abrufen.

Eine Zusammenfassung des Gutachtens mit Handlungsempfehlungen von UNICEF Deutschland finden Sie hier.

Aktuelle Daten zur Situation von Kindern in Deutschland finden Sie in der UNICEF-Datenbank „Kind sein in Deutschland"

Agnieszka Szczepanska
Öffentlichkeitsarbeit | Kinder in Deutschland