Statement

Ukraine: Recht auf Bildung bleibt für Kinder unter Beschuss

Zusammenfassung des Statements des stellvertretenden UNICEF-Sprechers Ricardo Pires beim heutigen Pressebriefing im Palais des Nations in Genf 

Schulleiterin Tetiana Pryshchenko steht am Eingang zum Schutzraum ihrer Schule.

Schulleiterin Tetiana Pryshchenko steht am Eingang zum Schutzraum ihrer Schule.

© UNICEF/UN0920737/Filippov

„Fast fünf Jahre nach Beginn des Krieges in der Ukraine wird das Recht der Kinder auf Bildung weiterhin bedroht – mit Folgen, die eine ganze Generation prägen werden. Allein in den ersten 15 Tagen des neuen Schuljahres gab es landesweit mehr als 1.000 Luftalarmwarnungen. Das ist die höchste Zahl für diesen Zeitraum seit fünf Jahren – und nahezu doppelt so hoch wie im gleichen Zeitraum des vergangenen Jahres.

Das entspricht täglich rund 100 Alarmen – mindestens vier pro Stunde. Sumy, von wo aus ich heute zu Ihnen spreche, gehört zusammen mit Mykolajiw und Odessa zu den drei Regionen, die in diesem Jahr am stärksten betroffen sind. Niemand nimmt diese Alarme lauter und eindringlicher wahr als Kinder.

Ich befinde mich gerade in einem von 22 unterirdischen Schutzräumen, die UNICEF für Kinder in frontnahen Gebieten zu Lern- und Schutzorten ausgebaut hat. Dieser hier bietet Platz für bis zu 300 Kinder. In Sumy wurde durch den Krieg ungefähr jede zweite Bildungseinrichtung beschädigt oder zerstört. Es ist herzzerreißend zu sehen, wie ein Ort, der eigentlich dem Lernen und dem Schutz von Kindern dienen sollte, in Trümmern liegt.

Tausende Bildungseinrichtungen zerstört

Im ganzen Land ist die Lage ähnlich dramatisch. Nach Schätzungen der ukrainischen Regierung wurden zwischen Januar und August dieses Jahres Hunderte weitere Bildungseinrichtungen beschädigt. Damit steigt die Zahl der seit Beginn des russischen Angriffskriegs betroffenen Bildungseinrichtungen in der Ukraine auf mehr als 4.200. Für Kinder, deren Hoffnung, einfach zur Schule gehen zu können, durch den Krieg immer wieder enttäuscht wird, entsteht ein scheinbar endloser Kreislauf aus traumatischen Erfahrungen. Die Folgen reichen weit über zerstörte Gebäude, psychische Belastungen und das laute Heulen der Sirenen hinaus.

Ergebnisse der jüngsten PISA-Studie zeigen Lernrückstände

Die vergangene Woche veröffentlichten Ergebnisse der jüngsten PISA-Studie zeigen, dass ein erheblicher Anteil der 15-Jährigen in der Ukraine – viele von ihnen haben die vergangenen fünf Schuljahre in Kriegsgebieten verbracht – in den getesteten Bereichen noch nicht über grundlegende Kompetenzen verfügt. Damit fehlen ihnen wichtige Voraussetzungen, um ihre Bildung erfolgreich fortzusetzen. Ihre Chancen auf weiterführende Bildung, qualifizierte Arbeit und eine gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft im Erwachsenenalter werden dadurch eingeschränkt.

Rund ein Drittel der Jugendlichen erreichte in den Naturwissenschaften nicht das grundlegende Kompetenzniveau; in Mathematik und Lesekompetenz war es sogar etwa die Hälfte.

Nach Angaben von Schulleitungen besuchen 61 Prozent der ukrainischen Kinder Schulen, denen es an Lernmaterialien und Ausstattung fehlt. 54 Prozent besuchen Schulen mit unzureichenden digitalen Ressourcen. Aus Sicherheitsgründen beziehen sich diese Daten lediglich auf 17 Regionen der Ukraine. Es ist daher davon auszugehen, dass die Ausstattung von Schulen in frontnahen Gebieten noch schlechter ist.

Widerstandsfähigkeit bei der Aufrechterhaltung des Bildungssystems

Trotz des Krieges hat die Ukraine eine unglaubliche Widerstandsfähigkeit bei der Aufrechterhaltung des Bildungssystems bewiesen. Das zeigt sich auch an der Stabilität der Ergebnisse zwischen 2022 und 2025. Doch wie wir immer wieder betonen: Kinder in der Ukraine brauchen Frieden, um gut lernen zu können. Nach fast fünf Jahren Krieg ist die Schule einer der wenigen Orte, an denen Kinder ein Stück Normalität erleben können – mit Freunden, Lehrkräften, festen Abläufen, einem Ort, an dem sie sich sicher fühlen können. Das ist von entscheidender Bedeutung, denn der Krieg belastet die psychische Gesundheit der Kinder enorm.

Kinder vermissen den Schulalltag

Die neunjährige Sabrina erzählte mir gestern, wie sehr sie es vermisst, mit ihren Klassenkameraden zusammen zu sein – trotz der Gefahren außerhalb des Schutzraums unter der Erde. 'Es ist so schön, wieder zusammen zu sein und nicht online lernen zu müssen. Ich vermisse unsere regelmäßigen Spaziergänge und die Zeit zum Spielen draußen. Aber jetzt ist es zu gefährlich, deshalb bleiben wir den ganzen Tag drinnen', sagte sie – und erzählte davon, als wäre es eine gute Nachricht.

