Somalia: Hunderte Gesundheits- und Ernährungseinrichtungen für Kinder geschlossen
Zusammenfassung des Statements von UNICEF-Sprecher James Elder beim heutigen Pressebriefing im Palais des Nations in Genf
Mogadischu/Nairobi/Köln •

Die 18 Monate alte Maida Abdullahi in einem Krankenhaus in Mogadischu, das medizinische und ernährungsbezogene Versorgung für Binnengeflüchtete bereitstellt.
© UNICEF/UN0910308/Sewunet„In Somalia führen weltweite Kürzungen bei der Finanzierung der humanitären Hilfe dazu, dass Gesundheitseinrichtungen schließen, Ernährungsangebote wegfallen und der Zugang zu Wasserversorgung, Bildung und Schutzangeboten immer schwieriger wird. Wie so oft sind es die Kinder, die den Preis dafür zahlen.
Infolge beispielloser Kürzungen der humanitären Hilfe mussten bereits 205 Gesundheits- und Ernährungseinrichtungen schließen. Die Folgen für Kinder sind unmittelbar: In den ersten sechs Monaten dieses Jahres wurden in Somalia 32 Prozent mehr Kinder mit schwerer akuter Mangelernährung und Komplikationen in sogenannte Stabilisierungszentren aufgenommen als im gleichen Zeitraum des Vorjahres.
Weniger Ernährungs- und Gesundheitszentren bedeuten längere Wege für Mütter und ihre Babys. Dadurch verzögert sich die Behandlung – Krankheiten können schwerer verlaufen und das Risiko vermeidbarer Todesfälle steigt.
Jetzt ist nicht der Moment, Somalia den Rücken zu kehren. Das Land steht vor einer sich verschärfenden Klimakrise: Schwere Dürre in Teilen des Nordens, Konflikte und Vertreibung verschärfen die ohnehin gravierende humanitäre Not. Die Folgen des Krieges im Iran treiben zudem die Preise für Treibstoff und Düngemittel in die Höhe. Nun droht ein historisches El-Niño-Ereignis die Krise durch schwere Überschwemmungen weiter zu verschärfen, deren Höhepunkt in den kommenden Monaten erwartet wird.
Es ist ein bitterer Widerspruch: Ausgerechnet in dem Moment, in dem die Not zunimmt und der Bedarf an großzügiger Unterstützung durch Geberländer wächst, werden die Mittel zum Schutz besonders gefährdeter Kinder gekürzt.
In der vergangenen Woche bin ich in mehreren Stabilisierungszentren Dutzenden mangelernährten Kindern begegnet. Sie wurden in schwer krankem Zustand ins Krankenhaus eingeliefert, weil Gesundheitseinrichtungen in ihren Gemeinden geschlossen hatten. Familien, die ihre Ernten und ihr Vieh verloren haben, suchen nun Hilfe für ihre mangelernährten Kinder.
Mütter wie Haijo. Sie hatte ein Zuhause, ihre Kinder gingen zur Schule, und sie besaß Vieh. Doch die Dürre und die sich verschärfende Klimakrise ließen ihre Tiere eines nach dem anderen verenden. Schließlich war kein einziges mehr übrig. Aus ihrem vergleichsweise wohlhabenden Leben war ihr nichts geblieben.
Also floh sie auf der Suche nach Hilfe. Heute lebt sie in einer notdürftigen Behausung aus Plastikplanen und Ästen, die kaum Schutz vor der sengenden Hitze oder dem Regen bietet. Sie kam nach Burhakaba im Südwesten Somalias, weil sie gehört hatte, dass dort Unterstützung verfügbar sei. Sie erhielt Kleidung und Tomaten von einer Gemeinde – selbst eine der ärmsten des Landes. Von der internationalen Gemeinschaft erhielt sie nichts.
Ein Blick auf die einzelnen Programmbereiche in Somalia:
Gesundheit: Im Gesundheitsbereich haben Finanzierungskürzungen bereits dazu geführt, dass 30 Prozent weniger Menschen mit Gesundheits- und Ernährungsangeboten erreicht werden. Weitere Einschnitte könnten gravierende Folgen haben: In Szenarien mit besonders gravierenden Finanzierungslücken könnten landesweit bis zu 618 Gesundheitseinrichtungen schließen.
