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Zwei Mädchen und eine grenzenlose Freundschaft


von Katharina Kesper

Seit nun über einem Jahr gehen Pakete und Briefe zwischen Deutschland und Jordanien hin und her. Zwei Mädchen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, haben mehr gemeinsam, als man zunächst ahnt.

Es ist die Fortsetzung einer Geschichte, die im letzten Jahr begann (siehe auch weiter unten auf dieser Seite). Zahra ist ein syrisches Mädchen, das aufgrund der Konflikte ihres Heimatlandes schon seit Jahren mit ihrer Familie in einem provisorischen Flüchtlingslager in Jordanien lebt.

Sie wird durch den Fotograf Muhammed Muheisen – der es porträtiert und Preisträger des UNICEF-Foto des Jahres 2017 wird – zu einem Symbolbild für den nicht enden wollenden Syrienkrieg und für verlorene Kindheit. Mariella ist ein Mädchen, das in Deutschland lebt und zur Schule geht. Sie sieht Zahras Siegerfoto in der Zeitung und beschließt kurzerhand ihr zu schreiben. Es entsteht eine Brieffreundschaft über alle Grenzen hinweg – mit einem Fotografen und Freund zugleich als Nachrichtenüberbringer...

Zahra und ihre Geschwister packen das Paket aus Deutschland aus.

Bild 1 von 2 | Zahra und ihre Geschwister packen gespannt das Paket aus Deutschland aus. Mit dabei ein Foto von Mariella. 

© Rosanna Wijngaards
Mariella hält ein Geschenk aus Jordanien hoch

Bild 2 von 2 | Stolz präsentiert Mariella den Inhalt ihres Pakets aus dem jordanischen Flüchtlingslager.

© privat

Gegen Ende des letzten Jahres kommt erneut Post bei Zahra an. Ein Paket aus Deutschland. Es ist gefüllt mit Buntstiften, Malheften und einem Foto von Mariella und ihrer Familie. Fotograf Muheisen ist für die beiden Mädchen zu einer Art Nachrichtenüberbringer geworden.

„Wo liegt Deutschland?“. „In welcher Sprache kann ich mich mit Mariella unterhalten?“. „Wie groß ist sie?“. Zahra hat nie viel gesprochen oder viele Fragen gestellt, doch die Brieffreundschaft weckt neue Lebensgeister in ihr. Denn die Umstände unter denen die Achtjährige mit ihrer Familie in einer provisorischen Zeltstadt wohnt, sind nach wie vor nicht gut.

Als das zweite Paket Zahra erreicht, ist die Freude unendlich!

Die Freundschaft der beiden Mädchen ist ein echter Hoffnungsanker! Und bereitet beiden offensichtlich gleichermaßen Freude. Denn auch Mariella hat wenig später Post aus Jordanien erhalten. Stolz präsentiert sie, was Muhammed im Namen von Zahra und ihrer Familie als Dankeschön geschickt hat.

Die beiden Mädchen sind fast im gleichen Alter, aber ihre Kindheit erleben sie auf sehr unterschiedliche Weise. Und doch haben sie ähnliche Fragen, Wünsche und Träume – nämlich die eines Kindes.

Was zuvor geschah:

Unser Blogbeitrag vom Juni 2018 erzählte die Geschichte der neuen Freundschaft zwischen Zahra und Mariella.

Zahra (7) aus Syrien und Mariella (5) aus Deutschland haben sich noch nie persönlich getroffen, trotzdem verbindet sie etwas Besonderes. Und das, obwohl sie weder die gleiche Sprache sprechen noch im selben Land leben. Wie kam es dazu?

Zahra aus Syrien und Mariella aus Deutschland

Zahra aus Syrien und Mariella aus Deutschland.

