Pressemitteilung

Sudan: „Kinder zahlen einen entsetzlichen Preis für dreieinhalb Jahre Krieg“

Christian Schneider, Geschäftsführer UNICEF Deutschland, unterhält sich mit Kindern im Ibrahim Subahi Child Friendly Space.
© UNICEF/UN0931406/Elfatih



Lebensbedrohlicher Hunger, brutale Gewalt und schwerste Kinderrechtsverletzungen: Geschäftsführer von UNICEF Deutschland berichtet nach seinem Besuch im Kriegsland

„Während im Sudan auch nach dreieinhalb Jahren kein Ende des erbarmungslos geführten Krieges in Sicht ist, erleben die Kinder im Land mit jedem neuen Tag, wie ihre Kindheit zerbricht", berichtet Christian Schneider, Geschäftsführer von UNICEF Deutschland, zum Ende seines dreitägigen Besuchs der UNICEF-Programme in Port Sudan und Khartum.

„In den besonders schwer umkämpften Regionen in Darfur, Kordofan und zuletzt auch Blue Nile fordern Drohnenangriffe auf Märkte, Wohnhäuser, Schulen und andere Einrichtungen immer mehr Todesopfer und Verletzte – auch unter Kindern. Schwere Kinderrechtsverletzungen wie Tötungen und Verstümmelungen, sexualisierte Gewalt und Entführungen gegen Lösegeldzahlungen nehmen in alarmierendem Maße zu.“

Kinder, die der Gewalt entkommen, sind häufig tagelang auf der Flucht, ohne ausreichend Wasser oder Nahrung. Wenn sie in den Camps für Vertriebene ankommen, sind viele von ihnen extrem geschwächt. UNICEF befürchtet, dass die Zahl der Kinder, die lebensbedrohlich mangelernährt sind, bis zum Jahresende auf 825.000 steigt.

„Die Kinder zahlen für diesen brutalen Krieg einen entsetzlichen Preis: Er raubt vielen ihr Leben, ihre körperliche und seelische Gesundheit, ihre Chance auf Bildung – und mit jedem weiteren Tag der Gewalt die Aussicht auf eine Kindheit, die diesen Namen verdient,“ so Schneider.

Khartum: Zerstörte Grundversorgung, Hunger und tödliche Gefahren

In der Hauptstadt Khartum muss vielerorts die Versorgung für Kinder von Grund auf wieder aufgebaut werden. Viele Stadtteile liegen in Trümmern, auch in der Hauptstadt gibt es weiter Drohnenangriffe. Gesundheitseinrichtungen wie Krankenhäuser sind ausgebrannt oder verwüstet, Schulen wurden als Unterkünfte für Vertriebene genutzt. Die Gefahren für Kinder in Khartum und anderen Orten durch Blindgänger und andere Kriegsrückstände sind enorm und allgegenwärtig: Seit Jahresbeginn sind Dutzende Kinder durch diese Waffen und durch Zwischenfälle mit Minen getötet worden, Hunderte weitere wurden verletzt.

Auch Kinder und Mütter, die – wie insgesamt bereits mehr als zwei Millionen Vertriebene – in die Hauptstadt zurückgekehrt sind, lassen den Krieg nicht hinter sich: Ihr Zuhause ist oft verwüstet oder vollständig zerstört.

„Die Mütter, denen ich mit ihren ausgezehrten Kindern in einem Stabilisierungszentrum in Khartum begegnet bin, haben oft dramatische Wochen der Flucht hinter sich und finden auch in den Städten kaum genug Nahrung und Unterstützung, um ihre Kinder und sich selbst am Leben zu erhalten. Was sie sich wünschen, ist genug zu essen für ihre Kleinen und Sicherheit – an mehr wagen sie zumeist nicht zu denken”, so Schneider.

Im Sudan benötigen rund 17 Millionen Kinder humanitäre Hilfe – etwa so viele Kinder, wie in Deutschland, Österreich und der Schweiz zusammen leben. In 14 Regionen des Landes droht weiterhin eine Hungersnot. UNICEF befürchtet, dass das Klimaphänomen El Niño in der für dieses Jahr erwarteten besonders starken Ausprägung die Versorgungslage und damit die Hungerkrise weiter verschärfen könnte. Hinzu kommen Krankheitsausbrüche wie Dengue-Fieber oder Malaria. Viele Gesundheitseinrichtungen sind nicht länger funktionsfähig.

Neue Formen der Kriegsführung und schwere Kinderrechtsverletzungen

Neue Formen der Kriegsführung verschärfen die katastrophale Lage zusätzlich, insbesondere in Gebieten nahe der Frontlinie in Blue Nile, Darfur und Kordofan. Drohnenangriffe treffen auch Schulen und andere zivile Einrichtungen. Für die Kinder gibt es keine sicheren Orte mehr, was ihre tiefe Angst und ihr Trauma noch weiter verstärkt.

„Eine Mutter, die mit ihren vier Kindern auf der Flucht angeschossen wurde, berichtete mir, dass ihr zehnjähriger Sohn immer wieder weint und nicht zur provisorischen Schule in der Nähe ihrer Notunterkunft gehen kann”, so Schneider. „In Khartum traf ich ein Mädchen, das bei einem Drohnenangriff durch einen Splitter im Kopf verletzt wurde und nun nicht mehr gut laufen kann. Bei dieser Attacke im April wurden elf Kinder verletzt und eines getötet.”

UNICEF leistet lebensrettende Hilfe

UNICEF erreicht Kinder und ihre Familien weiterhin mit lebensrettenden Hilfsgütern und hält wichtige Hilfsangebote aufrecht. UNICEF sorgt für Spezialnahrung für mangelernährte Kinder und Trinkwasser ebenso wie für Medikamente, psychosoziale Hilfe und Lernangebote. In Gemeinden, in die Menschen zurückkehren, tut UNICEF alles dafür, um die lebenswichtige Grundversorgung zu gewährleisten und die Widerstandskraft der Familien zu stärken. Die Bundesregierung sowie die Spenderinnen und Spender in Deutschland zählen zu den wichtigsten Unterstützern der UNICEF-Hilfe für Kinder im Sudan.

„Eine verlässliche finanzielle Unterstützung, die dort eingesetzt werden kann, wo sie am dringendsten gebraucht wird, ist wichtiger denn je“, betont Schneider. „Die Kinder im Sudan brauchen endlich ein Ende der Gewalt. Wir müssen ihnen beistehen – mit lebensrettender humanitärer Hilfe und langfristiger Unterstützung. “Insgesamt benötigt UNICEF in diesem Jahr 962,9 Millionen US-Dollar, um den Kindern im Sudan zu helfen. Dieser Nothilfeaufruf war bis Mitte des Jahres jedoch erst zu 36 Prozent finanziert.

UNICEF ruft dringend zu Spenden für die Kinder im Sudan auf. Weitere Informationen: www.unicef.de/sudan

Service für Redaktionen

Christian Schneider, Geschäftsführer von UNICEF Deutschland, steht gerne für Interviews zur Verfügung.

Bild- und Videomaterial des Besuchs steht hier zur Verfügung.

Weitere Fotos für die Berichterstattung finden Sie hier.

Christine Kahmann
Sprecherin (Berlin) - Nothilfe & Internationale Themen