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UNICEF KIDS TAKEOVER IM MÜNCHNER RATHAUS

„Macht ein Foto. Schickt es uns. Ich kümmere mich darum.“ Über diese Aussage von Oberbürgermeister Dieter Reiter dürften sich die Schülerinnen und Schüler der Mittelschule an der Simmernstraße besonders gefreut haben. Dass Spielgeräte auf städtischen Spielplätzen funktionieren müssen, leuchtete OB Reiter sofort ein. Ebenso will er dringend informiert werden, wenn in städtischen Schulen Rampen fehlen und behinderte Menschen keinen Zugang finden. Was die von den Schülern bemängelte Sauberkeit auf Spielplätzen angeht, appellierte er jedoch an die Verantwortung aller und berichtete von den Schwierigkeiten der Stadt, im Sommer das Isarufer sauber zu halten.

Am 29.11.2019 hatten Schülerinnen und Schüler mehrere Real-, Mittelschulen und Gymnasien aus München im Rahmen des traditionellen UNICEF Kids Takeover die Gelegenheit, gegenüber hochrangigen Kommunalpolitikern und Experten zu formulieren, wie sie sich eine kinderfreundliche Stadt vorstellen und wie man mehr Bildungsgerechtigkeit erreichen kann. Ihren Fragen und Forderungen stellten sich im historischen kleinen Sitzungssaal des Neuen Rathauses Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter, Landtagsabgeordnete Gülseren Demirel, wie auch die Stadträtinnen Beatrix Burkhardt und Julia Schönfeld-Knor. Vom Bayerischen Kultusministerium kam Ministerialrat Ralf Kaulfuß, vom Referat für Bildung und Sport der Stadt München waren Anita Henselmann und Wolfgang Krug vertreten. Nach einer Begrüßung durch die Münchner UNICEF Arbeitsgruppenleiterin Ursula Auginski formulierten die Schülerinnen und Schüler die von ihnen in wochenlanger Teamarbeit vorbereiteten Ideen und Anträge.

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„Finden Sie unser Bildungssystem gerecht?“ Leandra Engelfried vom Erasmus Grasser-Gymnasium moderierte den Kids Takeover und stellte der Politik unangenehme Fragen.
© UNICEF AG München

Inklusion und Chancengleichheit stehen hoch auf der Agenda

Eine der Hauptforderungen an die Politiker und Entscheider in Stadt und Ministerien war, für ein Mehr an Inklusion und Chancengleichheit zu sorgen. Behinderte Kinder und Jugendliche, wie auch Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund und aus sozial schwachen Familien hätten es besonders schwer: „Nicht jeder ist gleich, aber jeder sollte gleichbehandelt werden“, lautete die Quintessenz der Vortragenden. 

Schüler und Schülerinnen fordern greifbare Stadträte

Zudem forderten die Schülerinnen und Schüler, stärker eingebunden zu werden, wenn zum Beispiel Schulräume, Pausenhöfe oder Freizeitheime geplant werden. Sie wünschen sich greifbare und regional aktive Stadträte und mehr Wissen darüber, wie Demokratie funktioniert – ob innerhalb oder außerhalb des Lehrplans vermittelt.

Gegen die frühe Trennung nach Schulformen

Weiterhin sprachen sie sich für ein längeres gemeinsames Lernen aus. Die Trennung nach Schularten beginne zu früh, Mittelschüler hätten mit vielen Vorurteilen zu kämpfen und ihr Schulabschluss würde oft nicht so anerkannt, wie sie es sich wünschen, lautete die bewegende Einschätzung einer Schülerin von der Mittelschule an der Ichostraße. Aber auch der Lehrermangel an den Schulen kam zur Sprache, die fehlende Digitalkompetenz der Lehrer sowie der Mangel an adäquater Ausstattung: „Ist in unserer Klasse jemand krank, kommen sofort Schüler aus anderen Klassen herbeigelaufen, um sich den freigewordenen Stuhl zu schnappen“, lautete eine Wortmeldung und verwies rhetorisch klug auf die mit Leder bespannten und mit Schnitzereien verzierten Rückenlehnen der Stühle im Rathaussaal. Zudem sprachen sich die Schülerinnen und Schüler für mehr Lerninhalte aus, die für das Leben stärken, etwa Sozialkundeunterricht oder Unterrichtsfächer wie „Lebenspraxis“ oder „Steuererklärung“.


>> Hier geht es zum Studiogespräch von "Radio Hörbar Kinder" mit Ursula Auginski, Leiterin der UNICEF-Arbeitsgruppe München und Oberbayern, in welchem sie über den UNICEF Kids Takeover im Münchner Rathaus berichtet. <<

Mehr Mitspracherecht und Beteiligung gewünscht

Die Geladenen hörten aufmerksam zu, machten sich Notizen, beantworteten Fragen und nahmen „Aufgaben mit nach Hause“. Landtagsabgeordnete Gülseren Demirel will zum Beispiel darüber nachdenken, wie man Kinder und Jugendliche künftig besser an Planungsprozessen beteiligen kann. Stadträtin Beatrix Burkhardt diskutierte mit den Schülerinnen und Schülern über vorhandene Beteiligungsmöglichkeiten wie das Schülerforum im Rathaus, Stadt-Schüler*innenvertretungen sowie Bezirksausschüsse mit Jugendbeauftragten. 

Hausaufgabenheft für die Bildungspolitik

Nach der Diskussion stellte das UNICEF-Juniorteam der Arbeitsgruppe München die Ergebnisse der deutschlandweiten UNICEF-Umfrage „My place my rights“ vor sowie ein „Hausaufgabenheft für die Bildungspolitik“ mit den Meinungen zahlreicher Münchner Schülerinnen und Schüler zum Thema Bildungsgerechtigkeit. 

„Es ist nicht uncool, sich zu engagieren“

Stadträtin Julia Schönfeld-Knor sprach den Schülerinnen und Schülern ein großes Lob für ihre differenzierten Vorträge aus und Ministerialrat Ralf Kaulfuß betonte, wie gut ihm das in den Präsentationen vertretene Menschenbild gefallen hätte. Sein Anliegen sei, die Schülermitverantwortung an allen Schulformen zu stärken und auch finanziell zu fördern. Aber auch die Schülerinnen und Schüler stünden in der Verantwortung und müssten ihre Wünsche kundtun und für ihre Rechte eintreten. „Bitte zeigt Euren Freunden, dass es nicht uncool ist, sich zu engagieren“, appellierte auch einer der vortragenden Schüler vom Erasmus-Grasser-Gymnasium an die Anwesenden. Der Kids Takeover im Münchner Rathaus könnte ein guter Anfang gewesen sein. 

Die beteiligten Schulen

Ein herzlicher Dank geht an alle beteiligten Schulen: Mittelschule an der Simmernstraße, Anne-Frank-Realschule, Erasmus-Grasser-Gymnasium, Mittelschule an der Ichostraße, Karl-von-Linde-Realschule. 

My place my rights

Die Ergebnisse der deutschlandweiten UNICEF-Umfrage „My place my rights“ können Sie hier einsehen. 

Fotos und Text: Christa Manta