Ernährung: Rund eine Million Kinder unter fünf Jahren sowie Mädchen im Jugendalter und Frauen in Somalia könnten den Zugang zu lebenswichtigen Ernährungsangeboten verlieren. Der bereits erwähnte Anstieg der Aufnahmen von Kindern in Stabilisierungszentren um 32 Prozent bedeutet nicht, dass mehr Kinder erkranken. Vielmehr wurden vorbeugende und gemeindenahe Angebote gekürzt. Dadurch werden besonders gefährdete Kinder seltener früh erkannt und behandelt. Wenn sie spezialisierte Einrichtungen erreichen, sind sie oft bereits deutlich schwerer krank – und ihre Behandlung ist dann aufwendiger und teurer.
In Somalia droht in diesem Jahr fast 1,9 Millionen Kindern Mangelernährung. Knapp eine halbe Million von ihnen ist voraussichtlich von schwerer akuter Mangelernährung betroffen – der lebensgefährlichsten Form. Gleichzeitig wird es immer schwieriger, lebensrettende Hilfe zu Kindern zu bringen, die sie dringend benötigen. So wurde beispielsweise das Budget für UNHAS in Somalia zwischen 2025 und 2026 um 40 Prozent gekürzt. Der humanitäre Flugdienst der Vereinten Nationen stellt wichtige Flugverbindungen für UNICEF-Einsätze und den Transport lebensrettender Hilfsgüter bereit.
Diese Kürzungen gefährden, was bereits erreicht wurde. Zwischen 2021 und 2025 hat UNICEF die Aufnahme von mehr als 2,25 Millionen schwer mangelernährten Kindern in Behandlungszentren unterstützt. Im Jahr 2025 konnten 97,6 Prozent der behandelten Kinder genesen.
2024 erreichte eine von UNICEF unterstützte Schluckimpfkampagne gegen Cholera mehr als 885.000 Menschen und damit über 90 Prozent der Menschen, die geschützt werden sollten. Die Programme sind vorhanden. Die Partner sind da. Was fehlt, ist die Finanzierung.
Wasser: Die Folgen der anhaltenden Dürre werden durch die sinkende humanitäre Hilfe weiter verschärft. Mehr als 1,6 Millionen Menschen benötigen Zugang zu sauberem Wasser, während mehr als 800.000 Menschen Gefahr laufen, den Zugang zu Hygieneartikeln zu verlieren.
Gleichzeitig haben sich die Wasserpreise in den ländlichen und von Viehzucht geprägten Regionen vervierfacht: Ein 200-Liter-Fass, das früher etwa zwei US-Dollar kostete, kostet heute rund acht US-Dollar. Dennoch konnte UNICEF durch kurzfristige Nothilfemaßnahmen und nachhaltige Wasserversorgung mehr als eine Million Menschen erreichen. Ohne kontinuierliche Finanzierung sind jedoch auch diese Fortschritte gefährdet.
Bildung: Bildung schützt Kinder vor Ausbeutung, Kinderehen und Kinderarbeit. Gleichzeitig eröffnet sie Kindern und ihren Gemeinden einen Weg aus der Armut. Doch die jahrelangen Investitionen in die Zukunft von Kindern drohen nun in kürzester Zeit zunichtegemacht zu werden.
2025 wurden die Mittel für den Bildungssektor um 30 Millionen US-Dollar gekürzt. Für 2026 wird erwartet, dass wichtige Geberländer ihre Beiträge um mehr als die Hälfte reduzieren. Mehr als 78.000 Kinder haben den Schulbesuch bereits abgebrochen; weitere 660.000 Mädchen und Jungen sind gefährdet, ihren Zugang zu Bildung zu verlieren. Zum Vergleich: Während der Dürre im Jahr 2022 konnten dank der Unterstützung von UNICEF mehr als 130.000 Kinder weiter zur Schule gehen.
Kinderschutz: Auch im Kinderschutz gefährden die aktuellen Kürzungen bereits erzielte Fortschritte. 2024 und 2025 erhielten Tausende Kinder, die zuvor bewaffneten Gruppen angehört hatten oder von einer Rekrutierung bedroht waren, Unterstützung bei ihrer Wiedereingliederung in ihre Gemeinden.
Somalia gehört zu den Ländern, in denen besonders viele schwere Kinderrechtsverletzungen gemeldet werden. Gleichzeitig mussten wegen der Finanzierungskürzungen bereits mindestens 65 Kinderschutzstellen und -einrichtungen schließen. Auch andere wichtige Angebote sind gefährdet – etwa die Betreuung einzelner Fälle, psychosoziale Unterstützung, die Suche nach Familienangehörigen und die Wiedereingliederung.