© Muhammed Muheisen / © privat

Zahra: Das Mädchen des UNICEF-Foto des Jahres 2017

Alles fängt im Dezember 2017 an, als der Fotograf Muhammed Muheisen den Wettbewerb „UNICEF-Foto des Jahres“ gewinnt. Sein Siegerbild ist ein Porträt von Zahra: Einem Mädchen, das gemeinsam mit seiner Familie vor Gewalt und Krieg aus ihrem Heimatort in Syrien geflohen ist und seitdem in einer einfachen Zeltstadt in Jordanien lebt. 

Das Portrait von Zahra, geschossen von Muhammed Muheisen

Zahra war gerade mal fünf Jahre alt, als dieses Foto von ihr entstand. Sie lebt seit nun drei Jahren mit ihrer Familie in einer provisorischen Unterkunft in Jordanien. Es ist das Siegerporträt des UNICEF-Foto des Jahres Wettbewerbs 2017. 

© Muhammed Muheisen, Jordanien (AP/dpa)

Zum erstem Mal hat der Fotograf Zahra und ihre Familie im August 2015 in dem Flüchtlingslager in Jordanien getroffen, erzählte er mir bei der Preisverleihung in Berlin. Nur wenige Monate zuvor war die Familie aus Syrien geflohen. 

Zwei Mädchen, zwei Briefe: eine schöne Botschaft

Im Mai 2018 hat Muhammed Zahra wieder besucht: dieses Mal mit einem Brief aus Deutschland im Gepäck. Die kleine Mariella aus Osnabrück hatte einen Brief an Zahra verfasst. Und ihre Freude darüber, dass ein Mädchen so weit entfernt ihre Geschichte kennt und ihr Mut zuspricht, war riesig!

Wie kam es dazu?

Kleine Geschichten wie diese zwischen Mariella und Zahra berühren mich sehr und es ist schön zu sehen, was so ein internationaler Fotowettbewerb alles auslösen kann. Denn viele Medien in Deutschland haben das Foto von Zahra gezeigt und im Zuge dessen über ihre Geschichte berichtet. So hat auch Mariella Zahras Foto in der Zeitung gesehen und ihre Mama gefragt, wieso das Mädchen so traurig aussehe.

Als sie die Hintergründe hörte, ist sie auf die Idee gekommen, Zahra einen tröstenden Brief zu schreiben – einfach um ihr eine kleine Freude zu machen. Sie schrieb, dass sie traurig sei, dass Zahra wegen des Krieges von ihrem Zuhause weggehen musste und dass sie hoffe, mit ihr in Kontakt zu bleiben. Genau dieser Brief landete eines Morgens auf meinem Schreibtisch.

Mariellas Brief an Zahra

Bild 1 von 2 | Mariellas Brief an Zahra erreicht uns im UNICEF-Büro. 

© Katharina Kesper/UNICEF DT
Ein Screenshot von Muhammeds Instagram

Bild 2 von 2 | Zahra schmückt die Titelseite vieler Tageszeitungen einen Tag nach der Preisverleihung des UNICEF-Foto des Jahres in Berlin. 

© Instagram Screenshot @mmuheisen

Ich wusste, dass Muhammed nach Weihnachten direkt zu seinem nächsten Projekt aufgebrochen ist, um weitere Geschichten von geflüchteten Menschen zu dokumentieren. Also schrieb ich ihm eine kurze Nachricht, legte den Brief von Mariella dazu und schickte ihn an seine Heimatadresse in Amsterdam.

Auf nach Jordanien!

Ein paar Monate später hatte ich eine Mail von Muhammed in meinem Postfach, in der er schrieb: „Ich habe gerade meine Post durchgesehen und bin auf den Brief der kleinen Mariella gestoßen. Das hat mich so glücklich gemacht und berührt: Ich plane nächste Woche wieder nach Jordanien zu fliegen und ihn Zahra persönlich zu geben. Und ich werde einen Antwortbrief mitbringen – ist das nicht toll?"

Muhammed liest Zahra den Brief vor.

Bild 1 von 3 | Muhammed liest Zahra den Brief von Mariella vor. Sie selbst kann weder lesen noch schreiben. Seit sie mit ihrer Familie geflohen ist, kann sie nicht zur Schule gehen. 

