Eskalation im Nahen Osten: Eine ganze Generation Kinder gerät immer tiefer in die Krise
Statement von Ted Chaiban, stellv. Direktor von UNICEF, beim UN-Pressebriefing am 23. März in New York
New York/Köln •
„Dreiundzwanzig Tage nach der Eskalation des Konflikts im Nahen Osten zahlen Kinder in der gesamten Region einen schrecklichen Preis. Ein weiteres Abrutschen in einen sich ausweitenden oder langwierigen Konflikt wäre für Millionen weitere Kinder katastrophal.
Mehr als 2.100 Kinder wurden bereits getötet oder verletzt, darunter 206 Kinder im Iran und 118 im Libanon. In Israel wurden vier Kinder getötet, in Kuwait eines. Seit Beginn des Krieges wurden somit im Durchschnitt rund 87 Kinder pro Tag getötet oder verletzt. Es ist davon auszugehen, dass die diese Zahlen weiter steigen, solange die Gewalt anhält.
Hinter diesen Zahlen stehen Eltern, Großeltern, Lehrkräfte, Brüder und Schwestern. Ganze Gemeinden, Städte und ganze Länder stehen unter Schock.
Vertreibung nimmt zu
Darüber hinaus werden in mehreren Ländern immer mehr Menschen vertrieben: Unablässige Bombardierungen und Evakuierungsanordnungen zwingen Familien, ihre Gemeinden zu verlassen – und haben ganze Stadtgebiete leergefegt. Laut UNHCR wurden im Iran bereits 3,2 Millionen Menschen vertrieben, darunter rund 864.000 Kinder. Im Libanon sind mehr als eine Million Menschen auf der Flucht, darunter schätzungsweise 370.000 Kinder. Viele Familien suchen Schutz in öffentlichen Gebäuden, darunter Schulen. Schätzungsweise 90.000 Menschen aus Syrien sind in ihr Heimatland zurückgekehrt, ebenso mehrere Tausend Menschen aus dem Libanon.
In der gesamten Nahostregion lebten schon vor dieser Eskalation rund 44,8 Millionen Kinder im Schatten von Gewalt. Was jetzt geschieht, wird ihre Kindheit – und ihre Zukunftsperspektiven – dauerhaft prägen.
Zu viele Wohnhäuser, Schulen und Krankenhäuser – und damit die Systeme und Dienste, auf die Kinder angewiesen sind – wurden bereits beschädigt oder zerstört. Gesundheitssysteme, die schon zuvor unter Druck standen, geraten an ihre Grenzen. Lieferketten wurden unterbrochen.
Kinder müssen geschützt werden
Der UN-Generalsekretär hat zu einem sofortigen Ende der Kampfhandlungen und zu Deeskalation aufgerufen. Alle Konfliktparteien müssen größtmögliche Zurückhaltung üben. Nach dem humanitären Völkerrecht muss die Zivilgesellschaft jederzeit geschützt werden. Schulen sind keine Ziele. Krankenhäuser sind keine Ziele. Kinder sind keine Ziele.
Ich bin gerade aus dem Libanon zurückgekehrt. Was ich dort gesehen habe – und was sich in der gesamten Region abspielt –, erfordert unsere ungeteilte Aufmerksamkeit und eine klare, gemeinsame Antwort.
Die Lage im Libanon wird seit Jahren immer schwieriger. Wirtschaftlicher Zusammenbruch, fragile Institutionen und immer wieder neue Gewalt erschweren Kindern das Leben. Was jetzt passiert, verschärft die ohnehin enormen Belastungen für Kinder noch einmal deutlich.
Für viele Familien ist es nicht das erste Mal, dass sie fliehen müssen. Es ist ein weiteres Kapitel in einem Kreislauf aus Krisen und Erschütterungen. Viele sind nun wieder in überfüllten Notunterkünften untergebracht – oder kommen bei Angehörigen oder in unfertigen Gebäuden unter, oft unter sehr belastenden Bedingungen. Zugleich wächst die Sorge, dass sich die Lage im Libanon weiter verschlechtert, bevor eine Besserung in Sicht ist.
Mehr als 350 öffentliche Schulen werden derzeit als Notunterkünfte genutzt. Das unterbricht den Unterricht für mehr als 100.000 Schülerinnen und Schüler. Zwar wird versucht, Kindern über Online-Unterricht und andere Wege weiter Zugang zu Bildung zu ermöglichen – doch Schulen sind weit mehr als Orte des Lernens: Sie geben Struktur, bieten Schutz und schaffen Stabilität. Wenn Schulen schließen oder anderweitig genutzt werden, gehen genau diese stabilisierenden Anker verloren.