Jugendliche wie Abdullah, den ich gestern getroffen habe. Sein Traum war es, Mechaniker zu werden. In seinem Dorf schraubte er regelmäßig an Maschinen herum. Bewaffnete nichtstaatliche Gruppen wurden darauf aufmerksam und boten ihm eine Arbeit und Ausbildung als Mechaniker an. Da er vor Ort keine Perspektive hatte und verzweifelt seine verwitwete Mutter unterstützen wollte, nahm er das Angebot an. Doch es war eine Lüge: Abdullah wurde an die Front geschickt.
Nach einem gescheiterten Fluchtversuch wurde Abdullah schließlich im Kampf verwundet und von Regierungstruppen gefangen genommen. Ende 2024 und Anfang 2025 unterstützte UNICEF die Ausbildung von mehr als 160 Kindern, die zuvor bewaffneten Gruppen angehört hatten und in Ausbildungszentren aufgenommen worden waren. Nach Abschluss ihrer Ausbildung – etwa in den Bereichen Elektrik, Mechanik oder Kochen – erhielten sie eine Grundausstattung, um ein eigenes Geschäft aufzubauen. Viele von ihnen gründeten anschließend ein kleines Unternehmen oder fanden eine Arbeitsstelle. Doch wegen der Finanzierungskürzungen wird es für Abdullah weder eine solche Grundausstattung noch die nötige Starthilfe geben.
Diese Ausbildung und die bereitgestellte Grundausstattung eröffnen den Kindern und jungen Menschen die Chance auf eine sicherere Zukunft. Sie helfen ihnen, nicht erneut rekrutiert zu werden und ihre Familien und Gemeinden zu unterstützen.
In einer vernetzten Welt gefährden Kürzungen der humanitären Hilfe die Sicherheit und den Wohlstand weit über die betroffenen Länder hinaus. Das gilt für Somalia ebenso wie für jeden anderen Ort der Welt. Die Frage lautet daher nicht, ob Somalia angesichts der weltweiten Krisen weniger Hilfe benötigt. Die Frage lautet vielmehr, ob die Welt es sich leisten kann, das Land noch instabiler werden zu lassen, während die Not steigt. Die Antwort sollte Nein lauten.
Trotz all dieser Herausforderungen finden die Menschen in Somalia weiterhin Wege, mit der Situation umzugehen. Die Regierung stärkt politische Rahmenbedingungen, Regulierungen und staatliche Strukturen. Zugleich setzen humanitäre Organisationen alles daran, ihre Arbeit effizienter, lokaler und nachhaltiger zu gestalten.
Somalia sollte nicht vor die Wahl gestellt werden: zwischen der Bewältigung der Dürre und langfristiger Entwicklung, zwischen der Behandlung kranker Kinder und der Vorbeugung von Mangelernährung oder zwischen akuter Hilfe im Bereich Wasser und dem Aufbau nachhaltiger Wasserversorgung.
Krisen machen nicht an Grenzen Halt. In einer Welt, die von Klimaschocks, wirtschaftlichen Verflechtungen, grenzüberschreitenden Konflikten, Rekrutierung von Kindern und Vertreibung geprägt ist, sollten Schutzsysteme für besonders gefährdete Menschen nicht abgebaut werden.
Der Schutz von Kindern ist keine verzichtbare Ausgabe, die Verhinderung von Leid keine Ineffizienz. Hilfe ausgerechnet dann abzubauen, wenn sie am dringendsten gebraucht wird, spart kein Geld. Im Gegenteil: Später wird der Preis dafür höher sein – durch steigende Kosten, mehr Unsicherheit und verpasste Entwicklungschancen. Für manche Kinder wird es um ihr Leben gehen.“
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Über UNICEF: Hilfe für Kinder seit 80 Jahren
Das UN-Kinderhilfswerk wurde vor 80 Jahren am 11. Dezember 1946 ins Leben gerufen, um Kindern im vom Zweiten Weltkrieg zerstörten Europa zu helfen. Heute setzt sich UNICEF weltweit in über 190 Ländern für die Umsetzung der Rechte aller Kinder ein. Von der schnellen Nothilfe bis zu langfristigen Programmen hilft UNICEF, dass Mädchen und Jungen überall auf der Welt gesund und geschützt groß werden und ihre Fähigkeiten voll entfalten können.
Das Deutsche Komitee für UNICEF mit Sitz in Köln wurde 1953 als Verein gegründet und ist heute eine der wichtigsten Stützen der weltweiten UNICEF-Arbeit. In ganz Deutschland sind rund 7.000 ehrenamtliche Erwachsene und Jugendliche für UNICEF aktiv. Mit Programmen und politischer Arbeit trägt UNICEF Deutschland auch hierzulande zu einem besseren Verständnis der Rechte und der Belange von Kindern bei. Weitere Informationen: www.unicef.de.