© Rosanna Wijngaards
Zahra und ihre Schwester sitzen auf dem Boden und lesen und schreiben die Briefe.

Bild 2 von 3 | Zahra und ihre ältere Schwester verfassen zusammen den Antwortbrief an Mariella.

© Muhammed Muheisen
Briefe von Mariella und Zahra liegen nebeneinander

Bild 3 von 3 | Ein Brief aus Jordanien und ein Brief aus Deutschland. Übrigens geschrieben auf unserer Pettersson und Findus Grußkarte

© Muhammed Muheisen

Muhammed überbringt die Briefe der Mädchen

Muhammed und Zahras große Schwester haben zusammen mit ihr den Antwortbrief an Mariella verfasst. Zurück in Amsterdam hat Muhammed diesen dann für Mariella übersetzt und noch ein Foto der beiden Schwestern beigelegt.

Mariella hält einen brief in den Händen.

Bild 1 von 2 | Mariella hält stolz den auf Arabisch verfassten Brief von Zahra in der Hand. Muhammed hat ihn für sie übersetzt und zu ihr nach Hause geschickt. 

© privat
Mariella betrachtet das Foto von Zahra und ihrer Schwester.

Bild 2 von 2 | Mariella betrachtet das Foto von Zahra und ihrer Schwester, wie sie einen Antwortbrief an sie verfassen.

© privat

Die beiden Mädchen sind fast im gleichen Alter und doch erleben sie ihre Kindheit auf sehr unterschiedliche Weise. Mariella wird nach den Ferien eingeschult – für Zahra bleibt der Zugang zu Bildung vorerst ein großer Traum.

„Ich träume davon, dass jeder ein Zuhause hat, glücklich ist und zur Schule gehen kann“, sagt Zahra zu Muhammed in Jordanien. 

Eine Verbindung, die bleibt

Seit drei Jahren besucht der Fotograf gemeinsam mit seiner Frau immer wieder die syrische Familie. Er hält den Kontakt zu ihr und ihrer Familie: Denn das ist für Muhammed ganz normal, wenn er Menschen auf seinen Reisen fotografiert und ihre Geschichten in die Welt hinausträgt.

Leider hat sich an ihrer Situation seit der ersten Begegnung nicht viel verändert. Noch immer können weder Zahra noch eines ihrer sieben Geschwister zur Schule gehen. Noch immer haben sie kein richtiges Zuhause, und noch immer ist jeder Tag aufs Neue eine echte Herausforderung.

Die schöne Idee eines kleinen Mädchens und eines Fotografen, der mit den Menschen, die er fotografiert stets Kontakt hält, haben diese Brieffreundschaft möglich gemacht.

Und wer weiß: Vielleicht werden sich die beiden Mädchen eines Tages sogar persönlich kennenlernen.

Makani – Hoffnungsort für Kinder

Jordanien: Zahra aus Syrien in einem Makani
© UNICEF Jordan/2018/Herwig

Zahra lächelt – denn sie kann in Jordanien ein UNICEF-Kinderzentrum besuchen. „Makani“ bedeutet „mein Ort“. Hier können Jungen und Mädchen in kindgerechter, sicherer Umgebung spielen und einfach nur Kind sein. Und sie bekommen Unterstützung beim Lernen. Neben Rechnen, Schreiben, Lesen geht es um gesunde Ernährung, Hygiene und Themen, die im Alltag wichtig sind. 

Sie können uns bei diesem und anderen Nothilfeprogrammen für syrische Mädchen und Jungen unterstützen. Damit nicht nur Zahra wieder lächeln kann.

Katharina Kesper
Autor*in Katharina Kesper

Katharina Kesper leitet den Newsroom bei UNICEF und bloggt über kraftvolle Geschichten von Kindern, über die Arbeit der Organisation auf der ganzen Welt, über UNICEF-Helfer*innen und besondere Begegnungen.