
Gaza: Was sich Kinder für ihre Zukunft wünschen
Die UNICEF-Initiative "The Gaza We Want" verleiht den Kindern im Gazastreifen eine Stimme. Sie konnten dabei kreativ veranschaulichen, wie sie sich ihre Zukunft vorstellen – und ihre Perspektive zum Wiederaufbau einbringen.
von Susanne Stocker
„Das Gaza, das ich will", beginnt das Gedicht der 13-jährigen Malak aus Chan Yunis. „Es ist kein Zelt, das gegen den Wind gedrückt wird, auch nicht Opferzahlen, die Nacht und Tag steigen. [...] Ich will Schulaufgaben schreiben, nicht die Namen der Verstorbenen, Sterne am Himmel zählen, nicht Flugzeuge."
Die Kinder im Gazastreifen haben zwei Jahre lang schwere Bombardierungen und Angriffe erlebt. Ein Leben in ständiger Angst, geprägt von Überlebenskampf, Verlust, Hunger und Hoffnungslosigkeit. Die Welt der Kinder in Gaza liegt heute in grauen Trümmern: Ihr Zuhause, ihre Schulen, Parks und Spielplätze wurden zerstört – und damit genau die Orte, die eine gute Kindheit überhaupt erst möglich machen. Seit Oktober 2025 gilt eine fragile Waffenruhe. Wie kann die Zukunft der Kinder im Gazastreifen nun aussehen?

Kinder aus Chan Yunis malen mit der Unterstützung einer Kunstlehrerin ihre Wünsche für die Zukunft von Gaza.
© UNICEF-SOP/2025Dieser Frage widmet sich die UNICEF-Initiative "The Gaza We Want". Sie will Kindern und Jugendlichen eine Stimme und aktive Rolle in den Diskussionen um den Wiederaufbau und das künftige Leben im Gazastreifen verleihen. Denn es ist ihre Zukunft und sie haben ein Recht darauf, dass ihre Botschaft gehört wird.
"The Gaza We Want": Ein Appell von Kindern zu handeln
Die Initiative setzt sich aus zwei Teilen zusammen: Im ersten Teil haben unsere Kolleg*innen Kinder und Jugendliche im Alter von fünf bis 18 Jahren in einer Onlineumfrage nach ihren Wünschen und Bedürfnissen gefragt. Mehr als 1.600 Kinder und Teenager beteiligten sich daran. Schutz und Sicherheit, ein Zuhause, Schulunterricht und psychologische Unterstützung waren Themen, die von fast allen genannt wurden.
„Das Leben war so schwierig, kein Kind sollte je so etwas erleben müssen", kommentiert Mayar, 14. „Das Gaza, das ich mir wünsche, ist ein schöner Ort mit Krankenhäusern, Schulen und sicheren Gebäuden. Ich wurde im Krieg verletzt und das hat mich sehr beeinträchtigt. Immer, wenn ich einen Luftangriff höre, bekomme ich Angst. Aber während der Aktivitäten zu "The Gaza We Want" ging es mir psychisch sehr viel besser."
Neben der Umfrage haben die Kinder und Jugendlichen künstlerisch ausgedrückt, wie sie sich ihre Zukunft in Gaza vorstellen – rund 11.000 Mädchen und Jungen nahmen an der Aktion teil. Sie setzten ihre ganze Energie und Fantasie ein und nutzten vielfältige Ausdrucksformen – Zeichnungen, Gedichte, Geschichten, Videos.
Die Aktion hat den Kindern nicht nur eine Stimme verliehen, sondern auch eine Möglichkeit geschaffen, dass sie durch Kreativität das Erlebte etwas verarbeiten können. Dabei wurde besonders darauf geachtet, dass alle Aktivitäten der Initiative traumasensibel und inklusiv waren; Gewalt nicht erneut durchlebt werden musste, sondern der Fokus auf einer würdevollen Zukunft lag.