Kinder wie Sabrina leben seit Jahren mit dem Krieg: Sie wachen zu Explosionen auf, rennen in Schutzräume, werden aus ihren Häusern vertrieben, von Freunden getrennt und fragen sich, wann der nächste Angriff kommt. Viele haben Schwierigkeiten einzuschlafen, sich zu konzentrieren und mit ihren Gefühlen umzugehen. Die Angst lässt sich nicht einfach an der Klassenzimmertür zurücklassen.

Der Luftalarm bedeutet, dass der Mathematikunterricht mitten in der Stunde unterbrochen wird. Die Kinder verlassen ihre Schulbänke, um Schutz zu suchen. Sie warten auf die Entwarnung, kehren in den Klassenraum zurück und versuchen, sich wieder zu konzentrieren – bis erneut die Sirene ertönt. Das muss man sich immer wieder vor Augen führen: Kinder und Eltern tun alles, damit Lernen möglich bleibt. Doch die Folgen dieses Krieges sind offensichtlich und tiefgreifend.

Inmitten all dessen kehrten im September dieses Jahres fast 4,2 Millionen Kinder zum Unterricht zurück, darunter mehr als 712.000 Kinder im Vorschulalter. Das ist ein eindrucksvolles Zeichen für das Engagement von Eltern, Regierung und humanitären Partnern. Auch mehr als 366.000 Lehrkräfte kehrten in ihre Klassenzimmer zurück. Viele Kinder sind jedoch weiterhin auf hybride oder digitale Lernangebote angewiesen. Die Situation verändert sich ständig, da sich die Frontlinien verschieben und Zahl sowie Intensität der Angriffe zunehmen.

Fast die Hälfte der Kinder im Vorschulalter hat keinen regelmäßigen Zugang zu frühkindlicher Bildung, Betreuung und Erziehung. Dadurch bleibt ihnen die Möglichkeit verwehrt, wichtige Grundlagen für lebenslanges Lernen zu entwickeln.

Der bevorstehende Winter bedeutet eine zusätzliche Bedrohung

Und nun zeichnet sich eine weitere Bedrohung ab: der Winter. Angriffe auf die Energieinfrastruktur werden die Strom- und Wärmeversorgung unterbrechen. Im vergangenen Winter waren fast zwei Millionen Kinder von den extremen Bedingungen betroffen und mussten ohne Heizung, Strom oder Wasser auskommen. Stromausfälle beeinträchtigten zudem den Online-Unterricht – besonders stark in frontnahen Regionen wie Sumy.

Mit seinen Winterhilfemaßnahmen für 2026/2027 plant UNICEF drei Millionen Menschen zu erreichen, darunter 540.000 Kinder. Dazu gehören die Instandsetzung von Heizungsanlagen und die Bereitstellung von Notstromversorgung für Schulen. So soll sichergestellt werden, dass 375.000 Schulkinder den ganzen Winter über weiterhin am Präsenzunterricht teilnehmen können. Gemeinsam mit unseren Partnern sanieren wir außerdem Schulunterkünfte, reparieren durch Angriffe beschädigte Bildungseinrichtungen, unterstützen Nachholunterricht und bieten psychosoziale Hilfe an. Wir tun alles in unserer Macht Stehende, damit Kinder weiter lernen können. Doch keine noch so umfassende Unterstützung kann sie vor den Folgen anhaltender Angriffe schützen.“

Service für Redaktionen

» Gerne vermitteln wir Redaktionen Interviews und Hintergrundgespräche mit unserem UNICEF-Team in der Ukraine.

» Aktuelles Bild- und Videomaterial können Sie auf dieser Seite abrufen.

» Spendenmöglichkeiten für die Arbeit für Kinder in der Ukraine finden Sie hier.

Über UNICEF: Hilfe für Kinder seit 80 Jahren

Das UN-Kinderhilfswerk wurde vor 80 Jahren am 11. Dezember 1946 ins Leben gerufen, um Kindern im vom Zweiten Weltkrieg zerstörten Europa zu helfen. Heute setzt sich UNICEF weltweit in über 190 Ländern für die Umsetzung der Rechte aller Kinder ein. Von der schnellen Nothilfe bis zu langfristigen Programmen hilft UNICEF, dass Mädchen und Jungen überall auf der Welt gesund und geschützt groß werden und ihre Fähigkeiten voll entfalten können.

Das Deutsche Komitee für UNICEF mit Sitz in Köln wurde 1953 als Verein gegründet und ist heute eine der wichtigsten Stützen der weltweiten UNICEF-Arbeit. In ganz Deutschland sind rund 7.000 ehrenamtliche Erwachsene und Jugendliche für UNICEF aktiv. Mit Programmen und politischer Arbeit trägt UNICEF Deutschland auch hierzulande zu einem besseren Verständnis der Rechte und der Belange von Kindern bei. Weitere Informationen: www.unicef.de.

Christine Kahmann
Sprecherin (Berlin) - Nothilfe & Internationale Themen