Angriff auf Wohnhaus: „Unter Trümmern hervorgezogen“
In einem Krankenhaus in Beirut habe ich die 14-jährige Nour getroffen. Sie wird dort wegen schwerer Verletzungen behandelt, nachdem ihr Zuhause bombardiert wurde. Sie erzählte uns, sie habe in ihrem Zimmer geschlafen und sei aufgewacht, umringt von Steinen und Trümmern. Sie habe geschrien – und auch die Menschen um sie herum hätten geschrien. Alle ihre Angehörigen seien verletzt worden. Es habe sich angefühlt, als würde ihr Herz sie zum Schreien zwingen, damit Hilfe kommt. Nour wurde unter den Trümmern hervorgezogen und erhält nun medizinische Hilfe im Krankenhaus. Viele weitere Kinder überlebten nicht.
Dies ist kein Einzelfall. Es steht beispielhaft für die Lage, in der sich Kinder und Familien im gesamten Libanon – und in anderen Teilen der Region – befinden.
Wie bereits erwähnt, wurden im Libanon seit Beginn der Eskalation 118 Kinder getötet und 372 verletzt. Das bedeutet im Durchschnitt jeden Tag ein ganzes Klassenzimmer von Kindern, die getötet oder verletzt werden.
In einer Notunterkunft in Beirut begegnete ich Fatima (15). Sie war mit ihrer Familie aus dem Süden geflohen – in dieselbe Schule, in der sie schon vor 18 Monaten Schutz gesucht hatte. Sie erzählte mir, dass sie in der Nacht vor unserem Gespräch wach gelegen und die Einschläge in den südlichen Vororten Beiruts gehört habe – voller Sorge um ihre Familie, ihre Freundinnen und ihre Zukunft. Alles, was sie sich wünscht, ist, nach Hause zu können und wieder zur Schule zu gehen.
Die öffentlichen Dienste im Libanon stehen unter massivem Druck. Wassersysteme wurden beschädigt, und Gesundheitspersonal wurde getötet, während es versuchte, Menschen zu retten.
UNICEF-Teams unermüdlich im Einsatz
UNICEF hat 151.000 Binnenvertriebene in mehr als 250 Notunterkünften sowie in schwer zugänglichen Gebieten mit Hilfsgütern erreicht. In 188 Notunterkünften unterstützen wir die Wasser- und Sanitärversorgung für rund 46.000 Menschen.
In unseren Warenlagern vor Ort stehen Pakete mit Zusatz- und Spezialnahrung bereit, um Mangelernährung vorzubeugen. Mehr als 13.000 Kinder in Notunterkünften haben Bildungs- und Lernmaterialien erhalten. Vierzehn schwer verletzte Kinder wurden operiert.
Gemeinsam mit den Teams des Welternährungsprogramms (WFP) nutzen wir ein humanitäres Benachrichtigungssystem, um Konvois in den Süden des Landes zu ermöglichen. Dort befinden sich weiterhin einige Tausend Familien – wir konnten sie mit dringend benötigten Wasser-, Nahrungsmittel- und Gesundheitsgütern erreichen.
Doch die Bedarfe steigen schneller als die verfügbaren Ressourcen. Im Rahmen des Nothilfeaufrufs der Vereinten Nationen benötigt UNICEF in den kommenden drei Monaten 48,2 Millionen US-Dollar. Derzeit besteht eine Finanzierungslücke von 86 Prozent.
Wir fordern:
Ein Ende der Kampfhandlungen sowie den Schutz der Zivilbevölkerung und ziviler Infrastruktur. Wir erinnern alle Parteien an ihre Verpflichtungen nach dem humanitären Völkerrecht. Wie der UN-Generalsekretär betont hat, braucht es Deeskalation und einen politischen Weg aus diesem Krieg.
Sicheren, schnellen und ungehinderten humanitären Zugang, damit Hilfsmissionen – wie die derzeitigen Fahrten in den Süden – durchgeführt werden können. Das wird zunehmend schwieriger, da mehrere Brücken zerstört oder unpassierbar sind.
Dringende finanzielle Unterstützung, um unsere Hilfe aufrechtzuerhalten.“
Service für die Redaktionen
Gerne vermitteln wir Interviews mit den UNICEF-Teams in der Region.
Aktuelle Bild- und Videomaterialien finden Sie hier.