Neun von zehn Kindern in Gaza wünschen sich psychologische Hilfe
So vielfältig die Stimmen der Kinder und Jugendlichen sind, eint sie doch eine Vision: Ihre Heimat im Gazastreifen soll wieder bunt werden und Zuversicht verströmen. Die grauen Ruinen sollen grünen Parks, sicheren Schulen und einer lebendigen Nachbarschaft weichen, die mit Lachen und Freude gefüllt ist.
„Wir stellen es uns als ein großes Zuhause vor, wo Kinder unbeschwert lachen können", erzählt Jana, die in die vierte Klasse geht. „Wir wünschen uns für Gaza bunte Schulen, neue Hefte und Spielzeug auf den Spielplätzen. Wir träumen von einem blauen Meer, wo wir sicher spielen können, und einer Sonne, die jeden Tag scheint, ohne die Geräusche des Krieges."
Der Konflikt und die Bombardierungen haben tiefe Spuren hinterlassen: Rund 92 Prozent der Kinder gaben in der Umfrage an, dass sie Angst vor Angriffen haben. Neun von zehn Kindern äußerten den Wunsch nach psychologischer Unterstützung. Sie möchten mit jemandem über das Erlebte sprechen, Hilfe bei der Verarbeitung ihrer Albträume und ein heilendes Umfeld, in dem sie sich sicher fühlen können.

Bild 1 von 6 | Eines der künstlerischen Ergebnisse: eine Mauer, die von sechs Mädchen gestaltet wurde – Rania (16), Raneen (16), Yusra (14), Rawan (17), Noor (14) und Hala (18).
© UNICEF
Bild 2 von 6 © UNICEF-SOP/2025
Bild 3 von 6 | Shahed (17) hat dieses kraftvolle Bild gezeichnet.
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Bild 4 von 6 | Mirna (13) aus Rafah wünscht sich ein buntes Gaza zurück, in dem viel Raum für Spielen, Kreativität und Kindsein ist.
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Bild 5 von 6 | Eine Gruppe von Kindern hat Modelle der wichtigsten Orte erstellt, die sie sich in Zukunft in ihrer Nachbarschaft wünschen. Dazu gehören eine Schule, ein Krankenhaus, eine Moschee und Wohnhäuser.
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Bild 6 von 6 | Diese Zeichnung hat die 13-jährige Aya angefertigt.
© UNICEF/UNI950017
„Während die Wiederaufbaubemühungen voranschreiten, dürfen Kinder nicht als passive Empfänger von Entscheidungen behandelt werden, die in ihrem Namen getroffen werden", betont Jonathan Veitch, Vertreter von UNICEF im Gazastreifen. „Der Wiederaufbau Gazas beschränkt sich nicht nur auf die Wiederherstellung der Infrastruktur. Es geht um die Wiederherstellung der Kindheit selbst. Es ist eine moralische und rechtliche Verpflichtung, die Heilung zu fördern und das Recht jedes Kindes auf ein Aufwachsen in Sicherheit, Würde und dauerhaftem Frieden zu wahren."
Der Weg zurück in die Normalität, in ein würdevolles Leben mit Freude, Lernen und Stabilität, ist für Kinder und Familien in Gaza noch weit. Kein Kind und kein*e Jugendliche*r wird die Grauen des Krieges ohne psychische Folgen überstehen. Umso wichtiger ist es, Kinder und Jugendliche in die Entscheidungen über die Zukunft des Gazastreifens einzubeziehen. Es ist nicht ihr Krieg, aber es ist ihre Zukunft.

Kinder im mittleren Gazastreifen möchten Gaza aus den Trümmern ihrer zerstörten Häuser wieder aufbauen.
© UNICEF-SOP/2025So setzt sich UNICEF für die Rechte der Kinder in Gaza ein
Um die Kinder beim Aufbau ihrer Zukunft zu unterstützen, sind unsere UNICEF-Kolleg*innen weiter vor Ort und setzen alles daran, den Gazastreifen wieder zu einem sicheren und würdevollen Zuhause zu machen.
Wir richten beispielsweise kinderfreundliche Orte und Lernzentren ein, in denen Kinder spielen und lernen können. Sie erhalten dort aber auch psychologische Betreuung und psychosoziale Unterstützung. Mit unserer "Back to Learning"-Kampagne in ganz Gaza konnten wir im Januar über 375.000 Kinder mit Freizeit- und Lernzubehör erreichen. Gleichzeitig bauen wir die Gesundheitsversorgung weiter aus, indem wir breit angelegte Impfkampagnen durchführen und Ernährungszentren zur Unterstützung von Kindern, Schwangeren und stillenden Müttern aufbauen.
Den ganzen Report „The Gaza We Want“ können Sie hier lesen.
Susanne Stocker ist freie Mitarbeiterin von UNICEF Deutschland und schreibt zu aktuellen UNICEF-Themen.