FELICIEN ERZÄHLT MIR VOM KRIEG

von Daniel Timme, UNICEF-Mitarbeiter in der Zentralafrikanischen Republik

Ich werde in einem Flüchtlingscamp in Bossangoa von Marion, einer jungen katalanischen Kollegin begrüßt, die auf Kinderschutz in Krisenzeiten spezialisiert ist. Sie beschreibt mir Horrorszenarien:

"Die Seleka-Rebellen überfielen auf ihrem Weg in den Norden Dörfer und plünderten, die Bewohner – Männer wie Frauen und Kinder wurden vergewaltigt und ermordet."

Ihnen auf den Fersen kamen die mehrheitlich christlichen Anti-Balaka Milizen in die Region und nahmen ihrerseits Rache an der unschuldigen muslimischen Bevölkerung. Beide bewaffneten Gruppen hinterließen eine Spur der Zerstörung. Nicht einmal Schulen und Gesundheitszentren wurden verschont. Ich bin schockiert.

Ich begleite Marion zu einer etwas weiter entfernten Hütte, vor der ein Junge in zerrissener Kleidung steht. Routinemäßig besucht sie den zehnjährigen Felicien, um nach dem Rechten zu schauen. Er begrüßt uns mit einem schüchternen Lächeln.

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© UNICEF/Daniel Timme

„Es ist wirklich ein Wunder, dass er überhaupt noch Zeichen von Freude zeigen kann, nach all dem, was er in seinen jungen Jahren schon durchmachen musste.“

Der Junge lebt seit ein paar Wochen in einer Gastfamilie. Nachdem das Eis zwischen uns ein wenig getaut ist, beginnt Felicien, mir etwas von seiner Geschichte zu erzählen:

Felicien führte ein einfaches Leben mit seiner Familie in Bezambe, einem kleinen Dorf in 40 Kilometern Entfernung von Bossangoa. An den Nachmittagen spielte er immer mit den Nachbarskindern am Fluss oder half seinem Vater bei der Feldarbeit. Morgens ging er gemeinsam mit seinen Geschwistern zur Dorfschule. Felicien ist immer gerne zur Schule gegangen. Als ich ihn frage, was seine Lieblingsfächer waren, antwortet er: „Lesen und Rechnen“.

„Das sorglose Kinderleben von Felicien endete eines späten Abends kurz vor Weihnachten.“

Plötzlich waren da laute Schreie und ein Hämmern an der Hauswand. Die Tür wurde eingetreten. Ein Haufen brüllender junger Männer drang mit Macheten und Gewehren in das kleine Haus ein. Einige zerrten seinen Vater und seine Mutter vor die Tür und erschossen sie beide, ohne auch nur einen Moment zu zögern. Andere schlugen mit den Buschmessern auf seine Geschwister ein und zerhackten sie bei lebendigem Leibe. Felicien kroch hinter einen Schrank. Vor Angst erstarrt konnte er nicht einmal weinen.

Nachdem die Eindringlinge abgezogen waren, lief er vor die Tür. Er sah brennende Häuser und überall wimmernde, sterbende Menschen. In einiger Entfernung bemerkte er seine Nachbarn, die in die Büsche flüchteten. Ohne viel nachzudenken rannte er so schnell er konnte hinter ihnen her. Erst am nächsten Morgen traute sich die Gruppe aus ihrem Versteck. Felicien folgte ihnen nach Bossangoa, wo schon Tausende andere Schutz suchten.

Rundgang durch Bossangoa

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Marion berichtet, dass Felicien in einer der typischen provisorischen Unterkünfte, die sich die Binnenflüchtlinge aus UNICEF-Planen bauen, gefunden wurde. Dort hauste er mit einer Gruppe junger Männer. Doch statt ihn zu beschützen und sich um ihn zu kümmern, beuteten sie ihn nur aus und schlugen ihn nach Lust und Laune. UNICEF und eine lokale Partnerorganisation holten ihn aus diesen Verhältnissen heraus und fanden für ihn eine Pflegefamilie im selben Lager.

Dort besucht er jetzt täglich den so genannten kinderfreundlichen Ort, eine Spieloase mitten im Krieg, die UNICEF in jedem Camp einrichtet. Hier können die Kinder spielen, werden zu sinnvollen Freizeitaktivitäten animiert und psycho-sozial betreut.

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Marion zeigt mir einige Bilder, die Felicien und andere Kinder im kinderfreundlichen Zentrum gemalt haben. Es sind schockierende, verstörende Zeichnungen von Mord und Totschlag. Und dennoch seien sie sehr wichtig für den psychischen Heilungsprozess, erklärt Marion. Denn damit die Seele ihren Frieden findet, hilft es ungemein, wenn die Kinder ihre traumatischen Erlebnisse teilen und mit geschulten Mitarbeitern besprechen.

Zentralafrikanische Republik: Kinder beim Zeichnen in Bossangoa

Bilder, die alles sagen: Tote Menschen, zerstörte Häuser – nichts als Angst und Schrecken
© UNICEF CAR 2013/Duvellier

Die kinderfreundlichen Orte von UNICEF sind unerlässlich. Hier finden die Mädchen und Jungen Betreuung, psychosoziale Hilfe, können sich sicher und frei fühlen.

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